Die deutsche Nordseeküste gilt als beliebtes Reiseziele für viele Tourist:innen. Doch auch dieses Meer ist inzwischen vom Klimawandel betroffen.
Die deutsche Nordseeküste gilt als beliebtes Reiseziele für viele Tourist:innen. Doch auch dieses Meer ist inzwischen vom Klimawandel betroffen. Bild: www.imago-images.de / imago images
Klima & Umwelt

"Ökosystem stark verändert": Auswirkungen des Klimawandels auf den Nordsee-Urlaub

07.09.2022, 08:21

Lange Sandstrände, frischer Fisch und Wattenmeer bis zum Horizont: Die Nordsee ist bei vielen Deutschen als Urlaubsziel "um die Ecke" beliebt. Allerdings macht die Klimakrise auch vor der deutschen Nordseeküste nicht halt.

Mit der globalen Erwärmung steigt die durchschnittliche Wassertemperatur auch hier schneller an, als sich das Ökosystem umstellen kann.

Im Herbst und Winter peitscht der Wind die Wellen in beträchtliche Höhen. Der Wasserpegel der Nordsee steigt – ganze 20 Zentimeter in den vergangenen 100 Jahren. Sturmfluten gehören längst zum Alltag der Küstenbewohner:innen.

Aber auch im Sommer, in dem das Meer bislang noch als "zahm" galt, brodelt es unter der Wasseroberfläche – mit unterschiedlichen Krisenherden und einer schlechten Nachricht für alle Fischbrötchen-Fans.

Erwärmung begünstigt Verbreitung von Viren im Wasser – und in Meerestieren

Denn schon ab einer Temperatur von 19 Grad vermehren sich Krankheitserreger wie Vibrionen-Bakterien gebietsweise exponentiell, wie der Weltklimarat IPCC aktuell warnt. Diese Bakterien setzen sich auch im Körper von Fischen und Meerestieren fest, wie Insa Meinke, Abteilungsleiterin des Norddeutschen Küsten- und Klimabüros am Hereon Helmholtz-Zentrum, im Interview mit watson erzählt.

Meinke ergänzt:

"Wenn wir den Fisch dann essen, gelangen dadurch die Bakterien auch in unserem Körper und können zu starken Bauchschmerzen und schweren Brechdurchfällen führen."

Diese Entwicklung kratzt am Versprechen vieler Lokale, beispielsweise der Imbiss-Kette "Nordsee", die mit Slogans wie "Fisch erleben wie frisch am Meer" werben.

Das Geschäftsversprechen der Imbiss-Kette "Nordsee" lautet: "Fisch erleben wie frisch am Meer. Nordsee."
Das Geschäftsversprechen der Imbiss-Kette "Nordsee" lautet: "Fisch erleben wie frisch am Meer. Nordsee." Bild: www.imago-images.de / imago images

Ganze Fischarten ziehen gen Norden

Aber auch die Art der Fische und Meeresfrüchte, die in der Nordsee gefangen werden, verändert sich derzeit. Denn mit der Erwärmung der Meerestemperatur wird es einigen dort beheimateten Fischarten zu heiß, sie ziehen weiter polwärts – Richtung Norden.

Wie beispielsweise der Nordsee-Kabeljau: "Diese Art wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter im Nordosten der Nordsee gefangen", sagt Meinke.

Andere Arten, wie etwa die Scholle und Nordseekrabbe, können den Temperaturanstieg vergleichsweise gut verkraften – und bleiben. Gleichzeitig etablieren sich in der Nordsee auch neue Arten, die ursprünglich in südlicheren Gebieten beheimatet waren, wie zum Beispiel die Rote Meerbarbe, der Kalmar oder Seehecht. Einen Verlust der Artenvielfalt gibt es also bislang nicht zu beklagen, meint Meinke.

Im Gegenteil:

"Damit erhöht sich die Biodiversität der Meeresbewohner hier aktuell stärker als in den Jahrzehnten vorher."

