Möbel zusammenschrauben als Freizeitbeschäftigung: Ikea wurde bereits 1943 in Schweden gegründet.
Möbel zusammenschrauben als Freizeitbeschäftigung: Ikea wurde bereits 1943 in Schweden gegründet.
Bild: www.imago-images.de / ALEX HALADA
Green Lab

Holz-Skandale und Billigprodukte – wie nachhaltig ist Ikea? Expertin sieht positive Tendenzen, sagt aber auch: "Ikea ist Inbegriff der Globalisierung und des schnellen Konsums"

11.05.2021, 10:00

Das blaue Emblem mit den vier gelben Buchstaben hat Kultstatus erlangt und statistisch gesehen ist sogar jeder zehnte Europäer in einem Bett des schwedischen Möbelhauses gezeugt worden: Ikea gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Unternehmen weltweit. Neben den beliebten Hotdogs und den Fleischbällchen Köttbullar gibt es in den Filialen des Konzerns alles, wirklich alles, was man für die Einrichtung der eigenen vier Wände braucht.

Die rund 12.000 verschiedenen Artikel im Ikea-Sortiment sind, verglichen mit den Produkten vieler anderer Möbelhäuser, günstig. Trotzdem gibt der Konzern vor, nachhaltig zu produzieren, bald sogar klimapositiv. Wie kann das sein? Müssten die Artikel nicht teurer sein, wenn sie tatsächlich aus natürlichen und recycelten Materialien bestünden? Kann ein milliardenschweres Unternehmen wie Ikea überhaupt für ausreichend Transparenz sorgen bei seinen Lieferketten, die in 50 verschiedene Herkunftsländer führen?

Das bedeutet "klimapositiv"
Ikea hat sich vorgenommen, mehr Treibhausgasemissionen zu reduzieren, als über die Wertschöpfungskette erzeugt werden. Somit wäre das Unternehmen nicht nur keine Belastung für die Umwelt, sondern hätte einen positiven Effekt aufs Klima.

Woher kommt das Ikea-Holz?

Besonders das von Ikea verwendete Holz und dessen Beschaffung standen in den vergangenen Jahren in der Kritik. 2014 verlor Swedwood, eine Tocherfirma von Ikea, das FSC-Umweltsiegel für die bewirtschafteten Wälder. Der Grund: In Russland seien in besonders schützenswerten Gebieten unerlaubt Abholzungen vorgenommen worden.

Eine Untersuchung der Umweltorganisation Earthsight hat im vergangenen Jahr zudem aufgezeigt, dass Ikea zehntausende Stühle aus illegal beschafftem Holz verkauft hat. Der Rohstoff soll vom staatlichen Forstbetrieb Velyky Bychkiv (SFE) in den ukrainischen Karpaten, der Heimat von bedrohten Luchs- und Bärenpopulationen, illegal beschafft worden sein. Mehrere Zulieferer von Ikea sind dem Bericht zufolge an dem illegalen Holzeinschlag beteiligt gewesen.

Zurückzuverfolgen, woher das Holz stammt – ob aus nachhaltigem Anbau oder illegalem Raubbau – sei trotz entsprechender Zertifizierungen schwierig, sagt Ursula Bittner von Greenpeace gegenüber watson. Die Co-Autorin des 2020 erschienenen Reports "Zertifizierte Zerstörung" – der aufzeigt, wie Firmen durch vermeintliche Nachhaltigkeitslabel Verbraucher täuschen – beschäftigte sich intensiv mit den Standards und Kontrollen des FSC-Siegels.

Laut Bittner sind die Unternehmen selbst in der Verantwortung, für nachhaltige Rohstoffe und transparente Lieferketten zu sorgen: "Es ist die Aufgabe eines jeden Unternehmens, sicherzustellen, dass ihre Rohstoffe nicht verantwortlich sind für die Zerstörung von Wäldern, Ökosystemen oder der Verletzung von Menschenrechten."

Das Problem mit den Zertifizierungen

In dem Greenpeace-Report legen Bittner und ihre Kollegen dar, wo Zertifizierungssysteme an ihre Grenzen kommen. Statt zum Schutz der Umwelt beizutragen, würden die Siegel und Labels oft eher als Schutzschild gegen strenge Gesetze wirken. "In den meisten Zertifizierungssystemen konnten wir feststellen, dass die Transparenz und Rückverfolgbarkeit der Lieferketten nicht gegeben war", so Bittner.

