Mal so richtig Dampf ablassen oder einfach eine gute Zeit mit Freunden verbringen: Axtwerfen ist neuer Großstadt-Sporttrend.
Mal so richtig Dampf ablassen oder einfach eine gute Zeit mit Freunden verbringen: Axtwerfen ist neuer Großstadt-Sporttrend. bild: woodcutter
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Trendsport Axtwerfen: Warum es wie Yoga wirkt und ein guter Ort für erste Dates ist

19.11.2022, 10:12

Als die Einladung zum Axtwerfen ins Leben-Postfach geflattert kam, schrieb meine Kollegin sofort: "Ich will das machen, hahaha!" Aus Termingründen fiel die Axt dann doch mir vor die Füße. Ich mache mich mit gemischten Gefühlen auf den Weg.

Böse Erinnerungen an den Schulsport kommen hoch. Wie beim Horror-Weitwurf vor den Augen aller Mitschüler der Ball kläglich einen Meter weiter in den Sand plumpste, weil ich zu spät losgelassen hatte. Überhaupt war Werfen noch nie mein Ding, schon gar nicht weit und gezielt. Und jetzt soll ich eine Axt schmeißen?

"Axtwerfen wirkt meditativ. Es ist das neue Yoga."
Woodcutter-Gründerin Miranda Vandenitte

Der neue Trendsport aus Kanada und den USA soll angeblich absolut sicher sein – sicherer als Darts werfen. Grundsätzlich ähneln sich beide Sportarten: Man zielt mit der Axt auf eine runde Scheibe aus Holz. Darauf gibt es einen roten Punkt in der Mitte, das Bullseye, Ringe für die Punktezonen (je näher am Bullseye, desto mehr Punkte) und noch zwei besonders schwer zu treffende blaue Punkte, die die meisten Punkte einbringen.

Ziel ist, dass die Axt nach dem Wurf in der Scheibe steckt – am besten dort, wo es viele Punkte gibt. Doch was, wenn die Axt statt im Holz in meinem Schienbein stecken bleibt? Autsch.

Mädels in der Überzahl: Axtwerfen scheint, wider Erwarten, ein weiblicher Sport zu sein.
Mädels in der Überzahl: Axtwerfen scheint, wider Erwarten, ein weiblicher Sport zu sein.bild: watson / Evelyn Pohl

Keine Oase der Männlichkeit

Angekommen bei Woodcutter in Berlin empfängt mich weniger Testosteron, als ich erwartet hätte. Keine Vollbart-Holzfäller im Flanellhemd, sondern jede Menge Mädels, die sich in der holzgetäfelten Axtbar an der rustikalen Holztheke tummeln. Axtwerfen scheint also nicht nur bei watson Interesse geweckt zu haben.

"Die Germanen haben früher mit Äxten geworfen, die Franken, Teutonen, alle. Das ist eine Sportart, die zu den Wurzeln der Menschheit zurückgeht."
Woodcutter-Gründer Julien Vandenitte

Das Gründer-Duo, bestehend aus dem belgischen Geschwisterpaar Miranda und Julien Vandenitte erklärt, wie man als Belgier darauf kommt, eine Axtbar zu eröffnen. Haben die beiden etwa Wikinger-Vorfahren? "Wir haben auch ein germanisches Erbe", sagt Julien und lacht. "Die Germanen haben früher mit Äxten geworfen, die Franken, Teutonen, alle. Das ist eine Sportart, die zu den Wurzeln der Menschheit zurückgeht."

Woodcutter
Eine eigene Liga für den Axtwurf gibt es hierzulande noch nicht – vielleicht aber bald.bild: watson/ Evelyn Pohl

Julien Vandenitte brachte schon Erfahrung aus der Freitzeit- und Unterhaltungsbranche mit.

"Als ich von Axe Throwing hörte, war ich überrascht und sehr neugierig. Also bin ich mit einem meiner Jugendfreunde, der jetzt einer unserer Mitbegründer ist, in die USA gereist. Wir wussten nicht, was uns erwartet. Doch als wir dann unsere ersten Äxte geworfen hatten, fanden wir es einfach nur toll, weil es so viel Spaß macht."

Weckt dieser Sport die Lagherta in uns?

In einer Welt, die immer digitaler wird, wollen sie mit ihren Bars Orte schaffen, an dem man die Zeit zurückdrehen und mit Menschen an einem physischen Ort zusammen sein kann, um Zeit miteinander zu verbringen. "Das war für uns schon vor der Pandemie sehr wichtig, aber seither hat es noch mehr an Bedeutung gewonnen", sagt Julien. "Wir wollen einen Raum schaffen, in dem die Menschen gesellige Momente miteinander verbringen, Spaß haben, einfach mal abschalten und sich mit der Vergangenheit verbinden können."

Miranda Vandenitte findet noch einen anderen positiven Aspekt, da beim Axtwerfen der Alltag ausgeblendet und die Konzentration ganz auf den Wurf gerichtet ist. "Axtwerfen wirkt meditativ. Es ist das neue Yoga", meint sie.

Miranda Vandenitte von Woodcutter
Arm gerade halten, Axt im 90-Grad-Winkel: Woodcutter-Gründerin Miranda Vandenitte zeigt wie's geht.bild: escapismist / luke betts

Mit dieser Botschaft geht es zur Einweisung durch die sogenannten "Axe Master", die einem die Wurftechnik erklären sollen. Zwei der drei Axe Master sind weiblich – so langsam nährt sich in mir der Verdacht, dass das kein Zufall sein kann. Möglicherweise weckt dieser Sport die berühmte "Vikings"-Schildmaid Lagherta in uns? Ich werde es herausfinden.

