Konfetti ohne schlechtes Gewissen: Das Saatgutkonfetti ist kompostierbar und bietet Insekten Heimat und Nahrung zugleich.
Konfetti ohne schlechtes Gewissen: Das Saatgutkonfetti ist kompostierbar und bietet Insekten Heimat und Nahrung zugleich.Bild: Getty Images North America / Astrid Stawiarz
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Silvester feiern ohne schlechtes Gewissen: Start-up will mit Saatgut-Konfetti zeigen, dass das auch nachhaltig geht

27.12.2021, 16:0028.12.2021, 07:58

Konfettispaß ganz ohne Reue – das war das Anliegen von Katja Filipenko und Philip Weyer, als die beiden ihr Start-up Saatgutkonfetti gründeten. Das kompostierbare Konfetti sieht nicht nur hübsch aus, sondern bietet Insekten noch dazu Heimat und Nahrung. Denn Nachhaltigkeit und die Bekämpfung der Umweltkrise sind für Filipenko und Weyer eines ihrer wichtigsten Anliegen. Aber: "Mit dem Thema Nachhaltigkeit verbinden viele Menschen vor allem Verzicht und sind schnell frustriert", erzählt Katja Filipenko. "Wir wollen zeigen, dass Nachhaltigkeit cool ist und Spaß machen kann."

Wie genau sie das geschafft haben und mit welchen Schwierigkeiten der Aufbau des Start-ups verbunden war, davon erzählt Filipenko im Gespräch mit watson.

Katja Filipenko ist Mitgründerin des Start-ups Saatgutkonfetti. Ihr Ansatz: Konfetti werfen und der Umwelt Gutes tun.
Katja Filipenko ist Mitgründerin des Start-ups Saatgutkonfetti. Ihr Ansatz: Konfetti werfen und der Umwelt Gutes tun.privat

watson: Wie seid ihr auf die Idee für Saatgutkonfetti gekommen?

Katja Filipenko: Auf die Idee gekommen ist vor allem mein Mitgründer Philip an der Kunsthochschule Kassel. Er hat dort Produktdesign studiert und dachte sich damals: "Wir können mit Produkten einerseits so viel Müll in der Umwelt verbreiten und so einen großen Schaden anrichten, wir könnten doch auch stattdessen etwas Gutes damit machen." Philip ist zudem ein großer Karneval-Fan und er hat gemerkt, dass gerade Konfetti, was ja auch einen symbolischen Charakter hat, die Möglichkeit bietet, der Natur etwas zurückzugeben. Auf seinem Weg zur Kunsthochschule hat Philip immer Blumensamen geworfen, um dafür zu sorgen, dass die Wege und Parks ein bisschen bunter und vielfältiger werden. Diese Ansätze brachte er dann im Saatgutkonfetti zusammen: Das Konfetti-werfen vom Karneval und das Bepflanzen der Grünanlagen.

"Mit dem Thema Nachhaltigkeit verbinden viele Menschen vor allem Verzicht und sind schnell frustriert. Wir wollen zeigen, dass Nachhaltigkeit cool ist und Spaß machen kann."

Auf eurer Website steht, dass ihr zeigen wollt, "dass Konsumgüter auch einen Bildungsauftrag haben können" – was genau bedeutet das?

Uns ist es wichtig, die Biodiversität zu fördern und dem Artensterben entgegenzuwirken. Das Saatgutkonfetti dient dabei auch als Kommunikationsmittel. Wir verkaufen zwar ein Produkt, über das Konfetti verbreiten wir aber auch Wissen über die unterschiedlichen Insekten- und Pflanzenarten, Wildkräuter und vieles mehr. Dafür haben wir zusätzlich noch das Biodiversitäts-Kartenspiel erfunden. Darin wird spielerisch über die unterschiedlichsten Insekten- und Pflanzenarten aufgeklärt – auch eine coole Idee für Silvester zum Beispiel!

Die Idee hinter Saatgutkonfetti: Was, wenn Feiern auch ohne schlechtes Gewissen funktioniert? Was, wenn der Umwelt dadurch sogar etwas zurückgegeben werden kann?
Die Idee hinter Saatgutkonfetti: Was, wenn Feiern auch ohne schlechtes Gewissen funktioniert? Was, wenn der Umwelt dadurch sogar etwas zurückgegeben werden kann?Bild: dpa / Sebastian Gollnow

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für euch?

