A happy toddler girl standing by window indoors at home, looking out.

Kleinkinder müssen länger als der Rest der Gesellschaft warten, bis sie mit impfen dran sind. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Halfpoint

Kinder können noch nicht gegen Corona geimpft werden – worauf es jetzt besonders ankommt

Endlich, nach vielen Monaten voller Hiobs-Botschaften scheint sich die Lage in Deutschland vorsichtig zu entspannen. 28 Prozent der Deutschen haben bereits ihre erste Impfung erhalten, die Neuinfektionen sinken leicht und in einigen Bundesländern ist jetzt sogar schon Prioritätsgruppe 3 berechtigt, sich einen Impftermin geben zu lassen.

Damit rückt eine Corona-Impfung auch für meinen Mann und mich, meine Freunde, Kollegen und Familienmitglieder in greifbare Nähe. Die Spritzen bedeutet für uns nicht nur einen Schutz vor Covid-19, sondern auch die Möglichkeit, sich unbeschwerter bewegen zu können, Menschen zu umarmen, Feste zu feiern. Nur für meine zwei Kinder nicht.

Im Sommer gibt es ein Impfangebot für alle? Nicht ganz...

Sie sind noch unter drei Jahre alt und gehören damit vermutlich zur allerletzten Gruppe, für die Impfungen zugelassen werden. Natürlich ist das richtig so, denn "Kinder sind schon allein aus ethischen Gründen nicht für frühe Tests vorgesehen", wie die Bundesregierung in Hinblick auf die Impfforschung erklärt und die Studienlage zur Wirkung von Corona-Impfungen auf kindliche Immunsysteme ist daher noch zu dünn. Biontech arbeitet zwar an entsprechenden Studien für Kinder ab sechs Monaten, eine Zulassung ist aber noch in weiter Ferne.

Für Kinder unter 12 Jahren wird es also nur zwei Wege aus der Coronakrise geben: Warten, bis auch die Impfung für sie verfügbar ist. Oder warten, bis eine Herdenimmunität eintritt.

Es ist bitter, zu wissen, dass gerade der verletzlichste Teil meiner Familie weiter ungeschützt dem Virus ausgesetzt sein wird, während andere bestgelaunt ihren Urlaub planen und um die Häuser ziehen werden. Es ist auch bitter zu wissen, dass einige Menschen zwar die Möglichkeit hätten, sich und damit auch andere vor Covid-19 zu schützen, von diesem Luxus aber nicht Gebrauch machen wollen und damit die Infektions-Gefahr nicht nur für meine Kinder erhöhen.

Meine Kinder sind auf den Herdenschutz angewiesen

Nur etwa 65 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage der Uni Erfurt bereit, sich impfen zu lassen. Das ist leider zu wenig, um eine Herdenimmunität zu erreichen, die etwa 80 Prozent durchimpfte Deutsche erfordert (rechnet man Kinder und Jugendliche heraus bräuchte man sogar noch mehr).

"Für Kinder unter 12 Jahren wird es also nur zwei Wege aus der Coronakrise geben: Warten, bis auch die Impfung für sie verfügbar ist. Oder warten, bis eine Herdenimmunität eintritt."

Ich weiß nicht, ob es den unwilligen Leuten nicht bewusst oder schlicht egal ist, aber: Diese Herdenimmunität ist für alle Menschen, die nicht geimpft werden können, die einzige Chance auf Schutz vor der Krankheit.

Es ist wohl überflüssig, an dieser Stelle zu sagen, dass ich meine Kinder sehr gerne vor Covid-19 und noch unerforschten Langzeitfolgen der Erkrankung bewahren würde, die offenbar auch bei asymptomatischen Krankheitsverläufen – wie sie Kleinkinder oft erleben – auftreten können. Doch wie soll ich das tun? Den Lockdown privat verlängern? Wie wird die Zeit bis dahin aussehen, in der viele, aber noch nicht alle geimpft sind?

Es wird für schmerzhafte Diskussionen in meinem Freundeskreis sorgen, indem sich auch Menschen befinden, die sich nicht impfen lassen wollen. Ich habe diese Leute lieb, ich kenne sie seit vielen Jahren und vermisse sie jeden Tag. Trotzdem wird sich früher oder später ebenjene unangenehme Frage aufdrängen: Lasse ich meine ungeimpften Freunde wieder mit meinen Kindern zusammen, solange die das Virus noch voll abkriegen können, oder treffe ich mich dann doch lieber mit den schon Geimpften? Die Antwort wird Gefühle verletzen, das weiß ich jetzt schon.

Wir waren solidarisch mit den Alten. Seid ihr solidarisch mit uns?

Ich verstehe die Sorgen der Impfzweifler in meinem Umfeld sogar. Sich Teile eines Virus zu spritzen, ist unheimlich. Und natürlich könnte man die Krankheit auch einfach so durchlaufen, wenn man meint, das würde "schon nicht schlimm". Aber immerhin haben sie die Wahl, ob sie sich impfen lassen. Meine Kinder haben die nicht und sind der Entscheidung anderer so ausgeliefert.

"Es wäre fair, zumindest einmal darüber nachzudenken, ob man nicht zu dem Teil der Herde gehören will, der seine Schäfchen schützt."

Ich werde mich – allein schon zum Wohl meiner Kinder – sofort impfen lassen, wenn ich kann und ich bitte auch alle anderen Erwachsenen, sich nicht auf einem "unguten Gefühl" auszuruhen oder sich darauf zu verlassen, dass genug Mitmenschen schon einen Termin machen werden. Ich erwarte auch keine Jubelschreie über Vakzine, aber bitte informiert euch zumindest ausführlich über die Risiken und Nutzen der Impfungen – und zwar nicht über Telegram, sondern beim Hausarzt. Es wäre fair, zumindest einmal darüber nachzudenken, ob man nicht zu dem Teil der Herde gehören will, der seine Schäfchen schützt.

Meine Kinder sind wirklich nette Zweijährige, ihr würdet sie mögen. Sie haben tapfer alle Maßnahmen mitgetragen, sie kennen fast kein Leben ohne Zoom-Calls mit Oma, Kita-Schließungen und Masken auf dem Spielplatz. Es war und ist für uns unheimlich anstrengend gewesen, wie für so viele Deutsche auch. Ich würde es ihnen so sehr wünschen, in eine unbedarfte Kindheit zurückzukehren. Sie haben viel Solidarität mit den älteren, vulnerablen Personengruppen bewiesen – erhalten sie diese nun zurück?

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel