Leben
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Norman Roßberg erfuhr mit 33, dass er Krebs hat.

Optimistisch trotz Krebs-Erkrankung: "Ich werde nicht den Rest meines Lebens trauern"

Als Norman Roßberg vor drei Jahren erfuhr, dass er Blutkrebs hat, brach für einen Moment seine Welt zusammen. Es folgten viele Tage im Krankenhaus und unangenehme Therapien. Trotz schlimmer Lebensumstände blieb er optimistisch. Denn er war nie allein.

Mein Partner und ich sind leidenschaftliche Geocacher – quasi Schatzsucher. Bei Wind und Wetter wateten wir durch Wälder auf der Suche nach kleinen Schätzen. Entsprechend rutschten wir auch mal aus. Einmal stürzte ich jedoch so übel, dass ich mich daraufhin mit Rückenschmerzen plagen musste.

Leider wurden diese von Tag zu Tag schlimmer. Als ich irgendwann nicht einmal mehr meine Jacke, geschweige denn meine Aktentasche tragen konnte, läuteten bei mir die Alarmglocken. Ich suchte mehrere Ärzte auf, doch keiner konnte etwas feststellen. Sie verschrieben mir Krankengymnastik.

Nach der fünften Sitzung ohne sichtbare Besserung, zog mein Physiotherapeut die Reißleine. Er schickte mich zum MRT. Auf dem Bild sah ich dann, dass meine Knochenstruktur in der Wirbelsäule und im Becken schwarze Flecken hatte. Ich fragte direkt, ob es Krebs sei. Der Arzt nickte.

Für einen Moment dachte ich, dass ich das Bewusstsein verliere. Mir war schlecht und alles drehte sich. Zu dem Zeitpunkt war ich 33.

Nach der Untersuchung fragte ich meinen Lebenspartner, ob er mich abholen könne. Er kam sofort. Als ich ihm von der Diagnose erzählte, blieb er ruhig. Ich selbst war völlig aufgelöst und weinte viel. Noch am selben Tag ging er zum Sport. Als er wiederkam, bat ich ihn, mit mir eine Kleinigkeit essen zu gehen. Denn zu Hause fühlte ich mich unwohl.

"Ich bin einer der Jüngsten mit dieser Krebs-Erkrankung"

Als wir am nächsten Tag meine Sachen fürs Krankenhaus packten, sprachen wir nicht. Kaum waren wir fertig, schnappte er sich kommentarlos die Tasche. Ihm war klar, dass ich sie mit meinem Rücken nicht tragen konnte. Schweigend gingen wir zur Tür. Bevor wir das Haus verließen, brach er in Tränen aus. Ich sagte ihm, dass wir das schaffen werden und er antwortete: "Wir schaffen das gemeinsam."

Im Krankenhaus erfuhr ich endlich, was Sache ist: Multiples Myelom. Das ist eine Erkrankung des blutbildenden Systems. Viele denken bei Blutkrebs an Leukämie, dabei gibt es viele verschiedene Arten. Meine ist sehr aggressiv und relativ selten – zumindest in meinem Alter.

Die Krankheit tritt typischerweise bei Menschen ab 60 Jahren auf. Entsprechend kann ich sagen: Ich bin hierzulande einer der Jüngsten mit dieser Erkrankung. Damals sagte man mir noch, dass das heilbar sei. Heute weiß ich, dem ist nicht so.

"Er wich nicht von meiner Seite"

Die Therapie war anstrengend. Zunächst durchlief ich zwei Chemo-Zyklen, bei denen die blutbildenden Zellen in meinem Rückenmark zerstört werden sollten. Mittels Stammzellen, die mir die Ärzte entnahmen, sollten diese wieder ersetzt werden.

Nicht nur, dass mich die Chemo alle Haare kostete, ich war auch wegen meiner vom Krebs zerfressenen Wirbelsäule sechs Wochen lang ans Bett gebunden. Denn ein falscher Schritt hätte mich im Bestfall in den Rollstuhl befördert – und im Schlimmstfall umgebracht.

