Arztpraxis, Belastungs-EKG, Untersuchung zur Messung der Herzfunktionen bei einem Patienten auf einem Cardiogerät || Modellfreigabe vorhanden
Ein Belastungs-EKG kann Aufschluss über die Folgen einer Corona-Infektion fürs Herz geben.Bild: imageBROKER / Jochen Tack
Gesundheit & Psyche

Herzschwäche nach Corona-Infektion: Experte erklärt, wer besonders betroffen ist und wie gefährlich das wirklich ist

06.07.2022, 10:3807.07.2022, 10:27

Zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 gingen Wissenschaftler noch von einer Lungenerkrankung aus. Doch schnell zeigte sich, dass es sich bei der durch das neuartige Virus SARS-CoV-2 ausgelösten Krankheit um eine Multiorganerkrankung handelt.

Diese greift den Körper von Patienten nicht nur im Bereich der Atemwege und der Lunge an, sondern kann unter anderem auch Herzentzündungen und -infarkte sowie Rhythmusstörungen des Herzens hervorrufen. Bis zu 15 Prozent der Patienten mit Covid-19 sind auch von Post-Covid betroffen, schreibt die Deutsche Herzstiftung auf ihrer Webseite zu den Folgen einer Corona-Erkrankung.

"Dabei hat man festgestellt, dass nach einer Covid-Erkrankung 1,5- bis 2-fach mehr Kreislauf-Erkrankungen auftreten."
Prof. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung

Eine neue Studie aus den USA zu den Langzeitfolgen einer Covid-Infektion lässt nun aufhorchen: Einige Patienten hatten im Zeitraum von 12 Monaten nach einer Infektion mit Sars-Cov-2 ein signifikant höheres Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu leiden als jene Menschen, die keine Corona-Infektion durchgemacht hatten. Der erhöhte Faktor liegt bei 1,5 bis 2.

Heißt das nun, dass viele der über 28 Millionen Covid-Genesenen in Deutschland, die beim Robert-Koch-Institut erfasst wurden, künftig an einer Herzinsuffizienz leiden, oder ein höheres Risiko für eine solche Erkrankung tragen?

Thomas Voigtländer, Kardiologe und Ärztlicher Direktor am Agaplesion Bethanien Krankenhaus in Frankfurt am Main, sowie Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.
Thomas Voigtländer, Kardiologe und Ärztlicher Direktor am Agaplesion Bethanien Krankenhaus in Frankfurt am Main, sowie Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.

Watson hat sich vom Herzspezialisten Prof. Dr. Thomas Voigtländer die Studie und ihre Ergebnisse erläutern lassen.

watson: Herr Voigtländer, haben Sie die Erkenntnisse dieser Studie überrascht?

Prof. Dr. Thomas Voigtländer: Die Studie ist insofern bedeutsam, weil sie den Zeitraum von zwölf Monaten nach einer Covid-Infektion hinsichtlich des Auftretens von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrachtet. Die Daten stammten aus dem Kriegsveteranenministerium der Vereinigten Staaten und ziehen einen Vergleich mit einer Gruppe von über 5 Millionen Menschen, die keine Covid-Erkrankung hatten. Dabei hat man festgestellt, dass nach einer Covid-Erkrankung 1,5- bis 2-fach mehr Kreislauf-Erkrankungen auftreten. Besonders auffällig erhöht waren die Risiken bei sogenannten thrombotischen Problemen, also Beinvenen-Thrombose und Lungenembolie. Etwas weniger ausgeprägt war das Risiko für Rhythmusstörungen, wie zum Beispiel Vorhofflimmern und Herzschwäche.

"Also waren überwiegend Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf betroffen. Das ist insofern eine beruhigende Nachricht, weil die meisten ja keinen schweren Verlauf haben."

Was macht die Studie, neben dem Zeitpunkt der Betrachtung nach der Infektion und den großen Vergleichsgruppen, so besonders?

Die Studienautoren haben klugerweise auch die Gruppe der Patienten, die Covid hatten, nochmals unterteilt. Es gab eine Gruppe, die zu Hause geblieben ist, da die Betroffenen nicht so krank waren, dass sie ins Krankenhaus mussten. Das entspricht der absoluten Mehrheit. Deren Ergebnisse wurden verglichen mit der Gruppe von Patienten, die im Krankenhaus behandelt wurden. Diese Gruppe wurde nochmals unterteilt in diejenigen, die auf der Normalstation behandelt wurden und diejenigen, bei denen eine intensivmedizinische Versorgung erforderlich wurde.

Und das Ergebnis?

Im Vergleich sieht man, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen überwiegend in den Gruppen aufgetreten sind, die entweder im Krankenhaus waren und/oder auf der Intensivstation. Also waren überwiegend Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf betroffen. Das ist insofern eine beruhigende Nachricht, weil die meisten ja keinen schweren Verlauf haben.

Wenn man sich die Gruppe mit der höheren Gefährdung ansieht: Sind die noch mal unterteilt, beispielsweise in Vorerkrankte und Gesunde?

Das ist alles berücksichtigt. Mithilfe einer bestimmten statistischen Methode kann man die sogenannten Co-Faktoren für verschiedene Gruppen ausgleichen. So konnte man dann die Fragestellung in der Studie am Ende nur auf den Parameter "Covid-Erkrankung ja/nein" beziehungsweise "kardiovaskuläre Erkrankung ja/nein" herunterbrechen.

