Leben
Students solving problem quiz in classroom behind blackboard

Universitäten sorgen häufig für Stresssituationen. (Symbolbild) Bild: gettyimages

Interview

Burnout an der Uni: "Das Bewusstsein über psychische Erkrankungen ist mangelhaft"

camille kündig / watson.ch

Klausurvorbereitung, Abgabetermine und nebenbei das Leben mittels Minijob finanzieren: Studenten leben in einer permanenten Drucksituation. Diese kann sich auch auf die Psyche auswirken.

26 Prozent der Studenten in der Schweiz leiden an psychischen Problemen. Und laut der Schweizer Tageszeitung "Le Temps" haben 2019 fast in allen Schweizer Schulen und Universitäten Konsultationen wegen Schlaf- oder Essstörungen, Isolation, Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsstörungen zugenommen.

Auch in Deutschland leiden viele Studierende unter psychischen Problemen

So wurde bei rund jeden sechsten Studenten eine psychische Erkrankung wie eine Depression oder Angststörung festgestellt. Das geht aus dem 2018 veröffentlichen Arztreport der Barmer hervor. Da sich viele Menschen noch immer in Bezug ihrer mentalen Verfassung bedeckt halten, fällt die Dunkelziffer wohl wesentlich höher aus. Um Betroffenen zu helfen, bieten viele Universitäten eine psychologische Betreuung an – meist in Form von Sprechstunden bei ausgebildeten Psychologen oder Psychologinnen.

Ein Basler Studierendenverein mit Namen "Mind-Map" setzt sich nun für die psychische Gesundheit ein – und dafür, dass das Thema auf den Tisch kommt. Die Studenten und Studentinnen denken über ihre Stadt hinaus: Der Verein hat dieses Jahr gemeinsam mit der Swiss Medical Students’ Association und dem Verband Schweizer Studierendenschaften eine nationale Kampagne ausgerollt.

Nächsten Frühling wird eine Umfrage zur psychischen Gesundheit von Studierenden durchgeführt. Ziel ist es, das Bewusstsein über psychische Erkrankungen zu stärken und Daten zu sammeln, die momentan fehlen.

Watson: Fatljume Halili, Sie haben an der Uni Basel einen Verein für die psychische Gesundheit von Studenten lanciert. Als Student hat man keine fixen Arbeitszeiten, viele Ferien und wenig Verantwortung – gibt's da überhaupt Sorgen?

Fatljume Halili: Vor 20 Jahren konnte man als Studierender Party machen, hatte viel Freizeit und Freiheiten. Heute ist die Situation anders. Die Bologna-Reform mit Bachelor und Master, die sehr auf Leistung und einen schnellstmöglichen Abschluss angelegt ist, macht den Studierenden Druck. Ausserdem müssen die meisten Studenten neben den Vorlesungen arbeiten. Viele haben mit dieser Doppel- oder gar Dreifachbelastung zu kämpfen. Und auch der Konkurrenzdruck steigt, weil immer mehr Personen studieren. In den Ferien ist dann ebenfalls Arbeit angesagt, oder ein Praktikum, um Erfahrung zu sammeln. Doch das Bild des feiernden, im Sofa rumhängenden Studis hält sich irgendwie hartnäckig.

An was fehlt es den Studenten denn?

Viele sind überlastet, haben Burnout-Symptome, Depressionen oder Angststörungen. Zwar haben sie je nach Studiengang keine klaren Strukturen, keinen durchgeplanten Stundenplan und so viele Freiheiten – aber das bedeutet gleichzeitig viele Unsicherheiten. Das kann belastend sein. Auch die Finanzen sind oft ein Thema, weil trotz des Nebenjobs nicht genug Geld in die Haushaltskasse kommt. Stipendien erhält lange nicht jeder, und diese zu beantragen, ist nicht ganz einfach und mit viel Aufwand verbunden. Und wer dann wegen dem Nebenjob überlastet ist, und in die Psychotherapie müsste, der kann sich die über 100 Franken für die Konsultation dann in vielen Fällen nicht leisten – ein Teufelskreis! Man muss aber sagen, dass dies nicht auf alle zutrifft. Es kommt drauf an, wie die Studenten mit Stressfaktoren umgehen können. Da sind die Menschen ganz unterschiedlich.

"Es muss möglich werden, wie bei einer Magen-Darm-Grippe darüber zu sprechen und sich ein paar Tage krank zu melden, wenn man eine depressive Episode hat."

In einer Erhebung des Bundesamts für Statistik geben 26 Prozent der Studierenden an, psychische Probleme zu haben...

Und die Dunkelziffer ist sicher hoch! Zwar spricht man heute mehr über psychische Gesundheit als früher, aber das Stigma ist weiterhin groß. Bei einer Grippe gehen wir zum Arzt und melden uns krank. Belastet unsere Psyche jedoch etwas, schieben wir die Symptome meist zur Seite. Und man sucht sich erst Hilfe, wenn der Leidensdruck zu stark wird. Es muss möglich werden, wie bei einer Magen-Darm-Grippe darüber zu sprechen und sich ein paar Tage krank zu melden, wenn man eine depressive Episode hat. Oder zu sagen, ich kann ein Semester lang nicht studieren, weil es mir schlecht geht. Denn je länger man das seelische Wohlbefinden ignoriert, desto schwieriger ist es, die Hilfe zu bekommen, die man so dringend braucht.

Wie meinen Sie das?