Gegenüber der Bar verlaufen parallel die "Lanes" genannten Wurfbahnen, abgegrenzt durch doppelreihig gespannten Maschendrahtzaun. Jede Bahn ist gut fünf Meter lang und ausgestattet mit einer Wurfscheibe und Sicherheitsmatten für Abpraller.

"Wer auf Schmerzen steht, ist hier zwar in der richtigen Stadt, aber definitiv im falschen Laden."
Axe Master Jim über seinen Sport
Jim Barker Woodcutter
Axe Master Jim Barker bei der Ersteinweisung.bild: escapismist / luke betts

Axe Master Jim macht die Ersteinweisung und stellt erst mal klar: "Wer auf Schmerzen steht, ist hier zwar in der richtigen Stadt, aber definitiv im falschen Laden." Dann erklärt er, wie man die Axt am besten hält und wirft. Bei mir entscheidet er sich für die Zwei-Hand-Wurftechnik: Beide Arme gerade vor den Oberkörper, Axt 90 Grad zum Arm halten, Handgelenk steif halten. Dann mit der Axt weit über den Kopf nach hinten ausholen, und werfen.

Soviel zur Technik also. Der Holzgriff der Axt liegt angenehm schwer in meiner Hand. Ich lege los. Der erste Wurfversuch war wohl noch zu zögerlich, die Axt, berührt die Scheibe noch nicht mal. Die nächsten Würfe enden damit, dass die Axt an der Scheibe abprallt und mir zurück vor die Füße poltert. Immerhin nicht gegen mein Schienbein.

Woodcutter
Axtmeisterin Dorothea Mende gibt Tipps zum Werfen.bild: escapismist / luke betts

Jim sagt, es wäre Zeit, an meinem "Spin" zu arbeiten. Beim Loslassen der Axt kommt es auf den richtigen Moment an. Schließlich muss die sich im Fliegen drehen und mit dem Axtblatt auf die Scheibe treffen, um stecken zu bleiben.

Der entscheidende Hinweis kommt aus der Bahn nebenan, von Axe Master Dorothea: "Lass los, wenn die Axt auf Augenhöhe ist – stell Dir vor, Du haust mit der Axt auf den Tisch", sagt sie ihrem Schützling. Die wirft – und Jubel rundherum, der erste Volltreffer in unter zehn Versuchen. Ein Naturtalent! Bei mir dauert es noch ein paar Würfe länger, aber auch ich schaffe den ersten Treffer in unter fünfzehn Versuchen.

Nach dem fünfzehnten Versuch der erste Treffer. Yeah!
Nach dem fünfzehnten Versuch der erste Treffer. Yeah!bild: watson/ evelyn Pohl

Überhaupt scheint das Werfen von Äxten Frauen irgendwie zu liegen. Axe Master Dorothea sagt: "Es sind tatsächlich mehr Frauen hier, weil es eben nicht nur um Kraft geht. Es ist so, dass die Frauen eigentlich besser in der Technik sind."

"Es ist gesellig, du trinkst ein Bier und du hast aber auch einen Coach, der die ganze Zeit da ist – was vielleicht für viele Frauen auch ein interessanter Aspekt ist."
Coach Dorothea über Blind Dates beim Axtwerfen

Freunde treffen und den IQ deines Dates testen

Nicht nur für den nächsten Mädelsabend ist die Axtbar der geeignete Ort, beliebt sind auch Junggesellenabschiede, Geburtstage, Teambuilding-Events und Tinder-Dates.

Dorothea glaubt, gerade für Blind Dates eignet sich die Axtbar sehr gut, "weil du nicht die ganze Zeit so konfrontiert bist, auf dein Gegenüber fixiert und du die ganze Zeit mit nur dieser Person sprechen musst. Es ist gesellig, du trinkst ein Bier und du hast aber auch einen Coach, der die ganze Zeit da ist – was vielleicht für viele Frauen auch ein interessanter Aspekt ist."

Dorothea hat als Coach bei Dates schon interessante Beobachtungen gemacht:

"Ich will nicht verallgemeinern, aber ich sehe Tendenzen bei Frauen. Wenn sie am Anfang noch Hilfe nötig hat, dann braucht es eben Tipps. Sie hört zu und ihre Lernkurve geht steil nach oben. Ein Mann kommt manchmal, wirft eine Axt und die steckt sofort drin. Er sieht aber, dass die Frau sehr progressiv in ihrem Lernverhalten ist oder anfängt, alles zu überdenken. Und seine Lernkurve geht oft eigentlich eher nach unten. Hat er dann auch die Demut, trotzdem Spaß zu haben oder ist er der Typ für Competition? Also ich sage immer ganz oft, genießt das Scheitern, es geht um den Prozess. Es geht wirklich überhaupt nicht ums Gewinnen."

Den IQ deines Dates beim Axtwerfen testen. Warum nicht?

Den inneren Wikinger herauslassen macht Spaß

Ob die meditativen Aspekte des Axtwerfens nun für mich den Yoga-Hund und das Shavasana ersetzen, da bin ich skeptisch. Durch das ganze frisch gesplitterte Holz duftet es aber in der Axtbar tatsächlich entspannend nach Wald und Bäumen – und welche Bar kann das schon von sich behaupten?

Mein Fazit: Die innere Wikingerin herauslassen und archaisch ein paar Äxte in Richtung Scheibe schleudern – das macht schon Spaß. Das schönste Kompliment kam für mich dementsprechend auch von einer Axtmeisterin: "You did it like a ladyboss ..." Yeah!

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Traditionen leben davon, dass man sie nicht hinterfragt. Frei nach dem Motto: "Weil wir das immer schon gemacht haben", übernehmen wir so auch zu Weihnachten die Rituale unserer Vorfahren, putzen zum 6. Dezember den Stiefel, futtern Gänsebraten und freuen uns auf das Christkind.

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