Nach zwei Jahren Pandemie hat sich das Sexleben vieler Paare ziemlich verändert – und das nicht unbedingt zum Guten.
Nach zwei Jahren Pandemie hat sich das Sexleben vieler Paare ziemlich verändert – und das nicht unbedingt zum Guten. Bild: iStockphoto / macniak
Interview

Dating: Das hat Corona mit unserem Sexleben gemacht – Therapeutin packt aus

15.02.2022, 06:5115.02.2022, 12:46

Er kann mehr Spaß machen als Clubbing oder Kino und ist zudem ohne Genesenen-, Impf- oder Testnachweis möglich: Sex. Dennoch führten die Corona-Maßnahmen die Deutschen – selbst am heutigen Valentinstag – eher selten ins Schlafzimmer, sondern vor allem auf kalte Parkbänke (Singles) und durchgesessene Couches (Paare).

Nicht nur die gute Laune, sondern auch die Libido scheint über die zahlreichen Corona-Maßnahmen in den letzten zwei Jahren eingeschlafen. Klar, ein ansteckender Virus und geschlossene Clubs sind nicht gerade ein Aphrodisiakum. Trotzdem hätte der Rückzug in die vier Wände ja auch zu mehr Verkehr im Bett führen können. Oder?

Pünktlich zum Tag der Liebe fragen wir daher nach: Was hat Corona wirklich mit unserem Sexleben gemacht? Haben Paare die Lockdowns erotisch genutzt? Hatten Singles beim Daten Angst vor Ansteckungen? Anja Drews weiß es. Sie ist Sexualtherapeutin in Hamburg und sprach mit watson über junge Menschen, die weniger Sex haben als ihre Eltern, Pornos auf dem Smartphone und Fernbeziehungen, die zu heimlichen Gewinnern der Pandemie aufstiegen.

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Anja Drews bloggt auch über Sex. Bild: privat / Bettina Strang

watson: Frau Drews, war Ihre Praxis in der Pandemie gut besucht?

Anja Drews: Ich erlebte am Anfang der Pandemie tatsächlich einen ziemlichen Ansturm, der – in kleinerem Maße – anhält. Einerseits haben die Menschen häufiger Hilfe gesucht, zum anderen hatten sie aber auch endlich dafür Zeit. Durch das Homeoffice oder in Lockdowns waren die Leute einfach flexibler, konnten auch mal tagsüber kommen und haben diese Gelegenheit zur Therapie genutzt. Die Pandemie scheint zumindest diesen positiven Effekt gehabt zu haben: Die Menschen hatten mehr Zeit, sich auf sich zu besinnen.

"Paare glauben, im Single-Leben ginge es heiß her, während die Singles neidisch auf die Paare schauen, weil die ja permanent die Gelegenheit hätten..."

Was für Menschen sind denn bei ihnen aufgetaucht?

Ich habe insgesamt sehr viele junge Klienten, das geht bei 18 Jahren los. Etwa ein Drittel meiner Klienten sind Paare, die anderen kommen als Einzelpersonen, wobei es ungefähr gleich viele Männer sind, die mich aufsuchen, wie Frauen. Ein paar Menschen mit diversem Hintergrund sind auch dabei.

Warum kommen Singles zu ihnen?

Singles kommen oft, weil sie vom Online-Dating enttäuscht und ermüdet sind oder weil sie sehr unerfahren sind und Hemmungen haben. Manche möchten sich endlich um die Themen kümmern, die ihnen in den vorherigen Erfahrungen immer wieder begegnet sind. Sexuelle Süchte sind auch ein großes Thema. Was aber alle eint ist: Sie denken, die jeweils anderen hätten viel mehr Sex als sie. Paare glauben, im Single-Leben ginge es heiß her, während die Singles neidisch auf die Paare schauen, weil die ja permanent die Gelegenheit hätten... Beides ist ein Trugschluss.

Aber vor allem in den Lockdowns hätten die Paare zumindest öfter Gelegenheit gehabt, oder?

Theoretisch. Andererseits hockten durch die Pandemie viele Paare einfach 24 Stunden, sieben Tage die Wochen aufeinander – das ist meiner Erfahrung nach nicht förderlich für den Sex. Zum einen ist diese ganze Jogginghosen-Kultur im Homeoffice schwierig, weil die meisten diesen Lässig-Look nicht sonderlich erotisch finden, zum anderen macht die ständige Verfügbarkeit des Partners ihn nicht begehrenswerter. Die Lust wurde vor allem dadurch erstickt, dass gar keine Spannung mehr zwischen den Paaren bestand.

"Besonders Männer haben sich sehr stark der Auto-Erotik zugewandt und sich zurückgezogen, vor dem Smartphone oder Laptop alleine amüsiert."

Aufeinander-Hocken als Lustkiller. Können Sie das ausführen?

