Anna-Nicole Heinrich ist die bislang jüngste Präses der EKD-Synode.
Anna-Nicole Heinrich ist die bislang jüngste Präses der EKD-Synode.
null / Jens Schulze
Interview

Die frisch gewählte Präses der EKD-Synode erklärt, was die Kirche jungen Leuten anbieten kann

15.05.2021, 13:5615.05.2021, 19:33

Spiritualität, ja gerne. Aber Kirche? Nein, danke. So denken viele junge Menschen, wenn man zahlreichen Studien Glauben schenken kann. Ein junger Mensch, der das anders sieht, ist Anna-Nicole Heinrich. Sie wurde vergangenen Samstag zur jüngsten Präses der Synode in der Geschichte der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) gewählt. Die Aufgabe der Präses ist ein Ehrenamt, traditionell übernimmt ein Laie, kein Theologe das Amt.

Die Synode ist sozusagen das Parlament der evangelischen Kirche, Heinrich wurde somit zur Parlamentsvorsitzenden gewählt.

Im Interview mit watson spricht Anna-Nicole Heinrich über die wichtigsten Baustellen der evangelischen Kirche, wie junge Leute sich trotz Skepsis für kirchliche Angebote gewinnen lassen – und was ihre Mutter zu ihrem direkt nach der Wahl erstellten Wikipedia-Eintrag sagte.

watson: Herzlichen Glückwunsch zur Wahl. Sie sind ja deutlich jünger als Ihre Vorgängerin. Haben Sie dadurch einen besonderen Auftrag, die Jugend in der Kirche zu repräsentieren?

Anna-Nicole Heinrich: Zuallererst ist das Präses-Amt ein besonderer Auftrag. Natürlich repräsentiere ich jüngere Menschen in unserer Kirche, aber nicht ausschließlich die Jugend. Ich habe schon seit sieben Jahren den Führerschein, da fühlt man sich schon sehr erwachsen, wenn man so lange Autofahren kann. (lacht) Das wollte ich heute eigentlich twittern, aber dann dachte ich mir, nee, ich muss erst die Formalien abarbeiten, dann kann ich wieder lustige Sätze twittern.

Sie wollen sich also nicht auf Ihr Alter reduzieren lassen?

Genau. Ich möchte schon auch für Jugend und frischen Wind stehen, aber nicht ausschließlich. Ich möchte auch mein neues Amt gut ausfüllen, so wie das jede erwachsene Person gut ausfüllen kann.

"Ich habe schon seit sieben Jahren den Führerschein, da fühlt man sich schon sehr erwachsen, wenn man so lange Autofahren kann."

Sie haben bestimmt viele Reaktionen und Glückwünsche bekommen?

Ja, ich habe ganz viele Glückwünsche bekommen, persönliche, von Menschen, die ich kenne, aber auch viele, von Menschen, die ich noch nicht kannte. Auf meinen Social-Media-Kanälen sind auch noch ganz viele unbeantwortete Nachrichten.

Ein kleiner Vorgeschmack, was ab jetzt auf Sie zukommt.

Ja, Präses sein ist ein Ehrenamt. Jetzt gerade ist es deutlich mehr, als man in einem Ehrenamt leisten kann, aber dafür habe ich mir jetzt auch mal eine Woche vom Job freigenommen. Es gibt zum Glück ein Team außenrum, das Sachen organisiert, mir Termine in den Kalender einträgt, und mich auch berät, was die nächsten Schritte sind.

Was werden denn die nächsten Schritte sein? Wo sehen Sie die größten Baustellen bei der evangelischen Kirche in Deutschland?

Aus Sicht der Synode ist es erstmal wichtig, dass wir uns die nächsten Tage und Wochen aufstellen und abstimmen, was die langfristigen Perspektiven und Ziele sind. Wo wollen wir hin? In den Arbeitsabläufen wird sich wahrscheinlich einiges ändern, ich merke schon, dass ich ganz anders arbeite als die vorherige Präses.

"Corona, Gender, Klima, Digitalisierung – dazu müssen wir uns ja verhalten und eine Position haben."

Das war jetzt eher formal. Was wollen Sie konkret anpacken?

Das größte Paket sind natürlich die Zukunftsthemen. Im Grunde alles, was gerade im öffentlichen Gespräch stattfindet, Corona, Gender, Klima, Digitalisierung – dazu müssen wir uns ja verhalten und eine Position haben. Wir müssen die Themen, die gerade diskutiert werden, gut bearbeiten.

Gerät diese Sacharbeit gerade etwas ins Hintertreffen, weil viele Medien sich erstmal auf ihr junges Alter stürzen?