Neben dem Bekämpfen der Umweltkrise und des Artensterbens ist Nachhaltigkeit unser drittes wichtiges Anliegen. Mit dem Thema Nachhaltigkeit verbinden viele Menschen vor allem Verzicht und sind schnell frustriert. Wir wollen zeigen, dass Nachhaltigkeit cool ist und Spaß machen kann.

Woraus besteht das Konfetti denn?

Es besteht aus biozertifizierter Stärke, natürlichen Farbstoffen – das rote Konfetti ist beispielsweise mit Roter Bete eingefärbt – und dem Saatgut. Da ist sonst nichts beigemischt, denn das Konfetti soll sich schließlich schnell in der Natur auflösen und das Saatgut freigegeben. Das dauert ein paar Stunden oder Tage.

"Wir wollen uns nicht nur selbst finanzieren können, sondern auch gesellschaftliche Probleme lösen."

Welche verschiedenen Produkte bietet ihr an?

Unser Laubkonfetti bietet zum Beispiel Insekten eine Heimat und Nahrung. Dann haben wir Schneekonfetti – das ist besonders für die Menschen, die sich in der Weihnachtszeit Schnee wünschen. Aufgrund der Erderwärmung gibt es aber nicht immer weiße Weihnachten – da helfen wir dann aus. Das Saatgutkonfetti kann auch im Winter geworfen werden und bleibt dann so lange liegen, bis die richtige Zeit zum Blühen kommt und es keimen kann.

Ihr bietet auch Tüten mit Konfetti in jeweils einer bestimmten Farbe an – was hat es damit auf sich?

Das sind unsere Spendentüten, wir haben immer jeweils einer Farbe eine Mission gewidmet – zum Beispiel Blau der Seenotrettung und Rot der ärztlichen Nothilfe. Einerseits klären wir damit über die unterschiedlichen Projekte auf, andererseits unterstützen wir sie mit den eingenommenen Spenden. Für uns als Social Start-up ist es wichtig, eine gesellschaftliche Wirkung zu erzielen. Wir wollen uns nicht nur selbst finanzieren können, sondern auch gesellschaftliche Probleme lösen.

Wo produziert ihr das Konfetti?

Bei uns in der Kasseler Manufaktur. Es ist alles handgemacht.

Ihr habt das Start-up 2019 gegründet. Was ist seitdem passiert?

Wir sind jetzt 24 Leute, am Anfang waren wir zu dritt. Es ist wirklich verrückt, wir sind in der Corona-Zeit gewachsen. Wir haben ein Crowdfunding gemacht, bei dem mehr Geld zusammengekommen ist, als wir erwartet hatten und dieses Geld hat für die erste kleine Produktion in Kassel gereicht. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet und langsam kamen dann die ersten Aufträge – wir waren total baff, als von der Stadt Stuttgart aus der Umweltabteilung eine Anfrage über 1.000 Tütchen für ein Bienenfest kam.

Wofür wollte die Umweltabteilung die Tütchen denn haben?

Die Konfetti-Tütchen sollten als Giveaway an die Gäste verteilt werden. Wir hatten gerade eben eine Halle gemietet, um diese Mini-Produktion auf die Beine stellen können. Unser erster Gedanke bei diesem Auftrag war: Wie schaffen wir das?

Und?

Wir haben Tag und Nacht und auch an den Wochenenden geschuftet und es zusammen hinbekommen. Es wurde dann schnell klar, dass sich unser Konfetti als nachhaltiges Giveaway super eignet – die Menschen haben einfach keine Lust mehr auf Kugelschreiber oder Schreibblöcke. Von solchen Einwegprodukten hat man mehr als genug. So kam es, dass wir einen Auftrag nach dem anderen bekommen und dann auch unseren Online-Shop aufgebaut haben. Und eine riesengroße Bestellung, die uns einige Monate eine Verschnaufpause gegeben hat, kam dieses Jahr von Aldi.

"In den letzten zwei Jahren haben wir bis zu dem Aldi-Auftrag, der uns finanziell eine Zeit lang abgesichert hat, monatlich damit gekämpft, über die Runden zu kommen."

Von Aldi?

Ja, im Frühling hatte die Kette eine Aktion geplant, um die Biodiversität zu fördern – in fast 2.000 Filialen konnte man zu der Zeit unser Saatgutkonfetti kaufen. Das war echt cool, weil so unglaublich viele Leute von uns erfahren haben.

