Für einige Alltag, für andere ein Alptraum: Die Angst vor dem Autofahren ist gar nicht so selten.
Für einige Alltag, für andere ein Alptraum: Die Angst vor dem Autofahren ist gar nicht so selten.imago images/imagebroker
Vor Ort

20 Prozent der Deutschen haben Angst vorm Autofahren: Was dagegen helfen kann

03.12.2022, 12:4920.01.2023, 13:06

Schon mal was von Amaxophobie gehört? 20 Prozent der Deutschen im Besitz eines Führerscheins sind von der "Angst vorm Autofahren" betroffen, vor allem Frauen. Darunter auch ich. Klinisch anerkannt ist diese Angst noch nicht, doch es gibt sie. Um diesen Menschen zu helfen, gibt es vereinzelt spezielle "Angsthasen-Fahrtrainings".

An einem grauen und winterlichen Mittwochabend mache ich mich auf den Weg zu einer Fahrschule in Berlin-Reinickendorf, die solche Trainings anbietet – und muss bei jedem Schritt gegen den Wunsch ankämpfen, den Termin nicht doch in letzter Minute abzusagen. Ich bin nervös, denn ich soll nach langer Zeit mal wieder selbst Autofahren.

Dass ich davor Angst habe, ist ganz verständlich, erklärt mir die Fahrlehrerin Conny Leuenberger von der Fahrschule "Weiberwirtschaft". Diese Fahrschule ist besonders, denn hier gibt es nur weibliche Fahrlehrer. Nach einem kurzen Gespräch zu meiner bisherigen Fahrerfahrung steigen wir gleich ins Auto, um herauszufinden, wie ich mich schlage und wo ich Probleme habe.

Erst einmal stellen wir den Sitz und die Spiegel des Autos optimal ein. Dann zeigt Conny mir, wo alle Knöpfchen sind: Hier das Licht, da das Warnsignal und dort die Nebelleuchte. Und erinnert mich an – oh nein – das Automatikgetriebe. Einen solchen kurzen Check sollte man eigentlich in jedem neuen Auto machen, damit man die Umgebung genau im Blick haben kann und bei Bedarf nicht hektisch nach dem richtigen Hebel suchen muss.

Erste Regel: Die Geschwindigkeit dem Können anpassen

Dann geht es los. Als ich gleich losbrausen und mich der Berliner Verkehrsgeschwindigkeit anpassen will, bremst mich Conny ab: "Lass es ruhig angehen. Wenn du unsicher bist, fahr lieber etwas zu langsam. So vermeidest du Unfälle."

Auf meinen Einwand, dass hinter mir aber ungeduldige Autofahrer sind, sagt sie gelassen: "Hupen ist verboten, das ist nur in Gefahrensituationen erlaubt – das gilt auch für die Lichthupe. Entspann dich, fahr doch am besten gleich noch langsamer und lass dich richtig anhupen."

"Vielen fehlt einfach die Übung."
Fahrlehrerin Conny Leuenberger

Wütende und drängelnde Autofahrer hinter mir sind ein Horrorszenario und auch der Grund, warum das Einparken so oft nicht klappt. Ich merke, wie ich nervös werde und kaum atme. Also: tief durchatmen, schön in den Bauch rein. Schon fühle ich mich etwas besser.

Conny hat das natürlich mitbekommen. "Es geht vielen wie dir. Es ist diese Angst vor dem Unbekannten. Ich habe natürlich Menschen mit Unfällen, die traumatisiert sind, aber vielen fehlt einfach die Übung." Die Schweizerin kam zu ihrem Beruf, weil sie in Deutschland ihren Führerschein umschreiben wollte – und alle Fahrstunden erneut absolvieren musste.

In Deutschland gibt es spezielle Fahrschulen für Frauen.
In Deutschland gibt es spezielle Fahrschulen für Frauen.pexels/markus spiske

Zweite Regel: Übung macht den Meister

Warum haben vor allem Frauen Angst vor dem Autofahren? Conny empfiehlt, nach dem Bestehen des Führerscheins "mindestens ein Jahr lang jeden Tag Autofahren". Frauen verzichten aus Connys Erfahrung auch der Umwelt zuliebe oft auf das Auto, gerade innerhalb der Stadt.

"Viele Männer, auch Fahrlehrer, sind der Überzeugung, dass Frauen es gar nicht lernen können."

"Schau mal, wer allein mit dem Auto von Charlottenburg nach Wilmersdorf fährt: Mann, Mann, Mann." Natürlich seien diese regelmäßigen Fahrer:innen dann die besseren. Aber "es ist nicht so, dass die Männer automatisch mit dem Führerschein auf die Welt kommen".

Oft fehlt es Frauen aber auch am nötigen Selbstbewusstsein im Straßenverkehr: Gerade Sprüche wie "Frau am Steuer, das wird teuer" oder "Frauen können nicht einparken" verursachen zusätzlichen Druck und Ängste, die die Fahrleistung wiederum verschlechtern.

"Viele Fahrlehrer, die auf Schülerinnen und Schüler losgelassen werden, sind pädagogisch gar nicht wirklich ausgebildet."

Dabei sind Frauen gar nicht die schlechteren Autofahrer:innen. Ihr schlechter Ruf am Steuer ist nicht gerechtfertigt: Statistisch gesehen verursachen Männer, junge Fahrer unter 24 Jahren, die meisten Unfälle.

