Luisa Neubauer bei der Fridays-for-Future-Demonstration in Hamburg.
Luisa Neubauer bei der Fridays-for-Future-Demonstration in Hamburg.
Bild: www.imago-images.de / Christopher Tamcke
Analyse

Luisa Neubauer und Bernd Ulrich überwinden Generationenkonflikte – im Kampf gegen die Klimakrise

27.07.2021, 15:5527.07.2021, 18:46

Es ist eine der ersten Lesungen, die wieder live vor Publikum stattfinden darf – Klima-Aktivistin Luisa Neubauer und Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", sitzen auf der Bühne der taz Kantine in Berlin und lächeln sich aufmunternd zu, als sie gemeinsam ihr Buch "Noch haben wir die Wahl" vorstellen, das am 24. Juli im Klett-Cotta Verlag erscheint.

Im Gespräch mit Peter Unfried, Chefreporter der taz, wollen Luisa und Bernd (im Buch werden beide nur beim Vornamen genannt) die großen Themen, die sie in "Noch haben wir die Wahl" verhandeln, noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Worum es geht? Die Klimakrise (natürlich!), Corona, die Rolle der Medien, Generationenkonflikte, die "Ära Merkel", das 1,5 Grad Ziel, Fridays for Future, die bevorstehende Bundestagswahl – und was wir jetzt als Gesellschaft tun müssen, um den andauernden Klimakampf doch noch zu gewinnen.

Gespräch zwischen Boomer und Gen-Z-Aktivistin

Wie der Titel des im Klett-Cotta Verlag erschienen Buchs bereits andeutet, war die diesjährige Bundestagswahl am 26. September für Luisa Neubauer und Bernd Ulrich einer der Anlässe, gemeinsam ein Gespräch übers Klima zu führen. Den Dialog zwischen den zugegeben sehr unterschiedlichen Parteien haben sie dokumentiert – sodass Leserinnen und Leser quasi hautnah dabei sein können.

Wer "Noch haben wir die Wahl" liest, begibt sich direkt hinein ins Gespräch mit Bernd, der immer wieder als "Boomer" betitelt wird und Luisa, der Gen-Z-Aktivistin. Die offensichtlichen Unterschiede zwischen den beiden werden keinesfalls kleingeredet oder überspielt – im Gegenteil. Die beiden thematisieren offen, wie groß die Differenzen zwischen ihnen sind und warum sie trotzdem, oder gerade deshalb, die perfekten Gesprächspartner füreinander sind.

Aus dieser Dynamik entsteht eine spannende Unterhaltung, die sowohl von gemeinsamen Erkenntnissen, Erfahrungen und Utopien als auch von Vorwürfen, Sticheleien und Ärger geprägt ist. Als Leser:in nimmt man immer wieder andere Positionen ein, lernt viel über politische, ökologische und wirtschaftliche Zusammenhänge, wird zuerst wütend, dann frustriert und am Ende wieder hoffnungsvoll gestimmt.

"Noch haben wir die Wahl" erscheint am 24.07. im Klett-Cotta Verlag.
"Noch haben wir die Wahl" erscheint am 24.07. im Klett-Cotta Verlag.
bild: klett-cotta.de

Der intakte Planet als gemeinsamer Nenner

Auf knapp 240 Seiten analysieren Luisa und Bernd unter anderem, wie der Klimawandel und die Corona-Pandemie miteinander zusammenhängen, welche Rolle die Medien dabei spielen (eine große), was Angela Merkel in ihrer Amtszeit hätte besser machen müssen und warum es fatal ist, dass Gespräche übers Klima oft von Generationskonflikten bestimmt sind.

Sie begegnen sich dabei immer auf Augenhöhe. Wenn Luisa Bernd mit den zehn (im Endeffekt fallen ihr dann sogar 15 ein) journalistischen Fehlern, die innerhalb der Berichterstattung über die Klimakrise passiert sind, konfrontiert, setzt sich ihr Gegenüber differenziert mit der Kritik auseinander. Dagegen muss sie sich von dem Zeit-Online-Redakteur anhören, dass sie bisherige Erfolge im Kampf gegen den Klimawandel nicht genügend anerkennt.