Das klingt, als hätte bei euch so einiges gut geklappt. Hattet ihr auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen?

In den letzten zwei Jahren haben wir bis zu dem Aldi-Auftrag, der uns finanziell eine Zeit lang abgesichert hat, monatlich damit gekämpft, über die Runden zu kommen. Jedes Start-up hat diesen Struggle und in der Corona-Zeit hat er sich für viele sicher noch verstärkt. Uns sind extrem viele Aufträge weggebrochen und es war nicht immer sicher, dass es unser Start-up in einem halben Jahr immer noch geben wird. Wir haben einfach versucht, so gut es geht weiterzumachen und als Team zusammenzuhalten.

Das scheint euch ja aber gelungen zu sein. Ihr wart ja vor Kurzem auch in der Show "Die Höhle der Löwen" zu Gast. Wie verlief euer Auftritt?

Uns war es wichtig, unsere nachhaltige Vision dort vorzustellen und unsere Produkte sind auch gut angekommen. Wir haben aber als Gründer:innen im Nachhinein schwierige Kritik bekommen, besonders in Bezug auf unsere Verhandlungen.

"Viele Menschen, die die Sendung schauen, verstehen einfach nicht, dass man ein Unternehmen, das man selbst jahrelang mit Herzblut aufgebaut hat, nicht so einfach weggibt."

Inwiefern?

Uns wurde vorgeworfen, dass wir zu sehr gefeilscht und unser Unternehmen nicht für weniger Geld hergegeben haben – das finde ich echt schade. Viele Menschen, die die Sendung schauen, verstehen einfach nicht, dass man ein Unternehmen, das man selbst jahrelang mit Herzblut aufgebaut hat, nicht so einfach weggibt. Zudem war es uns wichtig, einen Partner zu finden, der wirklich für unsere Idee brennt und uns nach vorne bringt.

Ihr hattet ja zunächst auch einen Deal mit dem Investor Ralf Dümmel angenommen, der dann aber geplatzt ist. Woran liegt das?

Wir haben uns zuerst riesig darüber gefreut, dass Ralf unser Konzept verstanden und die vielen Anwendungsmöglichkeiten erkannt hat. Für uns steht aber auch im Vordergrund, dass wir als grünes Start-up die Produktion nachhaltig skalieren. Dadurch sind wir in unseren Möglichkeiten durchaus beschränkt. Wir haben viel mit Ralf gesprochen und dabei gemerkt, dass wir noch nicht so weit sind, um eine Kooperation mit ihm einzugehen.

"Für die Wohnung ist es auf jeden Fall nicht gemacht, es ist ein Outdoor-Produkt – für Festivals, für Gartenpartys, Geburtstage, Hochzeiten."

Und jetzt?

Wir wollen weiter unsere Werte vertreten und bisher hat es einfach noch nicht gepasst, unsere Prozesse und die strategische Ausrichtung mit Ralfs Interessen zusammenzubringen. Wir haben trotzdem viel durch die Gespräche mit ihm und unseren Besuch in der Show gelernt. Unser nächstes Ziel ist es, unser Produkt nachhaltig in größeren Mengen zu einem günstigeren Preis zu produzieren. Dafür suchen wir weiterhin nach Partnern.

Nicht für drinnen, sondern für draußen: Laut den beiden Gründern handelt es sich bei dem Konfetti um ein Outdoor-Produkt – für Festivals, Gartenpartys, Geburtstage, Hochzeiten.
Nicht für drinnen, sondern für draußen: Laut den beiden Gründern handelt es sich bei dem Konfetti um ein Outdoor-Produkt – für Festivals, Gartenpartys, Geburtstage, Hochzeiten. saatgutkonfetti

Als Kritikpunkt an dem Konfetti kam in der Fernseh-Show auf, dass man das Konfetti kaum auf Wiesen, sondern eher auf der Straße oder in der Wohnung wirft. Was entgegnet ihr darauf?

