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Krieg und Konflikte haben nicht nur auf die Menschen vor Ort katastrophale Auswirkungen – sie treiben auch die Klimakrise weiter voran.Bild: iStockphoto / Nzpn
Analyse

Krieg und Zerstörung in der Ukraine: Das sind die Folgen für das Klima

16.11.2022, 18:2518.11.2022, 09:32

Seit knapp neun Monaten verursacht Putin mit seinem Angriffskrieg in der Ukraine Tod, Leid und Zerstörung. Laut Expert:innen hätte der Krieg schon mehrfach beinahe zu verheerenden Umweltkatastrophen geführt: Etwa als russische Streitkräfte tagelang das Asow-Stahlwerk im Osten der Hafenstadt Mariupol bombardierten.

"Da der Krieg noch andauert, sind die zusätzlich verursachten CO₂-Emissionen derzeit noch nicht einschätzbar."
Osteuropa- und Klimaexpertin der SWP, Astrid Sahm

Denn neben den Atommeilern stellen auch die vielen Stahl- und Chemiefabriken sowie Bergwerke eine Gefahr in Kriegsgebieten dar: Stehen sie unter Beschuss, können giftige Dämpfe und Substanzen freigesetzt werden – mit fatalen Folgen für die Umwelt.

Kriege verursachen viel CO₂– durch Bomben, aber auch den Wiederaufbau

Doch Krieg, Rüstung und Militär bringen nicht nur katastrophale Auswirkungen für die Menschen und Umwelt vor Ort mit sich – sie treiben auch eine weitere Krise mit gravierenden Folgen an: die Klimakrise.

Durch Kriege steigt die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre an – und befördert so Krisen auf der Welt.
Durch Kriege steigt die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre an – und befördert so Krisen auf der Welt.bild: ute grabowsky / photothek.net

"Da der Krieg noch andauert, sind die zusätzlich verursachten CO₂-Emissionen derzeit noch nicht einschätzbar", sagt Astrid Sahm, Osteuropa- und Klimaexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), gegenüber watson. Eines aber weiß die Expertin schon jetzt sicher: Die CO₂-Emissionen – und damit ihre Auswirkungen auf die Erderwärmung – sind allein aufgrund ihrer Vielfältigkeit "sehr gravierend".

Verursacht werden zusätzliche kriegsbedingte CO₂-Emissionen Sahm zufolge allem voran durch die folgenden Punkte:

  • Durch die militärischen Einsätze in den Krisengebieten
  • Durch Kriegszerstörungen
  • Durch die Umsteuerung der Energiepolitik in den westlichen Staaten weg von russischen Energielieferungen
  • Durch Änderungen globaler Lieferketten und der Nahrungsmittelproduktion
  • Durch die kriegsbedingte Blockade der internationalen Klimapolitik

Die Umweltzerstörung durch Bomben, Verminung und weitere Kriegshandlungen sei "erheblich", auch werde der Wiederaufbau nach dem Krieg zu zusätzlichen CO₂-Emissionen führen. Sahm erklärt dazu gegenüber watson:

"Es gibt Schätzungen vom Sommer 2021 für Syrien, dass ein Wiederaufbau von zehn Prozent des vorhandenen Gebäudebestandes, der im Krieg bis dahin zerstört wurde, allein 22 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen zusätzlich erzeugen würde. In der Ukraine sind derzeit bereits ein Drittel der Infrastruktur im Transport- und Energiewesen zerstört, hinzu kommen unzählige Fabriken und Gebäude. Es ist hier also mit einem erheblichen Mehrausstoß zu rechnen."

Und damit nicht genug: Durch die Zerstörung der Infrastruktur im Energiewesen dürften zur Stromerzeugung und zum Heizen verstärkt Dieselgeneratoren und Holz in der Ukraine verwendet werden – und damit für zusätzliche CO₂-Emissionen sorgen.

Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels durch Ukraine-Krieg weniger realistisch

Ein Grund dafür, den Kopf in den Sand zu stecken, sei das aber nicht. Die Krise berge immerhin auch das Potenzial, dass zumindest ein Teil der CO₂-Emissionen durch einen energieeffizienten Wiederaufbau, der Klimaaspekte "maximal berücksichtigt", aufgefangen wird. "Die zentrale Frage ist, ob dieser Effekt noch rechtzeitig kommt, ehe der Kipppunkt für den Klimawandel im Hinblick auf den Anstieg der Durchschnittstemperatur erreicht ist", merkt Sahm an.

Sie ergänzt:

"Kurzfristig ist das 1,5-Grad-Ziel definitiv weniger realistisch als vor dem Krieg. Mittelfristig bestehen jedoch Chancen für den Klimaschutz."

Viel wichtiger als die unmittelbaren Folgen des Krieges sind die mittel- bis langfristigen Veränderungen, insbesondere mit Blick auf die Energiepolitik. Denn um sich von den Gaslieferungen Russlands unabhängig zu machen, planen zahlreiche westliche Länder derzeit, auf andere Energiequellen und -lieferanten umzusteigen.

