Das Leben in einer WG während der Corona-Pandemie führte bei vielen zu Streit.
Das Leben in einer WG während der Corona-Pandemie führte bei vielen zu Streit.Bild: iStockphoto / SB Arts Media
watson-Story

Zwischen Quarantäne und Dates: WGs erzählen, wie sie die Corona-Zeit erleben

10.01.2022, 18:5111.01.2022, 12:29

Ein Spieleabend mit den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern oder ein gemeinsames Feierabendbier – für viele machen genau diese Aktivitäten das WG-Leben aus. Doch die Corona-Pandemie hat Wohngemeinschaften unter jungen Menschen auf eine Belastungsprobe gestellt. Was tun, wenn ein Mitbewohner Corona bekommt? Und wie fühlt sich die gemeinsame Quarantäne in einer Zweck-WG an?

Watson hat mit vier jungen Menschen darüber gesprochen, wie sie das WG-Leben in der Corona-Zeit erleben und welche Probleme daraus entstanden sind.

"Mega anstrengend, in der Pandemie in einer WG zu leben"

Maximilian K. (Name von der Redaktion geändert), aus Süddeutschland

"Ich habe in einer Dreier-WG gelebt. Das war auch meine einzige WG während der Corona-Pandemie. Dort habe ich ein halbes Jahr gewohnt, bevor ich in eine andere Stadt gezogen bin wegen meines Jobs. Diese WG-Erfahrung hat mir aber auch gereicht.

Vor allem in der ersten Welle war ich sehr vorsichtig, auch gerade in Bezug darauf, andere Leute zu treffen und feiern zu gehen. Die anderen haben es zwar auch ernst genommen, aber waren eben nicht so vorsichtig. Meine Ex-Mitbewohnerinnen und Mitbewohner konnten nicht einfach mal einen Abend zu Hause bleiben.

"Zu Beginn der zweiten Welle folgte dann der große Knall."

Wir mussten in der ersten Welle schon einmal alle in Quarantäne wegen eines unglücklichen Zufalls. Deshalb mache ich auch keinem der beiden anderen einen Vorwurf. Aber zu Beginn der zweiten Welle folgte dann der große Knall.

Wenn Mitbewohner die Corona-Regeln missachten, kann das zu Streit führen.
Wenn Mitbewohner die Corona-Regeln missachten, kann das zu Streit führen.Bild: MAXPPP / Vanessa MEYER

Meine Situation war folgende: Ich hatte bereits einen neuen Job in einer anderen Stadt angenommen und war noch auf der Suche nach einer Wohnung. Bedeutete, ich musste immer an den Wochenenden pendeln für die Besichtigungen, was extrem wichtig für mich war. Ich habe mir dann von meiner Mitbewohnerin und meinem Mitbewohner gewünscht, dass sie eine erneute Quarantäne nicht provozieren. Das hat die aber überhaupt nicht interessiert.

Die anderen beiden waren dann in großen Gruppen essen, auf Geburtstagspartys und hatten auch ein sehr reges Dating-Leben zu der Zeit. Es kam dann, wie es kommen musste: Bei einem dieser großen Abendessen haben mehrere Leute Corona bekommen und die beiden mussten in Isolation. Ich konnte dann zwar noch Wohnungen besichtigen, weil ich meine WG-Kollegen einige Tage nicht gesehen hatte, aber ich bin ab dann auch in der WG nur noch mit FFP2-Maske herumgelaufen.

"Ich bin innerhalb der WG aus Vorsicht sogar mit FFP2-Maske auf Toilette gegangen."

Als ich an dem Tag des Anrufs mit der Isolation dann nach Hause kam, war ich allerdings wider Erwartens alleine in der Wohnung: Meine Mitbewohnerin und mein Mitbewohner waren trotz Quarantäne mit den Leuten von dem Abendessen unterwegs. Das hat mich wirklich wütend gemacht.

