Love around the world
Erst mit über 50 Jahren hätten sie angefangen, über Gefühle zu sprechen, sagt dieses Ehepaar.bild: Davor Rostuhar
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Intime Einblicke in Beziehungen weltweit: Was bedeutet "Liebe" für euch?

23.10.2022, 09:24

Jeder, der einmal verliebt war, kennt das Gefühl, dass nur dieser eine Mensch infrage kommt. Schicksalshaft fühlt es sich an. Aber: Was, wenn nicht das Herz darüber entscheidet, wen wir lieben, sondern unser Umfeld? Unsere Kultur?

Diese Frage stellte sich der kroatische Fotograf Davor Rostuhar, als er sich mit Andela verlobte. Gemeinsam beschlossen sie daraufhin, eine Weltreise zu machen und Liebespaare in allen möglichen Ländern zu ihrer Beziehung und den Gefühlen gegenüber ihrem Partner zu befragen.

Love around the world
"Love around the world", 25 Euro. Bild: mvg Verlag / Davor Rostuhar

Das Ergebnis hielten sie in einem Buch fest, welches zeigt: Liebe gibt es wirklich überall. Aber nicht immer sieht sie so aus, wie wir sie in Filmen und Serien darstellen. Davor und Andela begegneten Menschen, die eine Puppe liebten, Menschen, die in wechselnden Beziehungen lebten und Paare, die ihre Beziehung auch gegen den Willen der Gesellschaft verfolgten.

"Wir sollten viel öfter einfach zuhören, wie andere Menschen Liebe betrachten, anstatt ihre Sicht der Dinge zu verurteilen."
Fotograf Davor Rostuhar

Für watson fragten wir den Fotografen, was er bei seiner Reise über die Liebe gelernt hat, warum wir es im Westen manchmal mit der Romantik übertreiben und stellen fünf Paare mitsamt ihren Geschichten aus dem Buch vor.

Der erste Schritt, um ehrliche Ansichten über die Liebe zu hören? Nicht direkt bewerten. So simpel das klingt, umso schwieriger fällt es den meisten Menschen. "Uns fiel auf, dass konservative Menschen oft sehr argwöhnisch sind, was nicht-normative Liebesformen betrifft, gleichzeitig verurteilen progressive Leute häufig die traditionellen Formen von Beziehungen", berichtet Davor.

Indien

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Jitendra, Rattna und Sadnam leben polyandrös.bild: Davor Rostuhar
Jitendra (40), Rattna (38) und Sadnam (38) aus Indien leben im abgelegenen Kinnaur-Tal im Himalaya, einem der letzten Orte auf der Welt, an denen es noch die Polyandrie gibt, bei der eine Frau mehrere Ehemänner hat. Historisch gesehen wurde die Polyandrie in weniger als einem Prozent der Kulturen gepflegt, während die Polygynie, bei der ein Mann mehrere Ehefrauen hat, in mehr als 85 Prozent der Kulturen zu finden war. In Kinnaur praktiziert man die fraternale Polyandrie, bei der eine Frau zwei oder mehr Brüder aus einer Familie heiratet. "Ich verbringe die Hälfte meiner Zeit mit dem einen Bruder und die andere Hälfte mit dem anderen, und ich liebe sie beide gleichermaßen", sagt Rattna. "Unsere Kinder nennen den einen Vater den 'älteren Vater' und den anderen den 'jüngeren Vater'."

Aber immer, wenn wir ein Lebensmodell bewerten, ignorieren wir dabei "den enormen Einfluss, den die Natur und die Gesellschaft darauf hat, mit wem wir uns zusammentun und warum", sagt Davor. Im Kontext ihrer Umgebung machen ihre Liebesbeziehungen oft sehr viel Sinn. Davor: "Wir sollten viel öfter einfach zuhören, wie andere Menschen Liebe betrachten, anstatt ihre Sicht der Dinge zu verurteilen."

"Unsere westliche Welt ist sehr extrem (...). Wir haben die Liebe überhöht und auf ein Podest gestellt, das früher den Göttern vorbehalten war."
Fotograf David Rostuhar

Besonders das Thema Romantik würde sehr unterschiedlich betrachtet. Bei uns, in Europa und Nordamerika, habe die romantische, schicksalshafte Liebe, wie in Hollywood dargestellt, einen Stellenwert erreicht, der sehr ungewöhnlich wäre.

Iran

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Ihre Liebe ist illegal: Nahid und Nazanin.bild: Davor Rostuhar
Nahid (34) und Nazanin (27) im Iran sind ein lesbisches Paar in einem der letzten Länder auf der Erde, das Homosexualität immer noch mit dem Tod bestraft. "Du entscheidest nicht, in wen du dich verliebst", sagt Nazanin. "Die Liebe kommt in dein Leben wie ein Funke und setzt dein ganzes Sein in Brand. Es ist das Allerschönste, aber auch ein wenig beängstigend, weil der Mensch, in den du dich verliebt hast, dein Leben beherrscht, dein Alles wird. Du kannst nicht aufhören, an ihn zu denken, seine Fehler, seine Schönheit, sein Reichtum, sein Status sind dir egal. Es geht dir ausschließlich um ihn, so wie er ist."

"Auch wenn Liebe überall auf der Welt existiert, hat es nirgendwo eine derart zentrale Bedeutung für den Selbstwert und Sinn des Lebens, wie wir sie ihr geben", stellte Davor bei seinen Reisen fest. Seine Theorie: Der Glaube an die wahre Liebe sei fast eine Ersatz-Religion geworden.