Quallen, Muscheln, Austern: Artenvielfalt in der Nordsee blüht auf

Mit den gestiegenen Wassertemperaturen fühlen sich vermehrt auch Quallen im ehemals kalten Randmeer wohl. Ihre Toleranz gegenüber erhöhten Wassertemperaturen, Sauerstoffmangel und Wasser-Versauerung kommt ihnen dabei zugute. "Insgesamt sind Quallen klimafitte Arten. Im Vergleich zu Fischen haben sie damit einen großen Überlebens-Vorteil", ordnet Meinke ein.

Mit steigenden Meerestemperaturen ziehen auch exotische Quallenarten in die Nordsee um.
Mit steigenden Meerestemperaturen ziehen auch exotische Quallenarten in die Nordsee um.Bild: www.imago-images.de / imago images

Dadurch komme es vor, dass die Fischernetze in einigen Regionen immer häufiger voller Quallen statt Fische sind. Durchsetzungsstarke Arten sind etwa die Rippenqualle oder auch die pazifische Auster, die jetzt neue Mitbewohnerinnen in der Nordsee sind.

Globalisierung verstärkt Ansiedlung neuer Meeresbewohner

Aber nicht bei allen Arten ist in erster Linie der Klimawandel Ursache für die Neuansiedlung der Meeresbewohner, wie Meeresbiologin Meinke erläutert. Durch den globalen Schiffsverkehr und Aquakulturen würden immer häufiger auch Organismen ferner Küsten in die Nordsee gelangen. "Pazifische Austern wurden künstlich durch Aquakulturen in der Nordsee angesiedelt und konnten sich dann ausbreiten", sagt Meinke.

Auch verschiedenste Quallenarten sind zum großen Teil im Ballastwasser von großen Tankerschiffen aus dem Pazifik oder anderen Teilen des Atlantiks miteingeschleppt worden. In Kombination mit dem wärmeren Wasser in der Nordsee konnten sich manche Arten so auch in deutschen Buchten etablieren.

Pazifische Felsenaustern werden oft in Aquakulturen wie hier auf Sylt künstlich gezüchtet.
Pazifische Felsenaustern werden oft in Aquakulturen wie hier auf Sylt künstlich gezüchtet.Bild: imago stock&people / imago images

Die pazifische Auster ist dabei sogar so dominant, dass inzwischen ganze Riffe in der Nordsee entstanden sind: "Durch sie sind die Miesmuscheln, die früher für die Nordsee typisch waren, regelrecht platt gemacht worden", sagt Meinke. Die Austern hätten eine größere Oberflächenstruktur, die die Miesmuscheln damit platztechnisch verdrängen würden.

Sie ergänzt:

"Das ist ein einfaches Beispiel dafür, wie sich das Ökosystem der Nordsee in nur kurzer Zeit stark verändert und die Wassererwärmung zusammen mit der Globalisierung neue Wechselwirkungen zwischen den Meerestieren bedingt."

Neue Fische, neue Verantwortung

Dieser neue Reichtum an Fisch- und Meeresfrüchten bietet für Fischereien in der Nordsee damit zunächst neue Profitchancen. Sofern es sich denn um nachgefragte Speisefische handelt, wie Meinke einschränkt.

Trotz dieser Entwicklung beharrt die Meeresforscherin auch weiterhin auf eine nachhaltige Fischerei – um nicht nach kurzer Zeit wieder vor leergefischten Meer zu stehen: "Bislang gibt es keine Quote für eingewanderte Arten in der Nordsee, die neuen Arten könnten also schnell überfischt werden."

Um das zu verhindern, fordert sie vor allem flexiblere Rahmenbedingungen für die Kleinfischerei, sowohl in der Nordsee, als auch international: "Im Hinblick auf den Klimawandel müssten Fischereiquoten über politische Grenzen hinaus für den gesamten Meeresraum neu verhandelt werden."

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