Mein Partner begleitete mich über den gesamten Zeitraum. Er brachte mir Wäsche, Bücher oder unterhielt sich mit mir. Das gab mir Kraft. Ich sagte ihm regelmäßig, dass er sich auch Zeit für sich nehmen sollte, sofern er sie braucht. Er blieb.

"Er musste nie den Starken spielen"

Dazu muss ich sagen, dass er zu dem Zeitpunkt erst 26 war. In dem Alter hat man wahrscheinlich Besseres zu tun, als tagtäglich in einem Krankenhaus herumzuhängen. Und das neben seinem dualen Studium.

Doch Arbeit, Uni und Krankenhausbesuche zogen nicht spurlos an ihm vorbei. Er ging zu einem Arzt und schilderte die Lage. Darauf bekam er ein Attest für drei Wochen, die er großteils bei mir verbrachte.

Ich hatte nie das Gefühl, dass er versucht, den Starken zu spielen. Er verhielt sich wie immer. Für ihn war es selbstverständlich, die Situation gemeinsam zu meistern.

Es folgten Tage, an denen ich wieder lachen konnte. Gott sei Dank brauchte ich nie psychologische Betreuung. Depressionen sind bei einer Krebserkrankung keine Seltenheit. Zwar gibt es bis heute Momente, in denen ich weine, aber eine Grenze überschreite ich nie. Denn ich glaube fest daran, dass die Psyche beim Heilungsprozess eine sehr große Rolle spielt. Dadurch habe ich mich auch charakterlich verändert.

"Ich habe alle Zeit der Welt"

Viele Dinge sind mir viel wichtiger geworden. Jeden Morgen schaue ich etwa aus dem Fenster und freue mich. Völlig egal, ob es regnet, stürmt, schneit oder die Sonne scheint. Auch fällt es mir leichter, mir Zeit für mich zu nehmen. Will ich mich mal nur vor dem Fernseher berieseln lassen, mache ich das einfach. Früher wäre das für mich verschwendete Lebenszeit gewesen.

Doch auch Alltagsquengelei gibt es bei mir nicht. Wenn ich heute in meiner Stammapotheke länger auf meine Medikamente warte und sich die Mitarbeiter entschuldigen, weise ich sie darauf hin, dass ich alle Zeit der Welt habe.

Solange ich selbst in die Apotheke gehen kann, um meine Medikamente zu holen, ist alles in Ordnung. Mich nervte es schon früher, wenn Menschen mit ihrer Ungeduld anderen das Leben schwer machen. Heute umso mehr.

"Der Krebs kann jeden Tag zurückkommen"

Drei Jahre pendelte ich zwischen Krankenhaus und Wohnung. Heute habe ich keine Krebszellen mehr in meinem Körper. Ich weiß nicht, ob ich die Therapie ohne den Rückhalt meines Partners überstanden hätte. Es gibt genug Menschen, die sich nach so einer Diagnose von ihrem Partner getrennt hätten. Doch er stand das mit mir durch. Und heute sind wir seit fast zehn Jahren zusammen.

Das Thema Krebs ist in unserer Beziehung nach wie vor präsent. Doch auch wenn ich weiß, dass der Krebs wiederkommen kann, möchte ich ihm keine Kontrolle über mein Leben geben. Entsprechend schließe ich mich nicht ein, verdunkle die Fenster und verfalle in Depri-Stimmung. Denn egal, wie lange mein Leben noch geht, ich versuche jeden Tag und jeden Moment vollständig auszukosten.

Norman ist Teil der Dokumentation "Hier und Jetzt" bei RTL2. Dort erzählt er, wie er mit seiner Erkrankung heute umgeht und wie er Menschen über Krebs aufklären will.

Protokoll: Tim Kröplin

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