Leben
Berlin, Demo f

Polizisten bei der "Stillen Demo" vergangenen Samstag am Alexanderplatz in Berlin. Bild: www.imago-images.de / Christian Spicker

Interview

"Die Verachtung trifft härter als die Flasche": Wie Polizisten Anfeindungen erleben

Kritik an der Polizei mehrt sich in den vergangenen Tagen von vielen Seiten: Nach der "Stillen Demo" am Samstag in Berlin, an der mehr als 10.000 Menschen teilgenommen hatten, kam es zu Eskalationen. 93 Menschen wurden festgenommen, 28 Polizeibeamte leicht verletzt. In Hamburg wurden Wasserwerfer gegen Demonstranten eingesetzt.

Auch vonseiten der Polizei ist es zu Gewaltakten gekommen. Auf Twitter kursieren seit dem Wochenende Videos von Polizisten, die meist schwarze Demonstrierende aus der Menge ziehen und zu Boden schlagen. In einem Video ruft eine junge Frau im Hintergrund, während ein junger schwarzer Mann von mehreren Beamten verprügelt wird: "Das ist nur ein Mann! Hat George Floyd nicht gerreicht?"

Es sind gruselige Bilder, die durch die sozialen Medien kursieren. Bilder, die alles andere als ein gutes Licht auf die Polizei werfen.

Dass nicht alle Polizisten wahllos Gewalt ausüben und rechtes Gedankengut pflegen, sollte klar sein. Die große Mehrheit, die sinnlose Ausschreitungen und Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder Religion verurteilt, leidet unter der aktuellen Stimmung. Das weiß auch Dietrich Bredt-Dehnen: Er ist Pfarrer bei der Polizei und leitet die Polizeiseelsorge der Evangelischen Kirche. Täglich arbeitet er Polizeibeamten, die versuchen, mit Anfeindungen aus der Bevölkerung umzugehen – ohne selbst wütend zu werden.

"Viele Beamte fühlen sich gerade in ihrem Ehrgefühl angegriffen, weil sie mit der Polizei in den USA verglichen werden."

watson: Weltweit haben in den vergangenen Wochen Demonstrationen gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt stattgefunden, Auslöser war der Tod von George Floyd. Das Feindbild Polizist scheint wieder zu wachsen – wie erleben Sie das bei der Seelsorge?

Dietrich Bredt-Dehnen: Das ist ein Riesenproblem, allerdings nicht nur wegen der jüngsten Ereignisse um George Floyd, sondern schon seit Längerem. Das ist paradox, denn einerseits genießen Polizisten vonseiten der Bevölkerung großes Vertrauen – und das sogar in einer Zeit, in der viele Menschen Misstrauen gegen öffentliche Institutionen hegen. Andererseits fühlen sich viele Beamte gerade in ihrem Ehrgefühl angegriffen, weil sie mit der Polizei in den USA verglichen werden – das ist natürlich eine ganz andere Situation in den Staaten.

Inwiefern?

Abgesehen davon, dass die Gesellschaft und die Geschichte mit Rassismus gegen schwarze Menschen eine ganz andere ist, verläuft die Ausbildung der Polizisten dort ganz anders. Sie dauert gerade einmal fünf bis sechs Monate. Hier in Nordrhein-Westfalen umfasst die Ausbildung zwei Jahre Studium plus viele Praxisanteile. Zudem stehen Werteorientierung sowie Deeskalationstraining sehr stark im Vordergrund. Das Schießtraining läuft beispielsweise auch unter dem Titel: "Schießen – Nicht schießen", da gezielt beigebracht wird, dass Worte die stärkste Waffe sind. Das bewahrt die Polizisten allerdings nicht immer davor, in allen Lebenslagen immer die Nerven zu bewahren.

In welchen Situationen geschieht es denn, dass Polizisten die Fassung verlieren?

Das ist immer sehr kontextabhängig. Ich merke in meiner Arbeit allerdings: Gerade Polizisten, die auf der Straße unterwegs sind, erfahren häufig Anfeindungen und auch Gewalt. Nehmen Sie zum Beispiel die Altstadtwache in Düsseldorf: Wenn dort am Wochenende in und vor den Bars und Klubs gefeiert wird, ist das kein Witz mehr, was Beamte auf Streife manchmal erleben. Sie werden angepöbelt, mit Bier bespritzt oder auch mit Flaschen beworfen. Die Verachtung trifft einen aber manchmal stärker als die Bierflasche.

"Es darf nicht passieren, dass Polizisten unrechtmäßig Gewalt anwenden."

Von wem kommen denn solche Angriffe?

Häufig sind es junge Männer, ich würde schätzen zwischen 16 und 35 Jahren. Oft ist auch Alkohol mit im Spiel, wenn eine Situation eskaliert. Auch bei Demonstrationen kommt es natürlich zu Ausnahmesituationen, wo die Polizei dann auch dementsprechend hart reagieren muss – leider manchmal zu hart. Wenn die Steine auf die Polizeibeamten fliegen, ist es allerdings manchmal schwierig, noch deeskalierend handeln zu können.

Wie auch bei den jüngsten Demonstrationen am Samstag. Da sind ziemlich heftige Bilder zu sehen, bei denen Polizisten vereinzelte Menschen gewaltvoll zu Boden drücken.