Für die Wohnung ist es auf jeden Fall nicht gemacht, es ist ein Outdoor-Produkt – für Festivals, für Gartenpartys, Geburtstage, Hochzeiten. Wie wichtig die Stadtbegrünung ist, sowohl für Insekten als auch für das Klima, wissen viele Menschen gar nicht. Da ist Deutschland leider noch ein bisschen hinterher, in Paris wurden ja zum Beispiel rund um den Arc de Triomphe riesige Parks geschaffen. Vergleichbare Projekte gibt es in Deutschland, soweit ich weiß, noch nicht. Dabei sind Urban Gardening und vertikale Begrünung essenziell für das Stadtklima – und daran wollen wir anknüpfen. Das Saatgutkonfetti soll nicht nur als Produkt Spaß bringen, sondern die Menschen auch dazu bringen, selbst aktiv zu werden.

Mit eurem "Konfetti statt Knaller-Paket" plädiert ihr für ein alternatives, nachhaltiges Silvesterfest. Wie könnte das aussehen?

Es ist einfach super traurig, wie viel an Silvester geböllert wird, wie die Umwelt verschmutzt wird, wie viele Tiere und Menschen verschreckt werden. Man braucht dazu Alternativen, denn einfach alles zu verbieten und gar keinen Spaß mehr zu haben, ist auch keine Lösung. Deswegen versuchen wir, coole, grüne Alternativen zu entwickeln, die der Natur etwas zurückgeben. Wenn man an Silvester mit Saatgutkonfetti feiert, sät man schon etwas für das neue Jahr und fördert die Biodiversität. Außerdem muss man am nächsten Morgen nicht über Böller in den Vorgärten stolpern, sondern kann sich darüber freuen, dass man etwas hinterlassen hat, was man vielleicht in einigen Wochen oder Monaten dann entdecken und besuchen kann: die Heidenelke, den Lerchensporn oder die Schlüsselblume.

Warum seht ihr das Silvesterfeuerwerk denn als so problematisch an?

Viele Menschen verletzten sich jedes Jahr an Silvester durch das Feuerwerk. Zudem werden Menschen, die aus Krisenregionen kommen, von den Böller-Geräuschen retraumatisiert. Das können wir vermeiden – und sollten es auch tun. Natürlich darf Verzicht aber nicht der einzige Weg zu mehr Nachhaltigkeit sein, denn sonst entsteht schlechte Laune. Wir wollen mit unserem Konfetti zeigen, dass es möglich ist, beides miteinander zu kombinieren: Spaß haben und Gutes tun.

"Ich habe Jura studiert und zunächst in der Wirtschaft gearbeitet – da herrschte eine starre Ellenbogen-Mentalität, jeder hat nach sich selbst geschaut. Das fand ich super ätzend und habe gemerkt, dass im Nachhaltigkeitsbereich viel mehr zusammengearbeitet wird."

Ihr bietet in eurem Shop auch Getränke von Viez&Töchter an und kooperiert mit dem gemeinnützigen Unternehmen "oclean" – warum ist es in der Start-up-Welt wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und zusammenzuarbeiten?

Wir leben alle im gleichen Ökosystem und müssen deswegen auch gemeinsam dafür arbeiten, dass es diesem Ökosystem gut geht. Ich habe Jura studiert und zunächst in der Wirtschaft gearbeitet – da herrschte eine starre Ellenbogen-Mentalität, jeder hat nach sich selbst geschaut. Das fand ich super ätzend und habe gemerkt, dass im Nachhaltigkeitsbereich viel mehr zusammengearbeitet wird. Denn alle wollen das gleiche Problem lösen: die Umweltkrise. Nur gemeinsam mit unseren individuellen Ansätzen können wir dieses riesige Problem lösen. Wir Gründerinnen und Gründer von nachhaltigen Start-ups vertreten die gleichen Werte und unterstützen uns gerne gegenseitig, es ist maximal ego-befreit.

Welchen Tipp würdest du Menschen, die ein Start-up gründen wollen, mit auf den Weg geben?

Man muss für das Produkt, das man entwickelt, wirklich zu 100 Prozent brennen. Denn es kommen viele harte Zeiten auf einen zu und man muss die Idee, die man vertritt, lieben. Ansonsten ist Teamarbeit das A und O. Man sollte sich frühzeitig Hilfe holen von Menschen, die schon mal ein Start-up aufgebaut haben und die Struggles des Gründungsprozesses bereits kennen. Es ist super, wenn man sich schnell ein Netzwerk aufbaut und mit anderen zusammenschließt. So kann man sowohl Probleme gemeinsam lösen als auch zusammen die ersten Erfolge feiern.

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