Nachhaltigkeit
Analyse

Klimaschutz: "Zero Waste City" Kiel will Abfall vermeiden – auch mit Babywindeln

ARCHIV - 04.11.2023, Sachsen, Dresden: Die Müllabfuhr der Stadtreinigung Dresden (SRD). (zu dpa "BGH: Langsam an Müllfahrzeug vorbeifahren - sonst Unfall-Mitschuld") Foto: Sebastian Kahnert/ ...
Zum Schutz der Umwelt hat sich die Stadt Kiel ein neues Müllkonzept überlegt.Bild: dpa / Sebastian Kahnert
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Abfall? Nein danke! Das können andere Städte von Kiel lernen

Seit 2023 ist Kiel die erste zertifizierte "Zero Waste City". Um die Umwelt zu schützen, stellt die Stadt ihr Müllkonzept komplett um. Was genau das bedeutet und welche Rolle Baby-Windeln dabei spielen, hat watson aufgedröselt.
05.03.2024, 19:48
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Drei Grad Erderhitzung bis 2100. Diese erschreckende Prognose legte das UN-Umweltprogramm UNEP in seinem Jahresbericht 2023 vor. Wenn alle Staaten bei ihren aktuellen Klimaschutzzusagen blieben, heißt es, werde das 1,5-Grad-Ziel weit verfehlt. Die Folgen: Naturkatastrophen, Hungersnöte, Fluchtbewegungen. Es wird deutlich: Die Maßnahmen der internationalen Regierungen reichen bei Weitem nicht aus.

Doch es gibt Lichtblicke, denn auf kommunaler Ebene tut sich etwas: Die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel will einen Beitrag zum Umweltschutz leisten, indem sie Abfall vermeidet. Dafür wurde sie 2023 als erste "Zero Waste City" Deutschlands zertifiziert. Ins Leben gerufen wurde das Konzept bereits 2020.

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Kiel stellt sein Müllkonzept komplett auf den Kopf

Seit drei Jahren dreht sich in Kiel nun alles um den Müll. Eine besondere Schlüsselrolle spielt dabei die Reduzierung des Restabfalls. Dazu zählen beispielsweise Windeln, Medikamente, Zigarettenkippen oder Glühbirnen. Dieser Restabfall wird normalerweise verbrannt.

Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) ist das allerdings die schlechteste Option: Denn nur ein Teil der im Abfall enthaltenen Energie wird in der Verbrennungsanlage zurückgewonnen, die Energiebilanz ist dementsprechend nicht gut. Auch wertvolle Materialien wie Kupfer und Edelmetalle gehen so verloren. Durch eine bessere Trennung der Abfallsorten, wie Kiel sie anstrebt, könnten die Wertstoffe besser erhalten – und somit auch wiederverwertet werden.

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Rund 44.000 Tonnen Müll verursacht Kiel jährlich.Bild: IMAGO/Michael Gstettenbauer

Aber reicht das aus, um den Klimaschutz maßgeblich zu verbessern? Ja, sagt die Stadt und liefert Zahlen: Rund 412 Millionen Tonnen Abfall produziere Deutschland pro Jahr, wie auch das Statistische Bundesamt bestätigt. Allein Kiel habe 2021 mehr als 44.000 Tonnen Haus- und Geschäftsmüll dazu beigetragen. Durch das Zero-Waste-Konzept könne dieser bis 2035 um rund die Hälfte reduziert werden, bis 2050 seien sogar 70 Prozent drin.

Dem BUND zufolge werden bei der Abfallverbrennung in Deutschland jährlich fast 24 Millionen Tonnen CO₂ ausgestoßen. Verringert sich dieser Abfall und wird die Entsorgung optimiert, gelangen auch weniger Treibhausgase in die Atmosphäre.

Kiel will Anreize geben, damit Menschen Müll vermeiden

Kiel hat insgesamt mehr als 100 Maßnahmen in seinem Zero-Waste-Konzept festgelegt. Unter anderem soll das Abfallsystem komplett umgestellt werden. Die Stadt überlegt, die Pay-as-you-throw-Variante anzuwenden: Die Abfallgebühren für Haushalte würden sich dann nach dem Gewicht richten, statt – wie bisher – nach dem Volumen. Das soll einen finanziellen Anreiz geben, Abfall zu vermeiden. Aktuell wird die Umsetzbarkeit noch geprüft. Auch die Eigenkompostierung will Kiel fördern.

Nachhaltige Babywindeln sollen die Umwelt retten

Eine weitere Rolle in Kiels Umweltstrategie spielen Babywindeln. 2022 wurde in einem Pilotprojekt ein Windelservice getestet. Familien, die waschbare Stoffwindeln kauften, bekamen einen Zuschuss von bis zu 200 Euro. Der Hintergrund: Ein Kind verbrauche im Schnitt 6000 Einweg-Windeln, was jeweils rund eine Tonne Abfall bedeute, wie die Stadt erklärt. Produktion sowie Entsorgung seien energieintensiv. Das will Kiel vermeiden.