Also, so ein, zwei Tage darf die junge Person schon noch im Vordergrund stehen, das kommt mir durchaus auch gelegen. (grinst) Bei vielen Themen brauche ich Zeit, mich inhaltlich einzuarbeiten. In den innerkirchlichen Prozessen bin ich schon sehr gut informiert, weil ich auch vor meiner Wahl da schon mitgearbeitet habe. Aber es gibt natürlich Sachen, wo ich einfach ein bisschen Zeit brauche, um reinzukommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich wurde zum Beispiel zum Ökumenischen Kirchentag eingeladen. Dann wurde ich in einem Interview gefragt, in welchen Gottesdienst ich denn gehen würde, evangelisch, katholisch, freikirchlich oder orthodox. Ich habe spontan gesagt, orthodox hätte ich Bock drauf, weil da war ich noch nie. Jetzt bin ich tatsächlich eingeladen und muss mich da erstmal bisschen informieren, wie das so abläuft. Insofern bin ich gerade ganz froh, dass mein Alter gerade im Vordergrund steht, hoffe aber gleichzeitig, dass es bald abflacht und es um das Amt als Präses geht und nicht um mich als junger Mensch.

Anna-Nicole Heinrich studiert zwei Masterstudiengänge in Regensburg.
Anna-Nicole Heinrich studiert zwei Masterstudiengänge in Regensburg.
pressebild ekd

Sie kommen selbst ja nicht aus einem gläubigen Elternhaus, sind da also selbst hineingewachsen. Hilft Ihnen diese Erfahrung – etwa, wenn es um das leidige Thema Mitgliederschwund geht?

Tatsächlich habe ich dadurch ein großes Erfahrungswissen, das habe ich die letzten Jahre über schon an vielen Stellen eingespeist. Ganz konkret glaube ich, dass wir das Thema auch noch mal empirischer und strategischer angehen müssen. Wir wissen ja, dass viele junge Leute im Alter zwischen 18 und dem ersten Job aus der Kirche austreten. Laut Analyse der Zahlen korreliert das oft mit dem ersten Lohnbescheid...

...weil sie dann feststellen, huch, ich muss ja Kirchensteuer zahlen...

...das wird sicher ein Grund sein, aber vermutlich nicht der einzige. Aus der Shell-Jugendstudie wiederum wissen wir, Gott spielt weniger eine Rolle, Kirche auch, aber Spiritualität schon. Das sind ja aber nur Fakten, die da abgefragt wurden. Wir müssen da noch ein bisschen genauer nachforschen. Das findet auch bereits statt, im Sommer ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen. Und dann gehe ich da auch gerne flankiert von meinem Erfahrungswissen rein, hoffe aber, dass wir dazu auch ganz fundierte Daten haben werden.

"Meine Mama war ganz aufgeregt. Sie meinte: 'Es ist erst zwölf Minuten her und du hast schon einen Wikipedia-Eintrag!'"

Sie verlassen sich da also auf Wissenschaft. Sie sind ja auch angehende Wissenschaftlerin, richtig?

Ich habe Philosophie im Bachelor studiert und mache gerade zwei Masterstudiengänge. Der eine heißt Menschenbild und Werte, der läuft offiziell an der katholischen Fakultät, hat aber einen großen Querschnitt an sozialethischen Themen. Der zweite heißt Digital Humanities, da bin ich aber noch nicht sehr weit fortgeschritten. Ich studiere also noch, kann mir aber durchaus vorstellen, in der wissenschaftlichen Laufbahn noch ein bisschen weiterzugehen.

Viele stellen sich vielleicht vor, dass man als Präses eher Theologie studiert haben muss.

Ich finde es superwichtig, dass in unserer Kirche alle zu Wort kommen. Das Präses-Amt wurde noch nie von einem Theologen besetzt, jedenfalls nicht die Vorgängerinnen, die in meinem Wikipedia-Eintrag aufgelistet sind. (lacht) Apropos Wikipedia-Eintrag: Meine Mama war ganz aufgeregt. Sie meinte: 'Es ist erst zwölf Minuten her und du hast schon einen Wikipedia-Eintrag!'

Früher hat die Kirche eine große Rolle für den Zusammenhalt der Gesellschaft gespielt, sicherlich wurde sie auch für den Machterhalt benutzt. Welche Rolle sollte sie in unserer heutigen Gesellschaft spielen?

Ich habe Kirche immer als Reflektionsraum wahrgenommen, zumindest in meiner Umgebung. Und das wünsche ich mir, dass Kirche genau das ist. Ein Reflektionsraum, wo Leute verschiedenster Prägung zusammenkommen und inhaltlich um Themen ringen können, aber immer in dem Bewusstsein, dass man etwas hat, was einen verbindet. Ich habe das Gefühl, das gibt einer guten Diskussionskultur Raum. Außerdem glaube ich, dass Kirche und Glaube eine Rolle spielen werden, wenn wir aus der Corona-Pandemie rausgehen werden und nochmal reflektieren, was da passiert ist, was es mit uns gemacht hat.