Gelingt die Energiewende dadurch schneller, ist die kurzzeitige Laufzeitverlängerung von Kohlekraftwerken etwa in Deutschland das weitaus geringere Übel.

YEOJU-GUN, SOUTH KOREA - OCTOBER 19: U.S. soldiers participate in a river crossing exercise with South Korean soldiers on October 19, 2022 in Yeoju, South Korea. North Korea's military said Wednesday  ...
Der Krieg in der Ukraine bringt eine Menge Zerstörung mit sich und verursacht so zusätzliche CO₂-Emissionen.Bild: Getty Images AsiaPac / Chung Sung-Jun

1,5-Grad-Ziel selbst in Friedenszeiten wohl außer Reichweite

Patrick Flamm, Senior Researcher am Leibniz Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), ist da weniger optimistisch. An die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens glaubt er selbst im Falle der internationalen Zusammenarbeit verfeindeter Staaten nicht mehr. Gegenüber watson sagt er:

"Das 1,5-Grad-Ziel ist wohl leider bereits auch in Friedenszeiten außer Reichweite. Allein dadurch, dass die globale Wirtschaft trotz aller Bemühungen bisher nach wie vor auf fossilen Brennstoffen beruht. Die bisherige Klimapolitik war schlicht nicht ausreichend. Ob der Krieg dabei hilfreich ist, die notwendige internationale Zusammenarbeit im Klimaschutz zu befördern, sei mal dahingestellt."

Flamm geht davon aus, dass der Krieg in der Ukraine zweierlei Effekte nach sich ziehen könnte:

  1. Der Krieg bremst oder stoppt wirtschaftliche Entwicklungen, was kurzfristig Emissionen mindern kann. Auch kann der Krieg zu einem beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien führen.
  2. Es wird vermehrt in fossile Infrastruktur investiert und der Ausbau von Kernkraft gefordert. Dazu kommt, dass beim Wiederaufbau kriegsverwüsteter Städte häufig auf "schnelle wirtschaftliche Erholung" statt auf nachhaltige Planung und Entwicklung gesetzt wird.
Windkraftanlagen stehen auf einem Feld bei Paderborn. Die Ampelkoalition hat den Ausbau erneuerbarer Energien beschlossen. Danach sollen bis 2030 mindestens 11,5 Gigawatt aus Windenergie produziert we ...
Ob der Krieg und die damit einhergehende Energiekrise die Energiewende beschleunigt, bleibt abzuwarten.Bild: www.imago-images.de / imago images
"Dass Russland gezielt kritische zivile Infrastruktur wie Dämme, Kraftwerke und Nuklearanlagen angreift, ist sehr riskant für Mensch wie Natur."
Patrick Flamm, Senior Researcher am HSFK

Und nicht nur das. Auch die Umwelt und die ukrainischen Ökosysteme würden unter dem Krieg leiden. "Kriegsschäden sind deshalb nicht nur im Bereich der Klimakrise zu befürchten, sondern auch bezüglich der Biodiversität und regionaler Verschmutzung", ergänzt Flamm. "Dass Russland gezielt kritische zivile Infrastruktur wie Dämme, Kraftwerke und Nuklearanlagen angreift, ist sehr riskant für Mensch wie Natur und völkerrechtlich nicht zulässig."

Ist das Ausbleiben von Kriegen Voraussetzung für eine klimaneutrale Welt?

Kriege und Konflikte hätte es lange vor dem Wirtschaftswachstum durch fossile Brennstoffe gegeben, erklärt Experte Flamm. "Das Ziel sollte aber sein, Konflikte so zu lösen, dass dabei nicht das Leben auf dem Planeten Erde kaputtgeht, wie das im Falle eines Atomkrieges und nuklearen Winters ja auch der Fall sein könnte."

"Wichtig ist dabei, dass eine globale Klimagerechtigkeit nicht aus den Augen verloren wird."
Patrick Flamm, Senior Researcher am HSFK

Andererseits könnte die Klimakrise, die die Menschen auf der ganzen Welt betrifft, Flamm zufolge aber auch das Potenzial haben, die internationale Zusammenarbeit auch zwischen verfeindeten Staaten zu fördern. "Wichtig ist dabei, dass eine globale Klimagerechtigkeit nicht aus den Augen verloren wird, um die unvermeidlichen Konfliktfragen einer Dekarbonisierung der Weltwirtschaft nicht zu gewaltsamen Konflikten und Kriegen werden zu lassen."

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Der Krieg in der Ukraine darf nicht zu einer Wett-Aufrüstung unter den Ländern führen. Bild: iStockphoto / Airubon

Auch Osteuropa- und Klimaexpertin Astrid Sahm betont, "dass Kriege und Klimaneutralität nicht vereinbar sind". Entsprechend wichtig sei es, dass die Lehren aus dem Krieg nicht in einer Wiederbelebung der Abschreckungspolitik durch Aufrüstung mündeten. "Vielmehr ist eine eingehende Reflexion erforderlich, warum internationale Mechanismen der friedlichen Konfliktregulierung in den letzten zwei Jahrzehnten so oft gescheitert sind und wie wirksame Mechanismen geschaffen werden können."

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