Leben
Im Verlauf der Corona-Krise gibt es eine entscheidende Phase

Behandlung eines Covid-19-Patienten. Bild: KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI

Krankheitsverlauf bei Covid-19: Die entscheidende Phase

"Tag 13 meiner Covid-19-Erkrankung und die Symptome geben sich die Klinke in die Hand." In den vergangenen Tagen sei sie zwischen Notaufnahme und unvermittelten Energie-Schüben, gefolgt von Hustenanfällen hin und hergewechselt. So beschrieb die US-Autorin Whitney Bell am Dienstag ihren Krankheitsverlauf in einem ausführlichen Instagram-Post.

Ihre Darstellung des Krankheitsverlaufs deckt sich mit der des Robert-Koch-Instituts: "Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren stark, von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod", heißt es im Corona-Steckbrief. Allgemein gültige Aussagen zu einem "typischen Krankheitsverlauf" ließen sich daher nicht treffen.

Fest scheint nur eines zu stehen: Covid-19 ist eine schwer zu fassende Krankheit.

Es gehört zu den immer wieder gepredigten Zeilen dieser Pandemie: Wenig ist bekannt über das Coronavirus und die von ihm ausgelöste Krankheit. Vorhandene Daten sind nicht vollständig oder aussagekräftig genug.

Zeit der Entscheidung

Und dennoch: Immer wieder trauen sich Forscher und Forscherinnen aus ihrer wissenschaftlichen Deckung heraus. Es zeigt sich dabei, dass es im Krankheitsverlauf zumindest eine sehr entscheidende Phase gibt: die ersten Tage nach Ausbruch der Erkrankung, also zwischen vier bis 10 Tage nach Ansteckung.

Wie lange dieser Zeitraum dauert, ist unklar. Es gibt aber Anhaltspunkte. Gegenüber der "Welt" sagte der Pneumologe Klaus Rabe, es sei nicht ungewöhnlich, dass es "ab Tag fünf, sechs oder sieben" zu einer Verschlechterung im Krankheitsverlauf kommen könne.

Das RKI geht in einem Modell davon aus, dass es im Schnitt vier Tage sind, die zwischen ersten Covid-19-Anzeichen und einer Aufnahme ins Krankenhaus vergehen, falls diese notwendig werden sollte. Die Uniklinik Aachen machte eine ähnliche Beobachtung. Bei ihren ersten 50 Corona-Patienten vergingen von Ausbruch der Krankheit bis Ankunft in der Klinik zwischen einem und acht Tagen.

Der Fall Boris Johnson zeigt allerdings, dass diese Zeit auch bis zu zehn Tage dauern kann. Er berichtete von hartnäckigen Symptomen, vor allem Fieber und schwerem Husten.

Unabhängig von ihrer Dauer: Innerhalb dieser kritischen Phase ist das Immunsystem der Schutzschild, das darüber zu bestimmen scheint, ob der Erreger im Nasen- und Rachenraum bleibt oder sich bis zur Lunge ausbreitet.

In dieser kritischen Phase entscheidet sich offenbar, ob der Patient – so wie 80 Prozent der Infizierten – einen milden Verlauf der Krankheit oder einen schweren erfährt. Gefährlich wird es, wenn sich nach einigen Tagen eine Lungenentzündung ausbildet.

Warum der Verlauf der Krankheit so unterschiedlich ist, ist nicht geklärt. Aber es gibt Vermutungen.

Das Coronavirus und die Lunge

Charité-Chefvirologe Christian Drosten deutete in seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" an, dass die Schwere des Krankheitsverlaufs auch davon abhängig sein könne, ob das Virus direkt in die Lunge eingeatmet wird. Sei dies nicht der Fall, könnte dem Immunsystem ausreichend Zeit zur Verfügung stehen, Antikörper zu bilden und die Krankheit zu bekämpfen, bevor sie einen schweren Verlauf annimmt.

Dieser Kampf kann sich in den bekannten Symptomen äußern: Fieber, Husten Halsschmerzen und Schnupfen. In einigen Fällen verläuft die Krankheit gar symptomfrei. Gewinnt das Immunsystem den Kampf, dann dürfen Patienten und Patientinnen mit einem milden bis moderaten Krankheitsverlauf rechnen.

Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass die Lunge nicht trotzdem schon angegriffen ist: Auch bei einem moderaten Krankheitsverlauf hat das Virus die Lunge erreicht, heißt es im Corona-Steckbrief. Die hervorgerufene Lungenentzündung ist bei moderatem Krankheitsverlauf allerdings nur eine leichte. Dabei ist weniger als die Hälfte der Lunge betroffen, Atemnot tritt nicht auf und die Sauerstoffsättigung des Blutes liegt bei über 93 Prozent.

Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, ob und wie tief das Virus in die Lunge gelangt, ist bislang nicht abschließend geklärt. Als Risikofaktoren für einen schweren Krankheitsverlauf gelten nach derzeitigem Wissensstand allerdings vor allem Rauchen, Adipositas, Vorerkrankungen an Herz und Lunge sowie ein höheres Alter.

(pcl)

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