Female spectators cheering at sports event. Germany football team supporters actively cheering and chanting in crowd.

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaft gespalten. Kann die EM helfen, sie zu einen? Bild: iStockphoto / jacoblund (symbolbild)

"Wir werden unsere Unterschiede für mindestens neunzig Minuten beiseiteschieben": Wie die EM uns nach der Pandemie wieder vereint

In jeder hitzigen Debatte im TV muss der Moderator einschreiten, wenn es nicht mehr voran geht. Wenn sich Argumente wiederholen, kein Talk-Gast von seiner Perspektive abrückt, sich die Fronten nur noch verhärten, dann ruft der gute Gesprächsführer auch mal: "Auszeit! Themenwechsel, wir kommen später nochmal darauf zurück!"

Während der Corona-Zankereien der vergangenen Monate habe ich mir oft so eine Moderation im Alltag gewünscht. Doch während sich Ladenbesitzer und Lockdown-Befürworter schon lange nicht mehr zuhörten, Querdenker bei Telegram abtauchten und Impfzweifler sich mit ihrem Hausarzt stritten, schien das in weiter Ferne.

Bis jetzt. Denn jetzt ist Europameisterschaft. Auszeit! Da ist er endlich: Der so wohltuende, bitter nötige Themenwechsel in Deutschland, damit wir uns nicht alle an die Gurgel gehen.

Seit 2020 ging es nur noch um die Schrecken der Pandemie

Das Wetter ist toll, Restaurantbesitzer schieben die Leinwände raus, Kollegen starten Tipprunden – aber vor allem: Die Laune ist gut. Wann war sie das zum letzten Mal? 2019?

"Da ist er endlich: Der so wohltuende, bitter nötige Themenwechsel in Deutschland, damit wir uns nicht alle an die Gurgel gehen."

Ich erinnere mich kaum noch. Jedes Gespräch seit März 2020 drehte sich um Corona und früher oder später ging es dabei immer auch um die "anderen", die wahlweise brave Schäfchen waren, die sich nicht gegen eine Gesundheits-Diktatur wehrten oder spaßsüchtige Party-Jugendliche, die die Leben ihrer Omas riskieren.

Experten beobachteten die Spaltung der deutschen Gesellschaft mit Sorge. "Die Probleme liegen vor allen darin, dass wir unter Corona in eine zugespitzte, gesellschaftliche Polarisierung hineingeraten sind", sagte zuletzt auch Psychologe Stephan Grünwald gegenüber watson. "Die Ohnmachtserfahrung von Corona hat uns gereizt gemacht, aber wir müssen lernen, einander wieder zuzuhören."

Auch die Ergebnisse der bisherigen Landtagswahlen 2021 zeigten unsere Zerrissenheit auf: Was ist nur mit uns los? Haben wir kein gemeinsames Ziel mehr? Gibt es irgendetwas, das uns noch eint?

Die EM eint sogar Menschen, die politisch anders denken

Die Antwort liegt auf dem Rasen. Der EM kann sich kaum jemand entziehen und selbst wer Fußball nicht mag oder die UEFA kritisiert, wird wohl das eine oder andere Spiel mitbekommen. Städter und Dörfler, Hipster und Rentner – das Fußballturnier hat Corona bei vielen Deutschen als Gesprächsthema Nummer Eins abgelöst.

Die Erkenntnis, dass uns das gut tut, kam mir am Wochenende. Am Rande einer Hausrenovierung saß ich mit drei sehr unterschiedlichen Männern zum Frühstück im Garten zusammen: Ein Unternehmer aus einer Großstadt, ein Kirchen-Musiker aus einer Kleinstadt und eine Aushilfskraft vom Land. Jetzt kracht's gleich, dachte ich noch – denn ich kenne die politischen Ansichten der Drei. Was passierte?