Es macht den Eindruck, dass unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet. Viele gesellschaftliche Themen sind heftig umstritten. Wie sollte sich die Kirche in solchen Streitfragen denn am besten verhalten?

Die Polarisierung, die in der Gesellschaft stattfindet, nehmen wir an vielen Punkten auch in der Kirche wahr. Das ist etwas, was ich nicht mag und was meiner Meinung nach nicht zu unserem Grundverständnis passt. Wir haben alle das gleiche Ziel, wollen unsere Botschaft in die Welt hinaustragen und auch nach dieser handeln. Deshalb wollen wir uns engagieren und in den öffentlichen Diskurs einbringen. Wir müssen uns trauen, um die Themen zu ringen, aber auch, wenn wir zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, eint uns etwas.

"Die jungen Leute, die schon dabei sind, ermutigen, Sachen auszuprobieren, die ihnen gefallen."

Untersuchungen wie die von Ihnen vorhin erwähnte Shell-Studie zeigen, dass bei jungen Menschen ein hohes Bedürfnis nach Spiritualität und Glaube vorhanden ist. Wie kann die Kirche dieses Bedürfnis denn besser bedienen?

Ich glaube, bei Spiritualität kommt es sehr darauf an, einfach mal zu machen. Ich selber bin eher klassisch-lutherisch geprägt, habe dann aber Leute kennengelernt, die ganz anders geprägt waren, und dann hat man sich eben ausgetauscht. Dann hat einer eine Andacht gehalten – und ich habe das nie gemacht, ich mochte das nicht. Und irgendwann hab ich aber gemerkt, dieses Stundengebet finde ich eigentlich ganz cool. Aber das einfach nur runterzubeten, gefällt mir nicht. Also mach ich ein bisschen Lofi-Musik unter das Stundengebet und schon ist es meditativer.

Also sprich, sich einfach locker machen?

Die jungen Leute, die schon dabei sind, ermutigen, Sachen auszuprobieren, die ihnen gefallen. Das nicht theologisch tot reden, sondern es zulassen und sie auch ermutigen, es anderen zu zeigen, denn genau das sind Formate, die andere Leute begeistern können. Ohne irgendwelche anderen Philosophien oder spirituellen Entwürfe abzuwerten.

Gibt es in der Kirche auch strukturelle Defizite? Es gibt ja meist Angebote für Kinder, für Eltern, für Senioren – aber eben nicht für junge Erwachsene, Studierende oder Azubis?

Das stimmt so plakativ ja nicht, es gibt auch für diese Zielgruppen Angebote. Ich glaube aber, dass man in der Altersphase einfach super oft nicht so genau weiß, was man will. Und es hängt glaube ich sehr an Personen, ob man sich für etwas begeistert. Dazu kommt: Wenn ich weiß, ich bin an diesem Ort gerade nur zwei Jahre, um meinen Master zu machen – binde ich mich dann wirklich? Da brauchen wir auch einen gesunden Pragmatismus und sagen, es ist auch in Ordnung, wenn die eine Zeitlang nicht da sind.

"Bei Instagram gibt es viele authentische, coole Leute, die über ihren Glauben reden. Pastorinnen, Pastoren, Leute, die sich in Gremien engagieren, Menschen, die auf der Suche sind."

Man kann nichts erzwingen, meinen Sie.

Ja, und dann eine gesunde Mischung aus 'Hey, ihr habt hier Raum, etwas zu gestalten' und 'Wir kommen zu euch, da wo ihr seid'. Dazu einfach auch mal Angebote machen, auch Sachen, die man einfach konsumieren kann. Ich hab das Gefühl, es ist oft so: Wenn man sich für etwas begeistert, muss man es immer gleich selber machen, man muss mitmachen. Es ist ganz selten erlaubt, mal einfach was für sich mitzunehmen.

Was würden Sie unseren Usern, die sich nun für Kirche interessieren, raten?

Ich kann jetzt keine Werbung für meinen Instagram-Kanal machen, das wäre nicht richtig. Aber tatsächlich gibt es da viele authentische, coole Leute, die über ihren Glauben reden. Pastorinnen, Pastoren, Leute, die sich in Gremien engagieren, Menschen, die auf der Suche sind. Einfach mal reinschauen, einfach mal ein Hashtag wie #digitalekirche oder #glaubengemeinsam eingeben und mal gucken, was da so kommt.

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