Es ist immer toll, wenn Paare sich ein bisschen etwas Eigenes bewahren oder auch gemeinsam Dinge ausprobieren, bei dem sie ihren Partner noch mal ganz neu erleben. Aber das fehlte komplett. Es wurde weniger Schönes außerhalb der vier Wände unternommen, was irgendwie stimulierend wirkt. Die Menschen saßen tagsüber im Homeoffice zusammen und schauten dann zusammen abends Filme auf der Couch – da hatten sich viele bald nichts mehr zu sagen. Worüber sollte man sich auch austauschen?

Gevögelt wird also eher nicht. Was machen die Leute stattdessen?

Masturbieren. Insgesamt ist der Pornokonsum während der Pandemie in die Höhe geschossen und das deckt sich mit meinen Beobachtungen in der Praxis. Besonders Männer haben sich sehr stark der Auto-Erotik zugewandt und sich zurückgezogen, vor dem Smartphone oder Laptop alleine amüsiert. Das hat bei einigen von ihnen Suchtcharakter. Ich höre auch immer öfter, dass Frauen auf Instagram gefolgt wird, um sich möglichst erotische Bilder anzuschauen, welche diese auch zu liefern scheinen. Der Mensch braucht Bestätigung von außen – gerade in jungen Jahren – und es kommt mir schon so vor, als ob sich einige Leute diese in der Pandemie vor allem übers Internet geholt haben und dort freizügiger geworden sind. Auch Sextoys wurden mehr gekauft, allerdings stellten gerade Paare oft fest: Es nützt nicht, sich spannendes Equipment anzulegen, wenn die Lust fehlt.

Und wie geht es den Singles unter Corona?

Denen fehlen einfach die Kontaktmöglichkeiten, denn die Bars und Clubs sind ja zum Teil zu – man wird zudem angehalten, die Gruppen nicht zu mischen, Abstand zu halten. Das erschwert ein lockeres Flirten natürlich sehr. Gerade junge Singles, die in ihren Zwanzigern reisen, Party machen, sich ausleben und auch sexuell ausprobieren, wurde damit viel an Erfahrung genommen. Ich weiß nicht, wie oft ich gehört habe: "Mir wurden zwei Jahre meiner Jugend gestohlen". Vereinzelt gab es auch Frauen, die ihren Kinderwunsch weiter verzögern mussten, weil die Partnersuche erschwert war.

Immerhin gibt es Online-Portale.

Das Online-Dating ersetzt natürlich einiges, aber auch da waren die Singles es irgendwann leid, permanent spazieren zu gehen. Und beim Kennenlernen schwang oft auch die Angst vor einer Corona-Infektion mit. Das ist einfach nicht unbeschwert, das ist nicht Lust-Steigernd.

Wie anders läuft Dating denn seit der Pandemie?

Die Menschen wollen mit ihren Dates ja etwas unternehmen, dann kam es aber auch auf den Impfstatus des Flirts an, ob man sich noch in ein Café setzen darf. Eigentlich ja schon absurd. Oft war die Entscheidung dann sehr schnell klar: Wollen wir draußen in der Kälte sitzen? Oder gehen wir zu mir oder zu dir? Das natürliche Spiel mit Nähe beim Flirten wurde dadurch platt gemacht. Einige hatten dann auch schon keine Lust mehr zu daten und sind in eine Lethargie verfallen. Die Corona-Pandemie ermüdet ja auch, verstärkt depressive Tendenzen, man fühlt sich nicht sexy. Kurzum: Gerade die Lockdowns und die Winter unter Corona sind keine guten Zeiten für unsere Sexleben.

"Das Online-Dating ersetzt natürlich einiges, aber auch da waren die Singles es irgendwann leid, permanent spazieren zu gehen."

Und im Sommer? Gibt es da ein sexuelles Erwachen?

Ich denke schon, denn in den vergangenen Jahren war das auch schon spürbar. Da ist ja wieder eine ganz andere Lebendigkeit auf den Straßen, ohne Masken und mit mehr Möglichkeiten sich kennenzulernen. Dennoch sind die Menschen etwas eingerostet: Auch Flirten ist ein wenig Übungssache, so wie Sex auch. Wenn man das zwei Jahre nicht so recht machen konnte, dann ist der Start schwierig.

Können denn schon junge Menschen "aus der Übung" sein?

Gerade sie. Denn zwei Jahre sind im Alter von 25 einfach etwas anderes, als mit 50. Die Anfang Zwanziger sind eine entscheidende Zeit, in der man sich ausprobiert, Erfahrungen macht und Selbstbewusstsein entwickelt, auch darüber, was man im Liebesleben will. Viele junge Menschen sind konservativer als man denkt und haben wenig sexuelle Erfahrung. Es wäre für sie die ideale Zeit, sich hinauszuwagen. Aber die Pandemie bremst das aus. Das heißt: Diese Menschen sind nach zwei Jahren Pandemie leider noch genauso unsicher wie vorher, aber eben jetzt älter. Damit wird das Thema eher noch unangenehmer für sie.