Viele Studenten melden sich erst bei den Anlaufstellen der Uni, wenn es schon brennt; wenn sie bereits lange in einer schweren Depression stecken und die Prüfungen verhauen haben. Wir als Verein oder die Psychologen sind dann eine Art Feuerlöscher. Und präventiv passiert schonmal gar nichts. Viele Studenten erzählen, sie könnten es sich nicht leisten, einen Tag lang nichts zu machen – also nicht zu lernen oder zu arbeiten. Und sie empfinden das als normal, als nötiges Übel. Das erschreckt mich. Kein Wunder geht es ihnen schlecht.

Gut, aber stehen wir nicht alle unter Stress?

Vielleicht schon, und diesen Satz hört man ja auch immer wieder, das "Wir sind doch alle im Stress". Aber es ist eben nicht normal, in diesem Trott und ständig angespannt zu sein, und unter Druck zu stehen.

Und die Schweizer Universitäten haben keine hilfreichen Angebote?

Jedenfalls ist das Angebot nicht ausreichend – und es wird nicht genügend darüber kommuniziert. Die Angebote erreichen die Studenten nicht! Ich persönlich hatte vor zwei Jahren an der Uni Basel eine schwierige Zeit und war frustriert, weil ich nicht wusste, an wen ich mich wenden konnte. Inzwischen gibt es bereits mehr Anlaufstellen, aber meiner Meinung nach ist das Verbesserungspotenzial an vielen Unis noch hoch. Was mich erschreckt: Es ist die Rolle der Universitäten, Arbeitskräfte auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Doch die psychische Gesundheit wird an der Uni, in der Lehre oder in der Schule kaum thematisiert.

Ein Manko?

Ja. Nach der Ausbildung wird plötzlich erwartet, dass die Menschen all die Werkzeuge haben, um in der Arbeitswelt mit allen stressvollen Ereignissen umgehen zu können. Das ist mir ein Rätsel. Das Grundrezept für einen gesunden Körper kennt jedes Kind; Wir haben Sportunterricht in der Schule, lernen, wie man gesund isst. Was man hingegen für das mentale Wohlbefinden tun kann, wird oft erst Thema, wenn man schon beim Psychologen auf der Couch sitzt. Wir wollen aber nicht gegen die Hochschulen agieren, sondern gemeinsam Lösungsansätze erarbeiten. Wir sehen uns als Schnittstelle zwischen der Uni Basel und ihren Anlaufstellen und allen Studierenden. Das funktioniert gut, wie zum Beispiel an Podiumdiskussionen, die wir veranstalten.

"Viele Schweizer erlauben sich nicht, traurig zu sein, weil wir hier einen hohen Lebensstandard haben."

Heute werden psychische Krankheiten doch viel weniger stigmatisiert als noch vor ein paar Jahren.

Das Bewusstsein über psychische Erkrankungen ist immer noch sehr mangelhaft. Aus Gesprächen bei uns an der Uni höre ich zudem oft heraus, dass viele Schweizer sich gar nicht erlauben, traurig zu sein. Sie haben das Gefühl, wir hier hätten einen solchen guten Lebensstandard, da dürfe es uns nicht schlecht gehen. Dabei kann ich ja auch nicht entscheiden, ob ich morgen die Treppe runterfalle und mir den Knöchel verstauche oder nicht. Genauso ist es mit der psychischen Gesundheit.

Hilfe bei Depressionen

Bestimmte Dinge beschäftigen dich im Moment sehr? Du hast das Gefühl, dich in einer ausweglosen Situation zu stecken? Wenn du dir im Familien- und Freundeskreis keine Hilfe suchen kannst oder möchtest – hier findest du einige anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichst du rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen du über deine Sorgen und Ängste sprechen kannst. Auch ein Gespräch via Chat oder E-Mail ist möglich.

Kinder- und Jugendtelefon: Der Verein "Nummer gegen Kummer" kümmert sich vor allem um Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 116 111.

Weitere Infos zu Depressionen findest du auch auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums.

Sie posten mit Ihrem Verein Mind-Map auch psychologische Tipps auf Instagram. Ist das der richtige Ort dafür?

Wir organisieren Achtsamkeits-Workshops, diverse Informationsveranstaltungen – und ja, wir haben mit einer Psychologin Tipps zusammengestellt, die wir auf Instagram posten. Dort erreicht man die meisten Studenten heutzutage. Die Uni Basel unterstützt uns und repostet unsere Inhalte. Die sozialen Medien dienen so oft als erster Anlaufpunkt. Gerade in psychischen Angelegenheiten ist es aber wichtig, dass wir die Studierenden auch im realen Leben treffen.

Was sind die ultimativen Tipps, die Sie Ihren Kommilitonen geben?

Wir sollten uns täglich um unsere Psyche kümmern, genauso wie wir uns dreimal am Tag die Zähne putzen. Achtsamkeitsübungen beispielsweise sind erwiesenermaßen sehr effektiv. Und die wie für das Zähneputzen beanspruchen sie nur drei, vier Minuten. Und das tägliche "in sich reinhören": Ist mir dieses Treffen zu viel? Dann sage ich es ab, und so weiter. Das Ganze sollte ein Automatismus werden, wie eben das Zähneputzen. Das ist aber Übungssache. Und wie beim Sport kann ich, wenn ich heute anfange, nicht erwarten, nächste Woche einen Sixpack zu haben.

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