Schon die ganze Woche fanden sich Menschen aus dem Gesundheitsbereich zu Demonstrationen zusammen (hier in Düsseldorf). Heute, zum "Tag der Pflegenden", wird der Protest bundesweit laut.
Schon die ganze Woche fanden sich Menschen aus dem Gesundheitsbereich zu Demonstrationen zusammen (hier in Düsseldorf). Heute, zum "Tag der Pflegenden", wird der Protest bundesweit laut.Bild: dpa / Thomas Banneyer
Interview

Pflegekräfte-Demos: Warum ein Corona-Bonus nicht reicht – und was sich dringend ändern muss

12.05.2022, 13:4112.05.2022, 18:00

Zum "Internationalen Tag der Pflegenden" gehen am heutigen Donnerstag deutschlandweit Pflegekräfte auf die Straße, um zu demonstrieren. In fast jedem Bundesland wurden Protestaktionen angekündigt, um auf den Fachkräftemangel, die Berufsflucht und die viel zu hohe Arbeitsbelastung der Pfleger aufmerksam zu machen.

Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts stieg zwar sowohl das Gehalt als auch die Anzahl an Pflegepersonal im vergangenen Jahrzehnt, allerdings täuscht diese vermeintliche "Positiv"-Entwicklung. Denn: Auch die Anzahl der Pflegebedürftigen hat massiv zugenommen – um satte 76 Prozent. Die Arbeitsbelastung ist damit unterm Strich gestiegen.

Auch pflegende Angehörige protestieren: Anfang der Woche platzierten sie Plakate vor dem Bundeskanzleramt.
Auch pflegende Angehörige protestieren: Anfang der Woche platzierten sie Plakate vor dem Bundeskanzleramt.Bild: dpa / Bernd von Jutrczenka

Dass man sich nicht ausruhen dürfe, mahnt auch Gesundheitsökonom Prof. Thomas Busse. Im Gegenteil, die Lage habe sich verschärft. Vor allem müssten die Arbeitsbedingungen besser werden, glaubt er. Der Pflegeberuf müsse aufgewertet werden: "Gute Pflegekräfte wollen nicht die Lakaien von Assistenzärzten sein." Pflegekräfte litten an starren Hierarchien, familienunfreundlichen Dienstplänen, zu viel Bürokratie.

Was sind also die zentralen Forderungen auf den heutigen Kundgebungen? Watson sprach darüber mit Anja Hild vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe in Berlin. Sie wird zusammen mit Menschen aus der professionellen Pflege vor dem Bundesgesundheitsministerium protestieren.

"Es reicht nicht, durch Einmalzahlungen Leistungen zu honorieren, wenn dann keine nachhaltigen Reformen kommen."
Anja Hild gegenüber watson

watson: Wie ist die aktuelle Lage in der Pflege. In welchen Bereichen fehlt besonders viel Personal?

Anja Hild: Wir haben in allen Bereichen Personalengpässe. Es fehlen vor allem Pflegefachpersonen, dies zeigen auch wieder die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Denn auch wenn die Beschäftigtenzahlen zunehmen, besteht noch immer eine Lücke von rund 200.000 Vollzeitstellen.

Hat sich die Überlastung und der Kräftemangel seit der Corona-Krise noch verschärft?

Die Pandemie ist auf ein fragiles System gestoßen und hat die Überlastung verschärft. Aktuell gibt es weiterhin sehr viele Ausfälle durch Infektionen oder Quarantäne – die Personalsituation hat sich also keineswegs entschärft.

Was sind die dringendsten Themen für Pflegeberufe, denen sich die Politik 2022 annehmen sollte?

Die Personalbemessung ist das dringendste Thema: Im Krankenhaus muss die Pflegepersonal-Regelung, die PPR 2.0, jetzt als Übergangsinstrument kommen und für die Langzeitpflege brauchen wir feste Zielmarken und eine beschleunigte Umsetzung der Roadmap, damit spürbare Entlastungen eintreten.

Was ist die PPR 2.0?
Die PPR 2.0 ist eine Reform der Pflegepersonalregelung (PPR) von 1992. Das Instrument der bedarfsgerechten Pflegepersonalbemessung in Krankenhäusern hat das Ziel, die Pflegeleistungen und Zeitwerte an aktuelle, am Bedarf der Patienten orientierte Anforderungen anzupassen.

Einige Eckpunkte der Regelung sind die Pflegebudgetierung und Stellenplanung, Grundsätze der Dienstplangestaltung und des Ausfallmanagements.
AG mav

Noch etwas?

Die Profession muss die Pflege endlich mitbestimmen. Die stetige Fremdbestimmung demotiviert und es schadet den Menschen, die Pflege brauchen, wenn die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen nicht gehört wird. Ein dritter Punkt, der dringend angegangen werden muss, ist die Sicherung der Pflegequalität. Dafür muss in die berufliche und vor allem die hochschulische Ausbildung investiert werden.

Was würden Sie sich von der Regierung wünschen?

Die Regierung muss weitsichtiger in der Gesundheitspolitik werden. Der demografische Wandel bringt neue Herausforderungen mit sich, auf die man jetzt reagieren muss. Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen und viele alte Menschen könnten lange selbstbestimmt ein gutes Leben Zuhause führen, wenn die Strukturen dafür da wären. Die im Koalitionsvertrag angekündigte Einführung der Community Health Nurse, einer auf Masterniveau ausgebildeten Pflegefachperson, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

"Die stetige Fremdbestimmung demotiviert und schadet den Menschen, die Pflege brauchen."

Die Politik reagierte zuletzt vor allem mit finanziellen Anreizen wie der Corona-Prämie. Ist das zu kurz gedacht?

Der Beruf der Pflege braucht langfristige Investitionen. Es reicht nicht, durch Einmalzahlungen Leistungen zu honorieren, wenn dann keine nachhaltigen Reformen kommen.

(mit Material der dpa)

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Pandemie vorbei, nur nicht in Deutschland? Wie die Corona-Regeln im Rest Europas aussehen

In Deutschland billigte der Bundesrat vergangene Woche das geänderte Infektionsschutzgesetz zum ersten Oktober, welches die Grundlage für die Corona-Regeln im kommenden Herbst und Winter darstellen soll. In den USA dagegen hat Präsident Joe Biden die Corona-Pandemie für beendet erklärt.

Zur Story