"Es sind ganz allgemein ähnliche Prozesse für die akuten wie für die langfristigen Schäden verantwortlich."

Spielt das Alter dabei auch eine Rolle als Risikofaktor für einen Folgeschaden am Herzen nach einer Infektion?

Über die Hälfte der Studienteilnehmer, die ein Durchschnittsalter von 61 oder 62 Jahren hatten, hatten auch – wie es in amerikanischen Studien ja häufig ist, einen BMI von über 30. Es gab somit über alle Gruppen hinweg eher ältere und schwergewichtige Probanden. Diejenigen, die Covid hatten, haben im Verlauf von zwölf Monaten mehr Probleme bekommen, als diejenigen, die es nicht hatten.

Diese Studie besagt also, dass Menschen, deren Gesundheitszustand allgemein nicht vorteilhaft war, gefährdeter sind, nach Covid an einer Herzinsuffizienz zu leiden?

Das weiß man schon lange, dass Menschen mit einer kardiovaskulären Vorerkrankung insgesamt durch Covid bedrohter sind, als diejenigen, die keine kardiovaskuläre Vorerkrankung haben.

Warum sind Covid-Infektionen, neben der Lunge, im Nachgang gerade fürs Herz so belastend?

Das weiß man immer noch nicht so genau. Auch in der Studie werden eigentlich nur Mutmaßungen angestellt zum Mechanismus der Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Man geht unter anderem von einer Entzündung der Blutgefäße aus. Gerade bei der akuten Erkrankung scheint auch das venöse System eine wichtige Rolle für Komplikationen einzunehmen.

Eine der Folgen einer Covid-Infektion kann ja auch eine Herzmuskelentzündung sein.

Die Herzmuskelentzündung entsteht eher nicht dadurch, dass das Virus in die Herzmuskelzellen einwandert, sondern durch eine Immun-Überreaktion. Auch die kann über 30 Tage, also bis nach der akuten Erkrankung andauern. In der Diskussion sind ganz allgemein ähnliche Prozesse für die akuten wie für die langfristigen Schäden verantwortlich – doch am Ende ist das alles noch Spekulation. Man darf auch nicht vergessen, dass schwer Erkrankte generell ein erhöhtes Risiko für Thrombosen und kardiovaskuläre Erkrankungen haben, bedingt allein durch die Bettlägerigkeit und durch den schweren Krankheitsverlauf.

Welchen Einfluss hat es, ob ich geimpft bin, oder nicht?

Da gibt es eine andere Studie, ganz aktuell Ende Mai 2022 im Magazin Nature erschienen. Die Wissenschaftler stammen aus der gleichen Gruppe wie bei der vorher erwähnten Studie und haben die gleiche Datenquelle genutzt. In dieser Untersuchung wurde der Fokus auf den Verlauf derer gelegt, die schon geimpft waren und eine sogenannte Durchbruchsinfektion bekommen hatten. Das heißt, sie waren geimpft und haben trotzdem Covid bekommen.

"Im Prinzip ist es so: Wenn sie geimpft sind und einen tollen Antikörperstatus haben, ist dies schon eine sehr gute Ausgangsbasis."

In dieser Studie sah man, dass auch diejenigen, die eine Durchbruchsinfektion hatten, im Sechs-Monats-Verlauf ein bisschen mehr dazu neigten, Herz-Kreislauf Probleme zu bekommen – im Vergleich zu denen, die kein Covid hatten. Geimpfte haben demnach zwar ein viel geringeres Risiko, an Covid zu sterben als Nichtgeimpfte. Es ist allerdings doch so, dass nach einer Durchbruchsinfektion, in einem geringen Prozentsatz, auch im 12-Monatsverlauf Herz-Kreislauf-Probleme auftreten können.

Heißt das, dass man trotz Impfung eine Corona-Infektion nicht so auf die leichte Schulter nehmen sollte?

Im Prinzip ist es so: Wenn Sie geimpft sind und einen tollen Antikörperstatus haben, ist dies schon eine sehr gute Ausgangsbasis. Wie gut man bezüglich der Antikörper auf eine Impfung reagiert, ist aber auch genetisch determiniert. Eine Immunantwort läuft ja nicht so, dass man impft und alle genau gleich reagieren, sondern es ist eben sehr unterschiedlich.

"Das Problem: Es lässt sich nicht sicher vorhersagen, wer leicht erkrankt und wer nicht. Man sollte es eher nicht darauf anlegen."

Müssen wir uns dennoch künftig auf mehr Herz-Kreislauf geschädigte Menschen in Folge von Covid-Infektionen einstellen?

Das müssen wir noch abwarten, die Datenlage ist noch nicht ausreichend. Die Demografie zeigt uns, dass in Zukunft viele ältere Menschen zu behandeln sind. Diese Gruppe ist insgesamt häufiger von Problemen nach einer Corona-Erkrankung betroffen. Ich glaube, dass man auch nicht vergessen darf, dass die Covid-Erkrankung sehr viele Leute gleichzeitig betrifft – mehr als bei Grippe- oder Norovirus-Wellen. Da sind ja nicht gleich zig Millionen auf einmal in Deutschland infiziert. Durch diesen Effekt der Corona-Pandemie kann es schon sein, dass sich von 2020 bis 2023 eine Gruppe entwickelt, die dazu neigt, häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekommen. Ob das zu einem Langzeitthema wird, das bleibt abzuwarten.

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