Auch während der Lesung ist die besondere Beziehung zwischen den beiden Autoren spürbar: Sie lachen viel zusammen und spielen einander die Bälle zu, wenn Peter Unfried pikante Fragen stellt. Doch auch das Polemische findet seinen Platz auf der Bühne, spätestens als Bernd Luisa vorwirft "eine echte Politikerin" zu sein, verteidigt sich die 25-Jährige dagegen vehement – und gibt Bernd mit ihrer diplomatischen Ausweichtaktik doch irgendwie recht.

Auf Youtube lässt sich die ganze Lesung kostenlos nachschauen.

Die beiden stehen sich wohlwollend, aber auch kritisch gegenüber. Auch auf die Fridays-for-Future-Bewegung hat Bernd eine ambivalente Sichtweise:

"Als ihr vor zwei Jahren gekommen seid, war das ein Schock, es war ein Segen und es war ein Weckruf. Und dass ihr noch da seid, ist auch ein Segen. Manchmal wäre es allerdings auch schön, man würde nicht ständig das Gefühl vermittelt bekommen, ihr wärt moralischere Menschen, nur weil ihr noch nicht so viel Zeit wie wir hattet zu sündigen."

Diesen Konflikt der Generationen lösen die beiden im Gespräch jedoch auf, denn sie merken, sie haben einen gemeinsamen Nenner: den Wunsch nach einem intakten Planeten.

"Wahlen können die Welt verändern"

Auch wenn sich jeder Mensch saubere Luft, gesunde Lebensmittel und für seine Kinder und Enkel rosige Zukunftsperspektiven zu wünschen scheint, ist im Kampf gegen die Klimakrise in den letzten Jahrzehnten eindeutig zu wenig gemacht worden, in diesem Punkt sind sich Luisa und Bernd einig.

Das liegt nicht nur, aber auch an Angela Merkels Umwelt- und Klimapolitik, die Bernd zufolge "von A bis Z von Paradoxien begleitet" war. Luisa teilt diese Meinung:

"Auch weil sie so eine begabte, kluge, erfahrene Frau ist, macht es mich traurig, darüber nachzudenken, was in Merkels Amtszeit alles nicht gemacht wurde, was an Klimagefahren verschleiert und an Klimazerstörung zugelassen wurde."

Doch das Versagen im Umgang mit der Klimakrise ist keinesfalls allein Merkels Schuld. Bernd und Luisa durchleuchten aufmerksam die großen deutschen Parteien und finden zahlreiche Schwachstellen. Trotzdem gehen sie davon aus, dass die Bundestagswahl einen entscheidenden Unterschied machen kann. Besonders das in Paris beschlossene 1,5 Grad Ziel ist dabei ein entscheidender Faktor. Luisa sagt: "Wahlen können die Welt verändern. Dass das eintritt, wird mit jeder Partei, die tatsächlich das Pariser Abkommen einhalten will, wahrscheinlicher."

Vor der Klimakrise wurde bereits 1995 gewarnt – dagegen unternommen wurde allerdings wenig.

Obwohl Luisa als Reaktion auf ihre Aktivismus-Arbeit oft irrationale Kritik und sogar Morddrohungen erhalten hat und sie oft frustriert darüber ist, wie wenig die Politik im Kampf gegen die Klimakrise tut, ist Aufgeben für sie keine Option: "Ich trauere oft um das, was schon verloren ist. Aber solange irgendwo noch Ökosysteme, Arten, Lebensräume, Menschenleben und Zukünfte zu retten sind – wie könnte ich da aufgeben?"

"Ich trauere oft um das, was schon verloren ist. Aber solange irgendwo noch Ökosysteme, Arten, Lebensräume, Menschenleben und Zukünfte zu retten sind – wie könnte ich da aufgeben?"

Gemeinsam mit Bernd erträumt sie sich eine Welt, in der der Klimakampf gewonnen wurde – mit gesunkener CO2-Konzentration in der Atmosphäre und einer immer kürzer werdenden Liste der bedrohten Arten. Es ist eine Welt, in der Bernd wieder "lässig, liederlich, daffke, gaga" und Luisa "einfach nur 25" sein darf. Sie ist noch zu retten, diese Welt. Noch haben wir die Wahl.

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