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Viele Menschen haben Angst vor dem Coronavirus. Bild: Getty Images/watson

Interview

Hausarzt über Coronavirus: "Impfstoff gibt es frühestens in einem Jahr"

Das Coronavirus breitet sich immer weiter aus. Erst kürzlich sprach Gesundheitsminister Jens Spahn vom Beginn einer Epidemie. Parallel dazu grassiert die Grippe. Das schwierige daran: Influenza- und Coronaviren lösen ähnliche Symptome aus. Seien es Fieber, Atembeschwerden oder auch Abgeschlagenheit. Das kann zu Verwirrung führen.

"Wenn Patienten nicht in einer Region waren, in der es Coronafälle gab oder Kontakt mit einem Erkrankten hatten, müssen sie sich allerdings keine Sorgen machen", sagt der Berliner Hausarzt Wolfgang Kreischer. Er ist Vorsitzender des Hausärzteverbands Berlin und Brandenburg. Im Interview erklärt er, wie man verängstigte Patienten beruhigt, warum Coronaerkrankte Arztpraxen meiden und was sie stattdessen tun sollten.

watson.de: Haben sich in letzter Zeit mehr Menschen bei Ihnen gemeldet, weil sie vermuten, dass sie sich das Virus eingefangen haben?

Wolfgang Kreischer: Tatsächlich kommen momentan besonders viele Menschen in die Praxen. Darunter sind auch ängstliche Patienten, die glauben, dass sie sich das Coronavirus eingefangen haben. Diese Patienten sind jedoch die Minderheit. Momentan kommen mehr Patienten, weil sie sich zu dem Virus beraten lassen wollen. In solchen Gesprächen geht es um die Symptome oder auch den Schutz.

Woran liegt es, dass sich bei Ihnen so wenig Menschen bezüglich des Coronavirus' melden?

Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir in Berlin keine Erkrankten haben. Entsprechend wissen viele Patienten, dass es bei Symptomen wie Fieber nicht Corona sein kann. Derzeit fragen wir vermehrt, ob ein Impfschutz gegen Grippe oder Lungenentzündung besteht.

Warum das?

Impfungen steigern die Immunabwehr. Entsprechend macht es Sinn, sich impfen zu lassen. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit ist dann ein bisschen geringer, weil man schlicht eine bessere Abwehrkraft hat. Leider gibt es bisher keine Prophylaxe gegen Corona, weshalb ein starkes Immunsystem bisher zum Schutz die beste Option ist.

Wie lange dauert es denn, bis ein Impfstoff gegen das Coronavirus einsatzbereit ist?

Wenn, dann frühestens in einem Jahr. Das liegt daran, dass ein Impfstoff zunächst entwickelt und getestet werden muss. Der Prozess nimmt viel Zeit in Anspruch.

Wann würden Sie jemanden auf das Virus testen?

Es gibt unterschiedliche Patientengruppen. Da wären einmal die ängstlichen Patienten, die vielleicht in Medienberichten von dem Virus mitbekommen haben, aber nicht in einer Region mit Betroffenen waren, geschweige denn mit einem Erkrankten Kontakt hatten. Die werden nicht getestet. Dann gibt es Patienten, die in einem Gebiet mit Coronafällen waren oder mit einem Erkrankten Kontakt hatten, Die sollte man vorsorglich testen, auch wenn sie vielleicht noch keine Symptome zeigen.

Und wenn jemand Symptome aufweist, ohne dass er Kontakt mit einem Corona-Erkrankten hatte?

Dann kann man von einer Grippe ausgehen. Zuletzt sind da noch diejenigen, die aus einem betroffenen Gebiet kommen und Symptome haben. Die sollten nicht in eine Hausarztpraxis gehen. Da rate ich, Zuhause zu bleiben, sich selbst zu isolieren und das Gesundheitsamt zu verständigen. Um herauszufinden, zu welcher Gruppe ein Patient gehört, fragen wir, ob er in einer betroffenen Region war und Kontakt mit einem Erkrankten hatte.

Wenn es also einen Verdacht gibt und die Person Kontakt hatte, dann wird der Test vom Gesundheitsamt übernommen?