Profitiert denn irgendein Liebesleben auch von der Pandemie?

Ja, für Fernbeziehungen ist Corona zum Beispiel oft eine gute Zeit. Diese Paare haben in Zeiten von Homeoffice ganz andere Möglichkeiten, beieinander zu sein und auch mal den Alltag miteinander zu teilen, was ihre Liebe vorangetrieben hat. Auch frischgebackene Liebespaare haben die Pandemie sehr intensiv miteinander teilen können und wurden so zusammengeschweißt. Und viele Paare, die sonst wenig Zeit füreinander hatten, haben profitiert, weil sie endlich mal zur Ruhe kamen. Der Druck war weg, auch noch Geschäftsreisen zu machen, ständig zum Sport zu gehen oder Freunde zu besuchen. Einige Paare kommen gar nicht zum Sex, weil sie es unromantisch finden, sich dafür einen Termin zu setzen, aber spontan klappt es auch nie, weil sie sich gerade mal fünf Minuten am Tag begegnen. Gerade diese Paare haben mir gesagt: "Wir haben durch Corona endlich mal Zeit füreinander, es ist schön, sich wieder kennenzulernen."

"Insgesamt haben Menschen heute viel weniger Sex als früher. Junge Menschen haben auch weniger Sex als ihre Eltern damals."

Was ist denn nach fast zwei Jahren ihr Fazit? Hat die Pandemie unser Sexleben nachhaltig verändert?

Die Corona-Maßnahmen wirkten nur als Beschleuniger für einen Prozess, der sowieso schon stattfindet. Insgesamt haben Menschen heute viel weniger Sex als früher. Junge Menschen haben auch weniger Sex als ihre Eltern damals. Was ich erlebe ist, dass ein enormer Leistungsdruck besteht und der schadet dem Liebesleben. Früher hatte man ältere Männer mit Erektionsstörungen, heute trifft dieses Problem auch junge Männer. Das sind bei 20-Jährigen aber keine organischen Störungen, sondern psychischer Druck. Ich erlebe viele junge Männer, die ihren Orgasmus nicht mehr unter Kontrolle haben und immer zu früh kommen. Aber auch Frauen, die jedes Mal Schmerzen beim Sex haben oder Selbstzweifel entwickeln, weil sie nach zwei Minuten Penetration "immer noch" keinen Orgasmus hatten. Diese Menschen ziehen sich irgendwann aus Scham völlig aus dem Dating raus, weil sie gar nicht mehr wissen, wie sie ihre Probleme bei einem Date ansprechen sollten.

Die Pandemie hat das verstärkt, sagen Sie. Aber was ist die eigentliche Ursache?

Meines Erachtens ist der gestiegene Pornokonsum eine Hauptursache. Und das Sex-Gucken statt eigenen Sex erfahren ist ein Trend, der durch Corona verschärft wurde. In den Pornos wird spektakulärer, schneller und harter Sex gezeigt, der schnell zu Orgasmen führt. Das ist reine Fantasie und hat mit den Bedürfnissen unserer Körper nicht viel zu tun. Sex wird als Leistung betrachtet, die es zu erbringen gilt. Dabei könnte es doch auch einen entspannenden Charakter haben.

"Wieder etwas mehr Zeit entfernt vom Bildschirm zu verbringen, wird unserem Sexleben auf jeden Fall guttun."

Das heißt, einige Menschen sind zu erschöpft, um die "Leistung Sex" noch zu bringen?

Ein Patient sagte mal: "Eigentlich ist Sex wie Sport. Es ist mir zu anstrengend." Der moderne Mensch hat das Gefühl so viel machen zu müssen: Gesund essen, fit bleiben, Partys schmeißen, das Heim ausmisten, die Beine rasieren, die Karriere vorantreiben – und ganz tollen Sex haben. Es gibt inzwischen auch vermehrt Zulauf zu Gegenbewegungen wie Slow Sex oder Tantra. Aber der Großteil der Gesellschaft ist zwischen den Laken weiter im Optimierungs-Modus. Und das löst so viel Druck aus, dass einige aufgeben.

Verpasste Erlebnisse, Langeweile mit dem Partner und viel zu viele Pornos: Werden wir unsere Sex-Probleme nach der Pandemie wieder beheben können?

Nichts davon ist irreparabel. Einiges wird sich sicher auch von alleine wieder normalisieren, wenn das öffentliche Leben Fahrt aufnimmt. Dann können sexuelle Erfahrungen nachgeholt werden – mit etwas zeitlicher Verzögerung eben. Wichtiger ist eigentlich, dass wir uns von unseren Leistungsgedanken lösen und Pornos nicht als Vorbild für Sex nehmen. Wieder etwas mehr Zeit entfernt vom Bildschirm zu verbringen, wird unserem Sexleben auf jeden Fall guttun.

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