Dritte Regel: Die richtige Fahrschule auswählen

Wenn diskriminierende Sprüche vom eigenen Fahrlehrer kommen, ist das ein Problem:

"Es gibt viele, die mit Fahrlehrern schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich habe viele Fahrschulwechsler. Viele Männer, auch Fahrlehrer, sind der Überzeugung, dass Frauen das Autofahren gar nicht lernen können. Die sagen: 'Möchtest du nicht lieber etwas anderes machen?'"

Die Ausbildung der Fahrlehrer:innen fokussiert nur die fachliche Eignung. Obwohl man als Fahrlehrerin einen Lehrauftrag habe, nehme das Fach Pädagogik noch nicht mal die Hälfte des Lehrstoffs ein. "Viele Fahrlehrer, die auf Schülerinnen und Schüler losgelassen werden, sind pädagogisch gar nicht wirklich ausgebildet", erzählt Conny mir während der Fahrt. In den einschlägigen Berliner Ausbildungsstätten kämen im Schnitt auf 20 Fahrlehrer-Azubis 18 Männer und zwei Frauen. "Es ist nach wie vor ein Männerberuf."

Viele Frauen berichten von sexistischen Sprüchen ihrer Fahrlehrer.
Viele Frauen berichten von sexistischen Sprüchen ihrer Fahrlehrer.Bild: imago/blickwinkel

Davon bleiben Frauen nicht ungerührt: "Wenn du immer so demotiviert wirst und das Gefühl hast, du kannst es nicht, dann bleibt das Selbstwertgefühl komplett im Keller, was das Autofahren betrifft. Und das wieder aufzubauen, ist wahnsinnig schwer", erklärt Conny. So kommt es, dass viele Frauen, selbst wenn sie den Führerschein bestanden haben, danach nicht mehr Autofahren.

Die Nachfrage für eine rein weibliche Fahrschule ist auf jeden Fall da: "Ich habe mit drei Jahren gerechnet, gerade weil wir mit der Thematik so eine Nischen-Fahrschule sind. Aber es waren ein paar Monate, dann lief die." Und die Frauen, die kommen, seien nur diejenigen, die sich trauen: "Das sind gestandene Frauen. Die haben studiert, die sind Professorinnen, die haben einen Management-Job und kommen zu mir und sagen: 'Ich kann das nicht.' Das braucht Mut."

Den braucht man beim Berliner Verkehr definitiv: "Du bist nur für dein Auto verantwortlich", sagt Conny. Was die anderen tun, gehe mich nichts an. Und schwupps, überholt ein Auto an einer engen Kreuzung beim Abbiegen, ein andres auf der Busspur. "Brandgefährlich", meint Conny. Aber leider Alltag: "Der Berliner Verkehr ist richtig aggressiv", sagt sie und erzählt von all den Unfällen, die sie in ihrem Job erlebt.

Vierte Regel: Kenne deine toten Winkel

Die nächste Horrorstation für mich: Rückwärts einparken. Zum Glück jedoch in einer ruhigen Seitenstraße. Konzentriert rangiere ich das Auto in die Parklücke und bin stolz wie Bolle, dass es gleich beim ersten Mal geklappt hat – leider aber einen halben Meter vom Bordstein entfernt. Ups, gleich nochmal.

"Einmal wöchentlich Autofahren – und sei es nur für ein paar Minuten."

Danach steigt Conny aus und zeigt mir, wo die toten Winkel beim Auto sind. Spannend, die hätte ich ganz woanders vermutet. Das habe ich wohl schon vergessen – oder habe ich es nie gelernt? Auf der Fahrerseite ist der tote Winkel wirklich fast direkt auf meiner Höhe. Genau dort, wo ich mich meist sehr sicher und sichtbar gefühlt hatte als Radfahrer. Auf der Beifahrerseite befindet sich der tote Winkel ungefähr quer hinter dem Vordersitz.

Frauen sind seltener als Männer in Unfälle verwickelt.
Frauen sind seltener als Männer in Unfälle verwickelt.pexels/robert nagy

Nach diesem Manöver kurven wir noch eine Weile durch die immer dunkler werdende Stadt, die sich zunehmend mit den roten und gelben Glühwürmchen der Autoscheinwerfer füllt. Bei einer engen Straßenpassage schwimmen mir, laut Conny, "noch alle Felle weg", doch ansonsten mache ich meine Sache scheinbar gut.

Connys Fazit, als wir wieder vor der Fahrschule stehen, lautet: Übung, Übung, Übung. Eine weitere Fahrstunde hätte ich nicht nötig. Ich könne Autofahren, nur die Sicherheit fehlt. Meine Hausaufgabe also für 2023: "Einmal wöchentlich Autofahren – und sei es nur für ein paar Minuten." Am Anfang am besten allein oder mit Freundin und irgendwo, wo wenig Verkehr ist. Und nicht vergessen: Langsam fahren, lieber kurz warten, als etwas riskieren.

"Ich werde zwischendurch mal bei dir nachhorchen, wie es läuft", sagt Conny lachend zum Abschied. "So direkt bin ich, das hast du ja inzwischen schon gemerkt."

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