"Habt ihr gestern das Spiel gesehen?", fragte einer. "Yep", so der andere. "Aber schlimm, was da im dänischen Team passiert ist, oder?" "Oh Gott, ja. Kannst du dir das vorstellen? Nicht einmal 30 Jahre alt und fällt einfach um." "Unglaublich." "Ich hab gelesen, dem geht es aber schon besser." "Gott sei Dank". "Und dann bald wir gegen den Weltmeister, ne?" "Das guck' ich mir an, wird bestimmt ein gutes Spiel." "Na, ich glaub nicht, dass wir gewinnen. Aber schön wär's ja."

Es war Frieden. Und ziemlich oft viel das Wörtchen "Wir". Eine ungewohnte Einigkeit bei drei Leuten, die sich einen Monat zuvor garantiert über die AfD, die Impfkampagne und Merkels Stufenplan in die Haare gekriegt hätten. Ich war beeindruckt zu sehen, welche verbindende Macht ein Fußballturnier über Gehalts-, Orts- und Altersschranken hinweg haben kann.

Klar sind politische Themen relevanter. Und sie müssen auch wieder besprochen werden. Aber wer sich über Monate in seiner Position verschanzt hat, kann keine gesunde Unterhaltung mehr führen. Mein Gefühl sagt: Wir brauchen eine Verschnaufpause, um wieder aufnahmefähig zu sein.

"Ich war beeindruckt zu sehen, welche verbindende Macht ein Fußballturnier über Gehalts-, Orts- und Altersschranken hinweg haben kann."

Sonne, Bier und Fußball: Mögen das nicht die meisten?

Wozu gibt es denn den – in unserem Land oft so verhassten – Small Talk? Um ein neutrales Miteinander zu schaffen, eine Micro-Verbindung. Gemeinsamkeiten schaffen Gesprächsbereitschaft, glauben Mediatoren. Und wenn sich die Fronten verhärtet haben, muss man eben sehr niederschwellig anfangen. Die Mehrheit der Deutschen mag Sonne und Bier und Fußball. Das haben wir jetzt alles gerade. Es ist eine Riesenchance!

Wer jetzt sagt, die EM sei doch völlig trivial angesichts der Weltlage, dem sei gesagt: Exakt! Genau deshalb brauchen wir das jetzt. Und ich würde zurückfragen: Hattest du denn ehrlich das Gefühl, dass die Debatten der vergangenen Monate uns weitergebracht haben? Die Wut-Demos und moralisierenden Shitstorms? Haben sie geholfen? Sind wir einer Lösung nahe?

"Lasst uns doch mal eine Pause einlegen und einen Moment zulassen, in dem man sich näher kommen kann, bevor es uns wieder auseinanderreißt."

Keine Sorge, die Streitereien werden wieder losgehen. Schließlich wartet nach dem Sommer eine Bundestagswahl auf uns. Aber lasst uns doch mal eine Pause einlegen und einen Moment zulassen, in dem man sich näher kommen kann, bevor es uns wieder auseinanderreißt.

Heute Abend werden viele Deutsche von ihren Wohnzimmern, Gärten und Stammlokalen aus der Nationalmannschaft bei der Arbeit zuschauen. Ich werde in einem Restaurant um die Ecke sitzen, mit Zuschauern am Nebentisch, deren politische Meinung ich nicht teile und die mich in einer Corona-Debatte sicher auslachen würden. Das ist okay. Wir werden unsere Unterschiede für mindestens neunzig Minuten beiseiteschieben, uns vielleicht sogar gut verstehen.

Wir werden elf Männer beobachten, die als Team versuchen, ihr Ziel zu erreichen. Weil man nun mal keine Krise beendet und keinen Pokal gewinnt, wenn jeder sein eigenes Ding durchzieht. Wir werden sehen, wie sich die Spieler nebeneinander aufreihen, um die Nationalhymne zu singen, die sicher nicht zufällig mit einem Wort beginnt, das zum Start jedes größeren Projekts vonnöten ist: Einigkeit.

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