Nach 22 Monaten Pandemie seien die Intensivteams "erschöpft", so Marx.
Nach 22 Monaten Pandemie seien die Intensivteams "erschöpft", so Marx. Bild: iStockphoto / RyanKing999
Interview

DIVI-Präsident Gernot Marx zu Ungeimpften auf der Intensivstation: "Man erlebt durchaus, dass sich angesichts des Todes die Sichtweise verändert"

17.11.2021, 17:0318.11.2021, 10:52

Seit Wochen schlagen Intensivmediziner Alarm und jetzt, mitten in der vierten Welle, ist eingetreten, was sie kommen sahen: Der Personalmangel führt zu weniger verfügbaren Betten auf deutschen Intensivstationen, gleichzeitig klettern die Neuinfektionszahlen und damit auch die Anzahl der zu behandelnden Corona-Patienten rasant. Was nun?

Prof. Gernot Marx ist Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen und Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e. V. (DIVI). Mit watson sprach er über Erschöpfung auf den Intensivstationen und die Notwendigkeit einer finanziellen Wertschätzung für die Pfleger, die weiter in ihrem Beruf durchhalten.

DIVI-Präsident Prof. Gernot Marx
DIVI-Präsident Prof. Gernot MarxBild: Janine Schmitz/photothek.de / Janine Schmitz

watson: Wie ist denn die Stimmung unter Intensivmedizinern und –pflegern im Moment?

Gernot Marx: Sehr unterschiedlich. Insbesondere in den betroffenen Regionen wie Bayern, Sachsen und Thüringen, aber auch in den Ballungszentren wie Berlin ist die Stimmung total angespannt. Die Kollegen sind da ganz schwer unter Druck: Da sind in den Häusern vielleicht zwölf Intensivbetten verfügbar, die gerade alle voll sind und dann kommt der nächste Notfall rein – das ist gar nicht immer Corona, sondern ein Verkehrsunfall oder ein Blinddarmdurchbruch – und plötzlich weiß das Team nicht mehr, wo sie diesen Notfallpatienten noch behandeln können.

Und was dann?

Da müssen dann eben neue Plätze aufgemacht werden, obwohl das Personal dafür fehlt oder man muss einen anderen Patienten verlegen. Das sind derzeit leider sehr häufige Stressmomente, die einfach unglaublich anstrengend sind. Man darf nicht vergessen: Die Corona-Pandemie dauert inzwischen 22 Monate. Wir Intensivteams hatten immer entweder Corona-Wellen zu bewältigen oder zwischen den Wellen einen Stau von planbaren OP's, die wir aufarbeiten mussten. Die Betten waren also durchgehend gleichbleibend belegt. Freie Betten brauchen sie für die gerade beschriebenen Notfallpatienten, das sollten etwa zwei pro Intensivstation oder 80 Prozent der Betten sein. Und diese 80 Prozent sind seit unserer Datenerfassung im DIVI-Intensivregister seit Frühjahr 2020 voll. Wir arbeiten seit 22 Monaten im totalen Dauerlauf und sind erschöpft.

"Wir arbeiten seit 22 Monaten im totalen Dauerlauf und sind erschöpft."

Es muss frustrierend sein, dem eigenen Arbeitsanspruch nicht mehr gerecht werden zu können.

Irgendwie schaffen wir es in den Intensivteams ja trotzdem immer. Aber wenn man jetzt nach Portugal schaut, wo über 80 Prozent der Bevölkerung geimpft ist, erleben die zwar auch einen Anstieg an Infektionen, aber auf einem ganz anderen Niveau. An diesem Punkt könnten wir auch sein! Als Mediziner, gerade als Intensivmediziner, ist es schon schwer zu ertragen, wenn man weiß, dass die Gesellschaft ein so wirkungsvolles Instrument zur Prävention zur Verfügung hat, es aber nicht nutzt. Es tut uns auch leid, die Folgen zu sehen: Wir erleben auf der Station Familienväter und Familienmütter, junge Menschen, die mitten im Leben stehen und keine andere Erkrankung außer Covid-19 haben – dennoch bekommen wir viele von ihnen nicht mehr zurück ins Leben. Das ist schon extrem. Das muss man einfach so sagen.

Wie viele der Intensivpatienten sind denn überhaupt Corona-Patienten?

Im Moment ist das regional noch sehr unterschiedlich. In den eben bereits genannten Bundesländern sind rund ein Viertel der Intensivpatienten, Covid-19-Patienten. Es gibt einen klare Süd-Ost-Schwerpunkt in der derzeitigen Welle. In anderen Bundesländern machen Corona-Kranke daher "erst" 10 Prozent aus. Das wird aber nicht so bleiben, denn etwa ein Prozent aller Corona-Erkrankten landen auf der Intensivstation. Wenn man sich die Neuinfektionszahlen anschaut, weiß man also schon, dass wir in zehn bis 12 Tagen ein paar Tausend Patienten mehr haben werden. Weil man diese beunruhigende Dynamik so klar vor sich sieht, braucht es umgehend Beschlüsse der Regierung. Wir müssen jetzt handeln.

Die Regierung kündigte bereits einen "Lockdown für Ungeimpfte" an. Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Die einzelnen Maßnahmen will ich als Intensivmediziner nicht kommentieren. Worum es einfach geht ist, dass wir die Ungeimpften schützen müssen. Wir Intensivmediziner sind zudem auch unseren Patienten und Mitarbeitern verpflichtet. Die Politik sollte jetzt wirklich bald bundeseinheitliche Beschlüsse fällen, um das Infektionsgeschehen einzudämmen.

"Man erlebt durchaus, dass sich angesichts des Todes die Sichtweise verändert."

Die epidemische Lage wird allerdings auslaufen.

Es sendet unseres Erachtens ein völlig falsches Signal, die epidemische Lage nationaler Tragweite auslaufen zu lassen. Denn wir befinden uns doch genau dort: In einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite.

In der Debatte um Intensivstationen geht es derzeit oft um den Bettenmangel, Personalmangel und die zu geringe Impfquote. Was halten Sie kurzfristig für das drängendste Problem von allen?

Ein ganz wichtiger Punkt ist die Verbesserung eines niedrigschwelligen Impfangebotes, inklusive der Booster-Impfungen. Wir müssen möglichst schnell viele Menschen erst-impfen, zweit-impfen und Booster-impfen. Dafür brauchen wir mobile Impfbusse, Impfzentren und sollten die Betriebs- und Fachärzte einbinden. Der Dokumentationsaufwand der Corona-Impfung ist für Ärzte noch ungleich höher als bei anderen Impfungen, das sollte auf das übliche Niveau herabgesenkt werden, damit wir einfach schneller werden. Es gibt außerdem verbesserte Haltbarkeitshinweise der Impfungen und diese sollten entsprechend freigegeben werden. Wir boostern momentan noch zu wenig, dabei hat Israel uns allen gezeigt, dass die vierte Welle durch eine kritische Menge an Booster-Impfungen durchaus wieder abflachen kann. Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger werden wir mir schweren Verläufen auf der Intensivstation sehen. Das hat absolute Priorität, raus aus der Pandemie zu kommen.

Und außer der Impfkampagne?

Wir brauchen sicher Regelungen zu Kontaktbeschränkungen und in allen öffentlichen Räumen müsste weiter Maskenpflicht gelten. Was wir auch brauchen, ist eine Testpflicht in Kliniken und Pflegeheimen, für Mitarbeiter und Besucher – auch wenn sie geimpft und genesen sind, weil sie weiterhin unbemerkt das Virus verbreiten können. Auch hier geht es um den Schutz der Patienten, insbesondere der Ungeimpften.

"Hier ist wirklich mal ein substanzielles Signal der Wertschätzung notwendig. Eine Möglichkeit wäre, zu sagen, für die Intensivpflegekräfte gilt dieses Jahr Brutto statt Netto."

Erleben Sie bei ungeimpften Patienten einen Sinneswandel, wenn sie durch Corona in der Klinik gelandet sind? Lassen sich einige danach doch noch impfen?

Dazu will ich mich nicht groß äußern, denn das sind sehr individuelle Erfahrungen. Aber ich sage mal so: Man erlebt durchaus, dass sich angesichts des Todes die Sichtweise verändert.

Wir reden immer über die Corona-Probleme. Aber der Pflegermangel wird uns auch nach der Pandemie erhalten bleiben. Beunruhigt Sie das?

Offen gestanden ist das meine größte Sorge. Denn um in der Intensivmedizin tätig sein zu dürfen, bedarf es jahrelanger Ausbildung. Das sind ganz wertvolle, hochausgebildete Menschen. Und viele von denen gehen jetzt aus dem Beruf raus. Nachdem wir also irgendwann Corona bewältigt haben werden, haben wir dann immer noch – wie vorher auch – jedes Jahr zwei Millionen Intensivpatienten in Deutschland zu versorgen, und dafür brauchen wir viel Personal.

Was könnte die Politik denn langfristig dagegen tun?

Der Appell an die Politik ist: Da muss jetzt wirklich etwas passieren! Wir haben schon vor Monaten ein Aktionspapier mit kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Vorschlägen publiziert, um den Beruf wieder attraktiver zu machen, darunter Vorschläge, die jetzt und sofort ein Signal sind, Menschen zum Durchhalten und weitermachen motivieren, als Zeichen der Anerkennung Wirkung entfalten können – finanzielle Anreize, psychologische Unterstützung und Kompetenzerweiterung.

Und daraufhin passiert ist?

Nichts! Und wir haben schon zu Ostern gesagt, dass wir dann wirkliche Probleme in der Intensivmedizin bekommen werden. Deswegen fühlen sich unsere Pflegekräfte im Stich gelassen. Ich kann nur appellieren: Hier ist wirklich mal ein substantielles Signal der Wertschätzung notwendig. Eine Möglichkeit wäre zu sagen, für die Intensivpflegekräfte gilt dieses Jahr Brutto statt Netto. Keine Steuern für euch. Einfach auch um zu zeigen, dass die Politik verstanden hat, wie sehr wir diese Berufsgruppe schätzen. Denn wir brauchen sie!

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