Zumindest derzeit. Ich weiß aber nicht, wie lange das gut geht, da viele Ämter personell nicht gut ausgestattet sind. Sobald es zu viel wird, müssen die Hausärzte einspringen.

Wie wird generell auf Corona getestet?

Man macht einen Abstrich im Rachen oder beim Schleim aus den Bronchien und schickt ihn in ein Labor. Die testen dann die Probe oder leiten die Probe in ein entsprechendes Labor weiter. Innerhalb von 24 Stunden liegt dann ein Ergebnis vor.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?

Ältere Menschen sowie welche mit Vorerkrankungen in der Lunge wie etwa Asthma. Bei Kindern heißt es bislang, dass sie sich nicht anstecken würden. Da bin ich aber skeptisch.

Inwiefern?

Das macht biologisch schlicht keinen Sinn. Kinder waren bisher nicht betroffen, weil sich die Krankheit wohlmöglich noch nicht weit genug ausgebreitet hat.

Besteht denn die Sorge, dass Eltern ihre Kinder aus Angst künftig nicht zur Schule schicken?

In Gebieten mit Coronafällen würde das durchaus Sinn machen. Sollte das erforderlich sein, werden die Behörden ohnehin Maßnahmen ergreifen – wie Schulen und Kindergärten schließen.

Sehen Sie derzeit Grund zur Sorge bezüglich des Virus´?

Definitiv. Wir haben derzeit noch keine geeignete Therapie und zudem sind die Übertragungswege auch nicht vollständig geklärt. Zudem besteht der Verdacht, dass gesunde Patienten, bei denen die Krankheit nicht ausgebrochen ist, die Viren dennoch übertragen können. Das wäre besonders fatal.

Haben Sie in ihrer Praxis Vorsichtsmaßnahmen getroffen?

In unserer Praxis haben wir die Hygienemaßnahmen verstärkt, sprich es steht immer Desinfektionsmittel bereit, die Kollegen müssen sich regelmäßig gründlich die Hände waschen. Schutzkleidung tragen wir derzeit noch nicht. Sobald erste Fälle in unserer Umgebung auftreten, wird sich das natürlich ändern.

Glauben Sie, dass viele Menschen aufgrund von SARS-CoV-2 in nächster Zeit in Hausarztpraxen stürmen?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Gerade ernsthaft Betroffene wollen wir ja aufgrund des Infektionsrisikos aus den Praxen fernhalten. Haben sie schwere Symptome, sollten sie eher in die Krankenhäuser gehen. Da ist es zudem wichtig, dass die Patienten richtig isoliert werden.

Keine Panik bei Coronavirus-Verdacht

Sars-CoV-2 ist eine neue Form des Coronavirus – einem Virus-Typ, der grippeähnliche Infekte auslöst. In den allermeisten Fällen in Deutschland verläuft eine Ansteckung mit dem Coronavirus symptomfrei bis milde: Du könntest leichtes Fieber, Halsweh und Abgeschlagenheit erleben.

Danach klingt die Krankheit meist wieder ab. Wirklich gefährlich kann das Virus nur werden, wenn du zu einer Risikogruppe gehörst: Ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen (wie Krebs oder Lungenkrankheiten) sollten im Falle eines Infektionsverdachts ihren Arzt kontaktieren.

Wenn du Bedenken hast, ruf deinen Arzt bitte an, bevor du in die Praxis gehst. In Menschenmengen können sich Erreger eher verbreiten und so Patienten treffen, für die sie wirklich eine Bedrohung darstellen (die Risikogruppen). Laut Robert Koch-Institut sind Atemschutzmasken nicht erforderlich.

Auch Desinfektionsmittel benötigen nur Menschen mit geschwächtem Immunsystem und solche, die mit vielen anderen in Kontakt kommen (Verkäufer, Pfleger etc.). Achte stattdessen auf gründliches Händewaschen und Niesetikette.

Von sogenannten Hamsterkäufen jeglicher Art, ob Medizin oder Lebensmittel, ist abzuraten. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten in Deutschland ist sichergestellt.

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