"Unsere westliche Welt ist sehr extrem, wenn wir über Liebe sprechen. Wir haben die Liebe überhöht und auf ein Podest gestellt, das früher den Göttern vorbehalten war, an die viele nicht mehr glauben", sagt er im Gespräch mit watson.

Saudi-Arabien

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Fahad und Tamadur lernen von ihren Kindern.bild: Davor Rostuhar
Fahad (57) und Tamadur (55) aus Saudi-Arabien sagen, dass sie erst vor Kurzem begonnen haben, über Emotionen zu sprechen, als ihr Land sich langsam dem Westen zu öffnen begann. "Unsere Eltern waren ungebildet und haben uns nichts über Gefühle beigebracht. Wir sind aufgewachsen, ohne das Wort 'Liebe' zu kennen", sagt Fahad. "Die Zeiten ändern sich nun und das ist gut so. Unsere Kinder führen bereits ein modernes Leben und auch wir verändern uns." Frauen müssen in Saudi-Arabien nicht länger einen Niqab tragen, aber Tamadur wollte die Tradition beibehalten und ist dankbar, dass Fahad ihre Entscheidung respektiert. "Liebe ist Respekt. Ohne Respekt kann es keine Liebe geben", sagt sie.

Dennoch ist auch er ein Romantiker. Er glaubt, dass er seine Frau Andela auch in einer anderen Kultur geliebt hätte, selbst wenn sie vielleicht aufgrund äußerer Umstände nie ein Paar geworden wären.

"Wenn wir in eine andere Kultur hineingeboren wären, hätten unsere Eltern vielleicht darüber entschieden, wer unser Ehepartner wird. Vielleicht hätten wir niemals über Gefühle gesprochen oder in unserer Sprache nicht einmal ein Wort für die Liebe gehabt", erklärt er. "Vielleicht hätte ich einen Harem gehabt oder Andela hätte auch noch alle meine Brüder geheiratet – Gott sei Dank, habe ich gar keine... Aber das grundlegende Gefühl, das wir füreinander empfinden, die Kraft, die uns so zueinander hinzieht, die wäre vermutlich trotzdem da gewesen."

Namibia

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!ui und !ao flirteten ganz traditionell.bild: Davor Rostuhar
!ui (40) und !ao (36) in Namibia gehören zu den !Kung, einem der ältesten Völker der Erde. Bis vor rund zehn Jahren lebten sie als Jäger und Sammler in der Kalahari. !ui hatte lange ein Auge auf !ao geworfen und dachte darüber nach, ihr einen Antrag zu machen. Als er so weit war, schlich er sich von hinten an sie an und schoss ihr mit seinem Bogen einen kleinen Pfeil in den Po. !ao zog den Pfeil heraus und gab ihn ihm zurück, was nach ihrem Brauch bedeutete, dass sie seinen Antrag annahm. "Ich liebe meine Frau", sagte !ui. "Wie ich meine Frau liebe, so liebe ich auch meine Kinder. Und wie ich meine Kinder liebe, so liebe ich aaaalle Menschen. Auch die Menschen, die ich nicht kenne, liebe ich. Aber meine Frau liebe ich am meisten! Ich umarme sie, wir halten Händchen, machen Liebe und so wächst die Liebe! Wenn es keine Liebe gäbe, gäbe es kein Leben!"

Die zahlreichen Liebesgeschichten, die der Fotograf dokumentiert hat, reichen von Menschen, die sich selbst geehelicht haben, bis zu Kindern, die überzeugt sind, dass sie ihren Spielkameraden auch als Erwachsene noch lieben werden. Es sind Geschichten von Menschen, die ihren bettlägrigen Partner weiter liebevoll durchs Leben begleiten oder einfach nur zufrieden sind, dass ihr Partner sie jeden Tag ernährt.

"Wenn wir lieben, besänftigt das die dunklen Seiten in uns."
Fotograf Davor Rostuhar

"Wenn wir lieben, besänftigt das die dunklen Seiten in uns, wir geben der Hoffnung eine Chance und sehen Licht auch in dunklen und gewalttätigen Umgebungen", sagt Davor. Das sei das verbindende Glied, das er überall beobachtet hat. Die Zuneigung von Menschen zueinander sei überall auf der Welt eine Bereicherung. "Durch Liebe ist es möglich, Brücken über die breiten Kluften zu bauen, die uns trennen. "

Kroatien

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Wollten alles über die Liebe wissen: Davor und Anđela.bild: Davor Rostuhar
Davor (37) und Anđela (33) aus Kroatien verlobten sich in der Antarktis und beschlossen, in ihren Flitterwochen nach der Heirat ein Jahr lang um die Welt zu reisen, um herauszufinden, was Liebe ist und ob es sie überall gibt. "Wir haben uns gefragt, ob wir uns genauso lieben würden, wenn wir in eine andere Kultur, eine andere Zeit und einen anderen Ort hineingeboren wären", sagt Anđela. "Wäre unsere Liebe dieselbe oder anders? Ist es Liebe, die uns zusammenhält und die Illusion schafft, wir könnten all die Probleme überwinden, die sich uns unweigerlich in den Weg stellen werden? Ist unsere Beziehung schlicht das Ergebnis einer Entscheidung, praktischer Verbundenheit und gemeinsamer Werte? Oder gibt es da noch etwas anderes?"

Seine eigene Liebesgeschichte sei durch die Weltreise und die zahlreichen Gespräche mit anderen Liebenden bereichert worden und gewachsen. "Wir wissen jetzt, dass unsere Liebe zu großen Teilen durch Biologie, Genetik, Kultur, Gesellschaft und unsere persönliche Biografie geprägt wurde", sagt Davor, "aber auch, dass unsere Liebe eine Entscheidung war, das Resultat unseres freien Willens."

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