Ich habe den beiden dann eine wütende Nachricht geschrieben, weil ich es wirklich enttäuschend fand, dass sie es so provozierten. Und das, obwohl sie wussten, wie wichtig die Wohnungsbesichtigungen für mich waren.

Am nächsten Tag wurde ich dann von meiner weinenden Mitbewohnerin angerufen, die mir schreiend vorwarf, ein 'egoistisches Arschloch' zu sein. Ich würde überhaupt nicht an die anderen beiden denken, die sich ja jetzt in Quarantäne begeben müssten. Ich war der Buhmann schlussendlich. Wir haben dann eine Woche lang nicht mehr miteinander gesprochen, mussten danach aber noch ein paar Wochen zusammenleben. Deshalb hat mir die WG-Erfahrung dann auch gereicht."

"Deine Mitbewohner lassen dich nicht im Stich"

Miriam M., aus Berlin

"In einer WG stellst du dir immer die Frage: Inwiefern muss ich andere schützen durch meine eigenen Handlungen. Das heißt, man sollte vielleicht nicht auf ein Riesenevent gehen, da man die anderen sonst unter Umständen krank machen könnte.

"Wenn das aber nicht jeder so sensibel sieht, kann das natürlich auch zu Zoff führen."

Aber ein WG-Leben hat auch positive Nebenwirkungen. Eine meiner Mitbewohnerinnen wurde kurz vor Weihnachten positiv getestet. Sie musste dann die gesamte Weihnachtszeit in Quarantäne verbringen.

Wir wollten zu Weihnachten eigentlich gemeinsam in ein Restaurant gehen, dann haben wir das kurzerhand aber in die WG verlegt wegen meiner Mitbewohnerin. Sie saß also in ihrem Zimmer und wir haben sie virtuell zugeschaltet.

Einige meiner Mitbewohnerinnen sind dann auch über die komplette Weihnachtszeit zu Hause geblieben und für die Mitbewohnerin in Isolation einkaufen gegangen und haben sich um sie gekümmert – dafür gesorgt, dass sie immer Bücher hatte zum Lesen zum Beispiel.

"Deine Mitbewohner lassen dich nicht im Stich."

Und auch so entsteht ein stärkeres Band innerhalb der WG. Durch die engen Absprachen, die man immer treffen muss, haben wir beispielsweise schon Filmabende und die ein oder andere Unternehmung gemacht.

In einer WG in Coronazeiten zu leben, hat also auch Vorteile. Denn hast du eine gute WG, dann lassen dich deine Mitbewohner auch in der Quarantäne nicht im Stich."

"Bin in ein Loch gefallen"

Kim K., aus Hamburg

"Meine Freundin ist zu Beginn von Corona zu ihrem Freund gezogen und hat ihre Quarantäne dort verbracht. Deshalb bin ich dann leider in ein Loch gefallen, weil alles neu war und ich alleine in der Wohnung.

"Irgendwann hast du auch jede Ecke geputzt und aufgeräumt."

Am Anfang war es zwar noch ganz in Ordnung, alleine in der Quarantäne zu sein, weil man alles mal abarbeiten konnte, zu dem man zuvor nicht gekommen war. Ich habe dann viel geputzt und aufgeräumt zum Beispiel, aber irgendwann ist man dann auch damit fertig.

Wenn man plötzlich alleine in der WG ist, ist das für viele ungewohnt.
Wenn man plötzlich alleine in der WG ist, ist das für viele ungewohnt.Bild: www.imago-images.de / bChristian Gohdes

Als alles geschlossen war, bin ich dann kurzzeitig zu meinen Eltern gezogen, um die Quarantäne dort fortzuführen. Dort war es dann ganz angenehm: Wir haben viel 'Malen nach Zahlen' gemacht und Spiele gespielt.