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Stoffwindeln sind nachhaltiger, da man sie einfach waschen kann.Bild: iStockphoto / Chantalrouthier

Im Baugewerbe möchte die Stadt klimaschonend einwirken, indem sie vor Gebäudeabrissen Beratungsgespräche führt. Laut Hochrechnungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) vermeidet die Sanierung eines bestehenden Gebäudes ein Drittel der Emissionen eines Neubaus. "So könnten jährlich in Deutschland 1,1 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden", heißt es seitens der Stadt.

Auch hat Kiel sich vorgenommen, eine Plattform zum Leihen, Tauschen, Teilen und Reparieren zu erstellen, Zero-Waste-Module an Schulen zu entwickeln und eine flächendeckende Möglichkeit zum Foodsharing zu etablieren, um der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Im Handel sollen unverpackte, regionale Lebensmittel gefördert werden.

ILLUSTRATION - Mit Vorratsgläsern und Stoffbeutel: Ein Unverpackt-Einkauf vermeidet Müll und schont die Umwelt. (zu dpa: «So wird der erste Einkauf im Unverpacktladen ein Erfolg») Foto: Inga Kjer/dpa- ...
Auch wer unverpackt einkauft, spart Müll.Bild: dpa-tmn / Inga Kjer

Stadt zieht positive Bilanz: Das Konzept funktioniert

Der Jahresbericht 2022 zeigt, dass Kiel bereits erste Erfolge vorweisen kann. 228 Familien haben den Zuschuss für Stoffwindeln erhalten, wodurch 100 Tonnen Restabfall eingespart worden seien. Aus dem einjährigen Pilotprojekt soll nun ein dauerhafter Zuschuss werden.

An den Schulen wurden 25 Trinkwasserspender installiert. 2021 wurde die Ausgabe von Einweggeschirr auf öffentlichen Veranstaltungen verboten. Restabfallanalysen, bei denen Rest-, Bio- und Papierkorbabfälle untersucht wurden, hätten gezeigt, dass besonders der Bioabfall sehr gut getrennt werde.

Beim Restabfall werde hingegen noch viel falsch sortiert. Zahlreiche Kampagnen und Workshops – darunter zu DIY-Hausmitteln und -Kosmetikprodukten – sollten zudem zur Sensibilisierung und Aufklärung der Bürger:innen beitragen. Bisher hat Kiel nach eigenen Angaben 21 Prozent der geplanten Maßnahmen fertig umgesetzt.

Kritik an dem Konzept "Zero Waste City" scheint es bisher kaum zu geben. Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) gibt sich gegenüber dem NDR aber realistisch: Gar keinen Müll zu verursachen, also wirklich "Zero Waste" kompromisslos umzusetzen, sei ein sehr weiter Weg – "aber lassen Sie uns erst einmal die Hälfte schaffen. Das kriegen wir auf alle Fälle hin", sagt der Politiker.

Müll vermeiden: München und Köln wollen nachziehen

Derzeit ist Kiel noch die einzige Stadt, die sich offiziell als "Zero Waste City" bezeichnen darf. Mittlerweile hat aber auch München eine Zero-Waste-Strategie entwickelt und hofft auf ein Zertifikat. In Köln setzt sich der Verein Zero Waste Köln dafür ein, dass die Politik die Stadt müll-frei macht. Mittlerweile wurde ein Konzept entwickelt, das dem Rat im Dezember vorgelegt wurde.

"Der beste Abfall ist der, der überhaupt nicht entsteht."
BUND

Zehn deutsche Städte haben sich zudem der Lebensmittelrettung verschrieben. Im Rahmen der 2022 gegründeten Initiative "Städte gegen Food Waste" wollen unter anderem Köln, Bochum, Dresden und Frankfurt am Main gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorgehen.

Es tut sich also was auf kommunaler Ebene. Für einen ausreichenden Effekt müssen jedoch deutlich mehr Städte dem Vorbild Kiels folgen – mit ebenso breiten Maßnahmen und hochgesteckten Zielen. Im Falle Münchens kritisierte der Verein "Das bessere Müllkonzept Bayern" gegenüber der Münchner Zeitung "tz", das Programm sei "nicht ambitioniert genug". Von 2024 bis 2027 soll es in fünf Stadtgebieten versuchsweise eine Wertstofftonne geben. Bis 2035 soll die städtische Restmüllmenge um 35 Prozent pro Kopf reduziert werden.

10.01.2024, Bosnien-Herzegowina, Visegrad: Müll schwimmt in der Drina. Tonnen von Abfällen, die in schlecht regulierten Deponien am Flussufer oder direkt in die Flüsse in drei westlichen Balkanländern ...
Müll verteilt sich über Meere und Flüsse weltweit.Bild: AP / Armin Durgut

Im Vergleich mit der Stadt Kiel sind die Maßnahmen für München verhaltener. Doch der Bericht des UN-Umweltprogramms zeigt, dass beim Klimaschutz kein Zögern akzeptiert werden kann. Es muss stärkere Zusagen geben, damit die Erderhitzung nicht auf die prognostizierten drei Grad zusteuert. Auch auf kommunaler Ebene.

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Bei Reisen ins Ausland ist es aus Verbraucher-Sicht neben dem plötzlichen Fehlen des bei uns so lieb gewonnenen Pfandsymbols vor allem die andere Einstellung zur Mülltrennung, die Deutschen häufig ins Auge fällt. In den wenigsten europäischen Ländern gibt es so viele verschiedene bunte Tonnen wie bei uns.

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