Es darf nicht passieren, dass Polizisten unrechtmäßig Gewalt anwenden, keine Frage. Gleichzeitig werden sie dazu ausgebildet, kontrolliert Gewalt anzuwenden, wenn es die Situation verlangt. Es ist von außen manchmal schwer nachzuvollziehen, was tatsächlich gerechtfertigt ist, wenn man zum Beispiel nur den Ausschnitt eines Videos sieht. Wenn zum Beispiel in einem Clip ein Mann aus der Menge gezogen und am Boden fixiert wird, wissen wir natürlich nicht, wie es zu dieser Situation gekommen ist und warum diese Maßnahme aus Sicherheitsgründen vielleicht auch notwendig war.

Andererseits wurden nach den Demos in Hamburg 35 Jugendliche, teilweise auch Minderjährige, an die Wand gestellt und von der Polizei kontrolliert. Dabei waren einige von ihnen nicht einmal Demonstranten, sondern nur zufällig vorbeigekommen – sahen aber zufällig aus wie jemand, der protestieren würde. Das darf dann auch nicht passieren.

"In der öffentlichen Wahrnehmung fehlt da oft der differenzierte Blick."

Das klingt so, als hätten die Polizisten in diesem Fall entsprechend ihrer Vorurteile gehandelt?

Und das ist unter Umständen auch schwierig, das nicht zu tun. Vor allem, wenn ein Polizeibeamter über längere Zeit beispielsweise in einem Brennpunktviertel eingesetzt wird, in dem es viele Menschen mit Migrationshintergrund gibt, entstehen Vorurteile – meist ohne, dass die Beamten das wollen. Wer zum Beispiel täglich mit türkischstämmigen Tatverdächtigen zu tun hat, muss aufpassen, nicht irgendwann zu denken, dass alle türkischstämmigen Menschen kriminell sind. Gleichzeitig ist aber auch nicht jeder Polizist willkürlich gewalttätig, weil man ein Video einer brutalen Festnahme gesehen hat. In der öffentlichen Wahrnehmung fehlt da oft der differenzierte Blick.

Was passiert denn im Nachgang, wenn eine Situation zwischen Polizisten und Demonstranten eskaliert, wie wir es vergangenes Wochenende teilweise beobachtet haben?

Das waren Einsätze, in denen die Beamten sehr starken Herausforderungen ausgesetzt waren. Vereinzelt ist es zu Szenen gekommen, bei denen Polizisten zu stark in den Konflikt gegangen sind – in den sozialen Medien zum Beispiel wurde ein Video verbreitet, in dem sich ein Polizist einen regelrechten Boxkampf mit einem Demonstranten geliefert hat. So etwas geht natürlich nicht und wird intern aufgearbeitet. Da gibt es teilweise auch harte Ansagen.

Wie genau sieht denn so eine Aufbereitung nach einem gewaltvollen Konflikt aus?

In der Regel wird das intern nachbesprochen, in schweren Fällen auch ein Beratungsteam aktiviert, das sich mit der jeweiligen Einheit trifft und die vergangenen Ereignisse noch einmal bespricht: Was ist eigentlich passiert, wie fühlt sich das jetzt an? Das machen wir allerdings auch, wenn bei einem Einsatz ein Polizist verletzt wurde oder jemand gar in Lebensgefahr schwebt, um so bei möglichen psychischen Krisen gleich einschreiten zu können und Traumata oder weitere Konflikte zu vermeiden.

"Wer im ständigen Gespräch und Austausch bleibt, wird weniger Gefahr laufen, Racial Profiling zu betreiben."

Was passiert, wenn ein Polizist mit der erlebten Gewalt psychisch nicht mehr zurechtkommt?

Dann wird zum Beispiel überlegt, ob es hilfreich sein kann, die Dienststelle zu wechseln. Das kann man innerhalb der Polizei glücklicherweise ganz gut. Generell ist ein Wechsel hin und wieder auch deswegen gut, um eben keine Vorurteile zu entwickeln, weil man in seinem Einsatzgebiet immer mit derselben sozialen Gruppe zu tun hat. Wer im ständigen Gespräch und Austausch bleibt, wird weniger Gefahr laufen, Racial Profiling zu betreiben.

Und was können wir tun, um Vorurteile gegenüber Polizisten aufzubrechen?

Das ist ein regelrechtes Minenfeld. Teils versuchen die Polizeistellen landesweit auch, in den sozialen Medien aktiv zu sein, um mehr Einblick in ihre Arbeit zu gewährend und so mehr Verständnis zu schaffen. Mehr persönlicher Austausch wäre auch schön: Einmal haben wir zum Beispiel eine Gruppe junger Polizisten – ohne Uniform – mit einer Gruppe Demonstranten zusammengebracht, die gegen den Kohleabbau in NRW protestierten. Daraus sind sehr gute Gespräche entstanden. Solche Runden sind allerdings schwierig zu organisieren, wenn die Fronten zu verhärtet sind.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zweiundvierzig 10.06.2020 07:42
    Highlight Highlight Viel wichtiger wäre es mal zu erfahren, was mit den Tätern passiert. Sitzen die im Knast, gibt es ein Verfahren, wann ist mit welchem Urteil zu rechnen?

    Bei amerikanischen Polizisten ist es anscheinend so wie bei unseren "Aktivisten". Die dürfen alles und kommen dann mit einen "Verweis" davon.
    Ob die amerikanische Polizei auch eine Seite wie Indymedia oder RoteHilfe hat auf denen man Anleitungen für die Taten bekommt?

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