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Wie gehen Menschen auf der Straßen mit der Corona-Krise um? Bild: dpa/Frank Rumpenhorst

Interview

Caritas-Mitarbeiter: "Massenunterkünfte sind epidemiologisch gesehen eine Katastrophe"

Die Corona-Krise trifft uns an einem wunden Punkt: unserem Bedürfnis nach Freiheit. Zwangsläufig sitzen die meisten in ihren Wohnungen und warten darauf, dass der Corona-Sturm vorüberzieht und nicht allzu schwere Schäden hinterlässt. Doch es gibt auch Menschen, die sich nicht hinter ihrer Haustür verstecken können. Die auf der Straße leben. Die dem Sturm praktisch ausgeliefert sind.

Entsprechend sind sie auf Hilfe angewiesen – etwa auf Unterkünfte für Obdachlose oder Ambulanzen. Doch gerade diese könnten im schlimmsten Fall wegfallen. In Großstädten wie Hamburg oder Berlin wurden bereits einige Hilfseinrichtungen aufgrund mangelnder Schutzausrüstung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschlossen.

Kai-Gerrit Venske von der Caritas ist Fachreferent für die Wohnungslosenhilfe in Berlin. Watson sprach mit ihm darüber, wie sich die Corona-Krise auf Hilfseinrichtungen auswirkt, über die Gefahr, die von Massenunterkünften ausgeht, und was sich bei der Obdachlosen- sowie Wohnungslosenhilfe ändern sollte.

watson: Wie sieht die medizinische Versorgung obdachloser Menschen aktuell aus?

Kai-Gerrit Venske: Da verzeichnen wir gerade massive Einschnitte. Einrichtungen für die medizinische Versorgung von obdachlosen Menschen haben nicht ausreichend Schutzausrüstung und etliche Ambulanzen mussten deshalb schließen. In Berlin ist unsere Caritas-Ambulanz am Bahnhof Zoo die einzige, die mehr oder weniger mit dem bisherigen Leistungsangebot noch aktiv ist. Entsprechend hat sie aktuell mit einem großen Ansturm zu kämpfen.

Wann können die anderen Einrichtungen wieder ihren Betrieb aufnehmen?

Frühestens dann, wenn ausreichend Schutzausrüstung vorhanden ist. Wann genau das passiert, ist aber nicht absehbar. Aktuell gibt es noch ein paar Ambulanzen, die zumindest eine Art Sparbetrieb aufrechterhalten. Dort werden unter anderem Essen und Medikamente für chronisch Kranke ausgegeben.

Wie werden obdachlose und wohnungslose Menschen auf Covid-19 getestet?

Viele Stationen müssen sich notdürftig behelfen, um überhaupt eine Chance zu haben, jemanden auf Corona zu testen. Für Tests gelten ansonsten die normalen Zugangsregeln, also erst Gesundheitsamt anrufen und dann, im Falle eines Verdachts, werden die Menschen getestet. Mit entsprechendem zeitlichen Verzug.

Gibt es keine Möglichkeit, das Ganze zu beschleunigen?

Nicht wirklich. Wir probieren, die Menschen dennoch dabei zu unterstützen. Es gibt jedoch keine gesonderten Teststationen für obdachlose Menschen. Auch in den Einrichtungen werden keine Stichproben genommen. Ebenfalls ein bundesweites Problem.

"Da wir viele Massenunterkünfte haben, würde sich der Erreger dort besonders schnell verbreiten."

Sind Ihnen Corona-Fälle in Ihrer Zielgruppe bekannt?

Bisher nicht, zumindest nicht in Berlin. Wie das in ganz Deutschland so aussieht, kann ich nicht sagen. Es kann sein, dass es unerkannte Fälle gab oder gibt. Da nicht vor Ort getestet wird, könnte uns bald ein böses Erwachen drohen.

Wie sind die Unterkünfte darauf vorbereitet?

Da wir insbesondere in der Kältehilfe einige Massenunterkünfte haben, würde sich der Erreger dort besonders schnell verbreiten. Sie sind epidemiologisch gesehen eine Katastrophe. Zwar treffen wir bereits Sicherheitsmaßnahmen, wie die Bettenabstände in den Einrichtungen zu vergrößern. Wohl ist mir dabei aber nicht.

Wie kann man die Unterkünfte noch besser an die aktuelle Situation anpassen?

Wir brauchen Ersatzunterkünfte, in denen eine Separierung möglich ist. Zudem wäre mir wichtig, dass es einen zusätzlichen Quarantänebereich gibt. Bisher hatten wir das in keiner Einrichtung. Bei der Berliner Stadtmission ist ein ganzes Quarantänehaus im Gespräch. Von heute auf morgen lässt sich das aber nicht realisieren.

"Alle Welt schaut gerade auf die Obdachlosen. Was völlig aus dem Blickfeld verschwindet, sind die Wohnungslosen."

Kai-Gerrit Venske

Also könnte jemand ohne eigene Unterkunft im Falle einer Ansteckung nicht isoliert werden?

Nein. Es wäre enorm wichtig, eine Möglichkeit zu haben, jemanden im Falle einer Erkrankung außerhalb der Einrichtung, in der er oder sie sich befindet, zu isolieren. Nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch zum Schutz anderer.

Dass es in vielen Unterkünften ein hohes Infektionsrisiko gibt, ist aber nicht erst seit Sars-Cov2 ein Problem.

