Leben
Doctor vaccinating a woman in the clinic.

Wer sollte zuerst geimpft werden? (Symbolbild) Bild: iStockphoto

Warum es ein Fehler sein könnte, zuerst die Risikogruppen zu impfen

Um die Ausbreitung der aktuellen Corona-Pandemie langfristig unter Kontrolle zu kriegen, braucht es einen Impfstoff. Denn erst, wenn ein Großteil der Bevölkerung immun gegen Covid-19 ist, können sich die Viren nicht mehr unbegrenzt weiterverbreiten. Normalerweise dauert die Entwicklung entsprechender Stoffe Jahre. Für einige Krankheiten wie Malaria wurde bis heute kein passender Impfstoff gefunden.

Doch weil es aktuell so wichtig ist, einen Corona-Impfstoff zu finden, arbeiten weltweit zahlreiche Forscherteams an einer Lösung. Erste Tests an Menschen wurden bereits gestartet. Bis ein Impfstoff zugelassen wird, dauert es aber noch ein wenig.

Es gibt zwei Ansätze

Grundsätzlich gibt es zwei gängige Impfstoffarten: Tot- und Lebendimpfstoffe. Während erstere auf abgetöteten Erregern basieren und regelmäßig aufgefrischt werden müssen, werden dem Patienten bei letzterem abgeschwächte Erreger verabreicht. Eine Auffrischung braucht es dann meist nicht mehr. So funktioniert etwa die Masernimpfung.

Beide Ansätze werden für die Corona-Impfung geprüft. Welcher sich durchsetzen wird, kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. "Es gibt ganz hoffnungsvolle Anfangsdaten für beide Ansätze", sagt Virologe Christian Drosten im aktuellen NDR-Podcast "Coronavirus Update".

Christian Drosten, director of the institute for virology of Berlin's Charite hospital speaks during an interview with the Associated Press on his researches on the coronavirus in Berlin, Germany, Tuesday, Jan. 21, 2020. (AP Photo/Michael Sohn) |

Virologe Christian Drosten beantwortet täglich im NDR-Podcast "Coronavirus Update" aktuelle Frage zur Corona-Pandemie. Bild: AP/Michael Sohn

Der Vorteil von Totimpfstoffen liegt unter anderem darin, dass sie sich schneller für die breite Masse herstellen lassen. "Aber diese Impfstoffe brauchen Vorlauf, bevor sie in großer Menge hergestellt werden können", erklärt Drosten.

Wenn der Körper den Impfstoff selbst produziert

Schneller könnte die Impfstoffentwicklung über einen moderneren Ansatz gehen, bei dem lediglich genetisches Material in Form von RNA gespritzt wird. Solche Ansätze kommen häufig aus dem Bereich der Krebsforschung und basieren darauf, dass die körpereignen Zellen das Protein des Impfstoffs selbst herstellen.

Impfstoffe dieser Art könnten laut Drosten eventuell schon sehr schnell zur Verfügung stehen – allerdings nicht in großer Menge. "Hier müsste man dann überlegen, ob es bestimmte Zielgruppen gibt, denen man den Impfstoff zuerst verabreicht", erklärt der Virologe. Das könnte zum Beispiel Klinikpersonal sein, das grundsätzlich gesund ist, aber häufig mit Infizierten in Kontakt kommt und so eine größere Ansteckungsgefahr hat.

"Natürlich ist es häufig der erste Impuls, zu sagen, dass der erste Impfstoff den Risikogruppen zustehen sollte. Diese Überlegung ist jedoch etwas zu einfach gedacht."

Christian Drosten ndr

Denn wenn die ersten Impfstoffe nur in geringer Menge zur Verfügung stünden, ginge es darum mit wenig Impfstoff einen möglichst großen Effekt in der Bevölkerung zu erzielen. "Das Impfen von Klinikpersonal hat den allergrößten Effekt", sagt Drosten. Schließlich sei es wichtig zu verhindern, dass dieses ausfällt.

Ein komplexes Problem

Bei Risikogruppen wie älteren Menschen gäbe es hingegen das Problem, dass sie eine höhere Dosis des Mittels bräuchten, um immun zu werden. Das zu gewährleisten, sei jedoch schwierig, wenn der Impfstoff zunächst nur in geringen Mengen zur Verfügung steht. Drosten stellt ein einfaches Rechenbeispiel auf:

Angenommen Risikogruppen bräuchten fünfmal mehr Impfstoff, um immun zu werden. Dann müsste man sich entscheiden, ob man, wenn man fünfmal mehr Impfstoff herstellt, damit ebendiese Risikogruppen impft, oder fünfmal so viele normale Patienten. Letzteres würde die Immunität in der Gesamtbevölkerung wesentlich schneller erhöhen.

Letztendlich seien das alles aber Überlegungen, die sich nicht so einfach pauschalisieren lassen. Jeder Impfstoff könnte ein anderes Problem mit sich bringen, was wieder zu ganz anderen ethischen Fragen führt.

Solltet ihr Lust auf weitere Podcasts zum Thema Gesundheit und Coronavirus haben, könnt ihr euch auch den Gesundheits-Podcast von den Kollegen von T-Online anhören.

(tkr)

3 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3

Hochfunktionale Depression: Wenn niemand merkt, wie krank du wirklich bist

Liliana Kröger (Name von der Redaktion geändert), 34, leidet an einer sogenannten atypischen Depression: Obwohl sie erfolgreich im Beruf ist und ihren Alltag gut bewältigt, ist sie depressiv. Ihre Form der Depression wird manchmal auch "hochfunktionale Depression" genannt. Lilianas Leiden wurde jahrelang nicht diagnostiziert – unter anderem auch, weil sie sich nicht zum Arzt traute, da sie sich nicht "krank genug" fühlte. So empfindet ein Mensch, der nach außen hin seinen Alltag meistert – und tr

Heute morgen wache ich auf und es ist schon hell, aber die Sonne scheint nicht. Zumindest fühlt es sich so an.

Ich drücke den Snooze-Button auf meinem Wecker, nur noch zehn Minuten. Ich fühlte mich wie gerädert, frage mich, wie ich aus dem Bett kommen soll. Die letzte Nacht habe ich wieder schlecht geschlafen, im Traum ist die Welt untergegangen. Das träume ich häufig, wenn es mir nicht gut geht.

Ich quäle mich aus dem Bett, ziehe mich an, lese die Nachricht einer Freundin, die mich heute Abend …

Artikel lesen
Link zum Artikel