Zurück in Hamburg habe ich mich dann mit meiner Freundin im Lockdown mit Filmabenden und noch mehr Spielen beschäftigt. Wir haben dafür gesorgt, dass wir uns viel bewegen, also Spazierengehen und viel an der frischen Luft waren."

"Durch Corona ist die WG letztendlich auch zerbrochen"

Laura (Name von der Reaktion geändert), 34, aus München. Sie ist inzwischen aus ihrer alten WG ausgezogen.

"Ich habe vier Jahre lang mit vier Personen in einer WG gewohnt, eineinhalb davon während Corona. Die Freundschaft, beziehungsweise das gesellige WG-Zusammenleben hat schon sehr darunter gelitten. Es gab definitiv schon vor Corona Probleme, die Pandemie hat das nur noch verstärkt. Es gab gewisse Fronten bei uns: Die eine Seite der WG hat Corona sehr ernst genommen, hat zum Beispiel versucht, es vorher abzusprechen, wenn Besuch kam. Und die andere Seite der WG war da nicht so streng und hat das anders gehandhabt. Obwohl wir ausgemacht hatten, dass wir uns vorher Bescheid sagen, wenn wir Besuch bekommen. Dadurch kam es dann immer öfter zu Konflikten.

"Wenn du nach Hause kamst und die Küche war plötzlich voller Leute, ohne dass die anderen Mitbewohner etwas davon wussten, war das schon blöd."

Wenn du nach Hause kamst und die Küche war plötzlich voller Leute, ohne dass die anderen Mitbewohner etwas davon wussten, war das schon blöd. Das war zwar nicht im Lockdown, aber doch in Zeiten mit hohen Inzidenzen. Man wurde in Situationen gebracht, die man oft mit etwas Kommunikation hätte verhindern können. Durch Corona ist meiner Meinung nach zutage getreten, wie wenig Empathie manche zeigen. Ich hatte einfach sehr viel Angst, gerade durch einen Risikopatienten in meiner Familie und da hab ich mich auch oft sehr einsam gefühlt in der WG, gerade weil nicht so Rücksicht genommen wurde auf meine Bedürfnisse. Da hat sich sehr viel Frust aufgebaut.

"Durch Corona ist meiner Meinung nach zutage getreten, wie wenig Empathie manche zeigen."

Denn die von uns, die die Corona-Regeln strenger gesehen haben, mussten sich dann auch einschränken, weil die anderen mehr Kontakte hatten und man ja in der gleichen Wohnung wohnt. Da sind allgemein einfach zwei Welten aufeinander gekracht und das hat zu sehr vielen Streitigkeiten geführt. Durch Corona ist die WG letztendlich auch zerbrochen und wir haben uns auseinandergelebt. Und das, obwohl wir so lange Zeit so eng beieinander gelebt haben. Das finde ich sehr schade und ich hätte sehr gern gewusst, wie es ohne Corona gelaufen wäre.

Wir hatten aber sehr großes Glück, dass sich nie jemand angesteckt hatte oder in Quarantäne musste. Ich fand es sehr schade, dass sich in der Zeit gezeigt hat, dass die WG nicht mein Zuhause ist und nicht auf meine Gefühle Rücksicht genommen wurde. Aber man muss sagen, es war einfach für alle eine schwere Zeit."

"Ich bin geboostert und vorsichtig und trotzdem kriegen gerade alle um mich herum Corona": Unser Autorin ist nach zwei Jahren Einschränkungen frustriert – und will ihre Strategie ändern

"Zu Corona hat jeder irgendeine Geschichte zu erzählen", erzählte der Historiker Jörn Leonhard im watson-Interview . Und das ist wirklich mal ein sehr treffender Satz. Mir kommt es so vor, als bestehe die Pandemie aus nichts anderem: Ein wirres Konstrukt aus schwammigen Gefühlen, Gerüchten und Geschichten, in denen die harten Fakten oft ganz verloren gehen. Auch der Geist ist infiziert, Corona im Kopf.

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