Massenunterkünfte habe ich immer als infektiologisch bedenklich empfunden. Mein Wunsch ist, dass es mehr Privatsphäre gibt, vor allem auch wieder mehr kleinere Einrichtungen. Gibt es dann auch noch Separierungsmöglichkeiten, wäre das optimal. Neben den Massenunterkünften gibt es aber noch ein Problem.

Das wäre?

Alle Welt schaut gerade auf die obdachlosen Menschen auf der Straße. Was völlig aus dem Blickfeld verschwindet, sind die wohnungslosen Menschen in ihrer Gesamtheit. Also alle Menschen ohne Mietvertrag und geschützten privaten Wohnraum.

Die meisten davon, mindestens 37.000, sind in Berlin in Unterkünften untergebracht. Da sind Mehrpersonenzimmer der Standard. Vier Leute pro Raum sind da keine Seltenheit. Aus meiner Sicht ist das auch eine Hochrisikozone. Ich denke, da sollte man eine Unterbringung in Hotels erwägen, wo wir die Möglichkeit hätten, Menschen zu separieren. In Großbritannien wird das bereits umgesetzt.

Zumal viele Hotels ihren Betrieb einstellen mussten. Es würde sich also anbieten.

Man müsste natürlich auch schauen, so eine Maßnahme im Rahmen der ordnungsrechtlichen Unterbringung zu finanzieren. Das würde einiges kosten. Die bisherigen wenigen Unterkünfte kosten aber ebenso Geld. Und es wäre vielleicht ein Solidaritätsbeitrag zugunsten der Hotels, vorausgesetzt, sie sind umgekehrt auch bereit, Menschen ohne Obdach aufzunehmen.

Oft fällt das Argument, dass obdachlose und wohnungslose Menschen derlei Möglichkeiten nicht ausschöpfen.

Das ist nicht richtig. Es mag sein, dass von einigen bestimmte gewerbliche Unterbringungen aus verschiedenen Gründen ausgeschlagen werden. Sollte es aber dazu kommen, dass Hotels ihre Pforten für obdachlose und wohnungslose Menschen öffnen, werden die meisten obdachlosen Menschen, insbesondere diejenigen, die bislang in der Kältehilfe untergebracht waren, das mit Kusshand annehmen.

"Niemand will hier Budapester Verhältnisse haben, wo es Zwangsunterbringungen gibt."

Kai-Gerrit Venske

Viele Menschen schlafen auch im Freien. Wie lässt sich das mit den Ausgangsbeschränkungen in Deutschland vereinbaren?

Das Kontaktverbot lässt sich umsetzen. Die Menschen müssen sich ja nicht in großen Gruppen aufhalten. Aber beim Verbot für längere Aufenthalte an öffentlichen Orten wie Parks ist das deutlich schwieriger. Allerdings steht in der Verordnung zu den Ausgangsbeschränkungen, dass das für Menschen in Einrichtungen der Obdachlosenhilfe gilt. Für Menschen, die auf der Straße leben, aber anscheinend nicht so direkt.

Inwiefern?

Es wurde nicht gesagt, dass obdachlose Menschen nicht auf der Straße sein dürfen. Das würde sich in Berlin wohl auch kaum einer trauen, obdachlose Menschen zwangsunterbringen zu wollen. Niemand will hier Budapester Verhältnisse, wo es bereits unabhängig von Corona derlei Zwangsunterbringungen gibt.

Was wir umgekehrt als Caritas so sehen, auch unabhängig von Corona, ist ein Anrecht auf eine ordnungsrechtliche Unterbringung für alle Menschen, die diese wollen. Das wird viel zu häufig von den Behörden ignoriert. Wir hätten deutlich weniger Menschen auf der Straße, wenn konsequent ordnungsrechtlich untergebracht und weniger abgelehnt würde.

Jetzt haben viele obdachlose oder wohnungslose Menschen keinen Zugang zum Internet. Wie können sie sich über die Lage zum Coronavirus informieren?

In den niedrigschwelligen Angeboten und Unterkünften, etwa der Kältehilfe, werden die Menschen informiert. Ich glaube auch, dass vieles von Mund zu Mund weitergegeben wird. Das war auch schon vorher so. Wo sind Essensausgaben, wo die medizinische Versorgung? Außerdem gibt es ein paar obdachlose Menschen, die ein Handy haben. Die sorgen dafür, dass Informationen weiterverbreitet werden.

Viele obdachlose Menschen verdienen etwas Geld, indem sie Zeitungen verkaufen oder sich anderweitig helfen. Aktuell ist das aber kaum möglich. Gibt es denn Hilfeleistungen, auf die die Menschen sonst zurückgreifen können?

An Geld zu kommen, ist momentan verdammt schwer. Wir versuchen zumindest, existenzsichernde Maßnahmen bereitzustellen. Dazu gehört, dass es weiterhin Essensausgaben gibt, auch wenn Einrichtungen geschlossen wurden. Zudem wollen wir auch die Möglichkeit für medizinische Versorgung und Hygiene weiterhin sicherstellen.

Sind die Basics erstmal da, ist das schon mal gut – und auch das ist derzeit schwer genug. Allerdings lassen sich nicht alle Probleme, die obdachlose Menschen aktuell haben, damit lösen. Die zivilgesellschaftliche Unterstützung für obdachlose Menschen ist jedoch ungebrochen groß, sodass es Hoffnung gibt, dass ihnen auch in dieser Zeit mit Engagement und kreativen Ideen Hilfe zuteil wird und dass auch sie am Ende möglichst gut diese Krise überstehen werden.

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