Sie erklärt: "Ein großes Problem bei privaten Zertifizierungen ist das Kontrollsystem. Denn zwischen den zertifizierten beziehungsweise die Zertifizierung beantragenden Unternehmen und den Kontrollstellen, die die Unternehmen auf Einhaltung der jeweiligen Standards prüfen, besteht eine finanzielle Abhängigkeit." Die Folge: Es würden Unternehmen FSC-zertifiziert, die von Subfirmen beliefert würden, die wiederum nachgewiesenermaßen Wälder zerstörten. So sei es auch bei Ikea geschehen.

Worauf Kunden achten können

Nicht nur für die Umwelt sind die laschen Zertifizierungen ein Problem – sondern auch für die Kunden. Denn nicht alles, was als "grün", "nachhaltig" oder "fair" gelabelt wurde, ist tatsächlich aus ökologischer Sicht unproblematisch.

Statt privater Zertifizierungen wünscht sich Greenpeace-Expertin Bittner ein rechtliches Rahmenwerk, beispielsweise in Form eines EU-Gesetzes für globalen Waldschutz. Denn ihrer Meinung nach können Kunden nicht herausfinden, woher ihr Holz wirklich stammt. Besondere Vorsicht sei allerdings bei Holz aus den Karpaten oder aus dem Kongo geboten. Von Tropenholz rät Bittner Verbrauchern generell ab.

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bild: gettyimages

Ein unhaltbares Nachhaltigkeitsversprechen?

Wie lassen sich die Umweltskandale um die Holz-Herkunft nun mit dem aktuellen Nachhaltigkeitsversprechen von Ikea zusammenbringen? In einem ausführlichen Bericht, der auf der Ikea-Website zu lesen ist, formuliert das Unternehmen seine gesetzten Ziele. Die Kernpunkte lauten: Bis 2030 sollen nur noch natürliche oder recycelte Materialien verwendet werden, die Lieferung nach Hause soll bis 2025 emissionsfrei sein. Außerdem will das Unternehmen klimapositiv werden – bis wann das geschehen soll, ist allerdings nicht angegeben.

Auch auf Youtube präsentiert sich Ikea ganz im Sinne der Nachhaltigkeit.

Ursula Bittner sieht das Nachhaltigkeitsversprechen von Ikea kritisch: "Zunächst ist die Selbstverpflichtung zur verantwortungsvollen Beschaffung dem ungebremsten Wachstumsdrang des Unternehmens gegenüberzustellen. Berichten zufolge hat sich der Holzverbrauch von Ikea in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt."

Earthsight zufolge muss der Konzern jährlich zirka 1,8 bis 2,5 Millionen Bäume mehr als im jeweiligen Vorjahr verarbeiten, um sein Wachstumstempo aufrechterhalten zu können. Selbst wenn dieses Holz aus nachhaltigem Anbau stammen würde, ist es problematisch, dass so viel gerodet wird. Für Bittner ist deshalb klar: "Ikea ist der Inbegriff der Globalisierung und des schnellen Konsums."

Ikea hält an FSC-Siegel fest

Auf Nachfrage von watson beteuert Ikea, dass es keinen Widerspruch zwischen dem Nachhaltigkeitsversprechen und dem Wachstum des Unternehmens gebe: "2019 ist es Ikea gelungen, das Geschäft um 6,5 Prozent wachsen zu lassen und die Klimabilanz gleichzeitig um 4,3 Prozent zu reduzieren." Zurzeit stammen dem Unternehmen zufolge 98 Prozent des für Ikea Produkte verwendeten Holzes aus nachhaltigen Quellen.

Das Wachstum der Firma soll in Zukunft jedoch vom Rohstoffbedarf entkoppelt werden. Ikea sagt: "Wir werden unseren Holzverbrauch nicht exponentiell steigern. Aus weniger mehr zu machen und neue, kreative Wege zu finden, Ressourcen achtsam zu nutzen, ist Teil der Arbeitsweise von Ikea."

Auch bei der Holz-Beschaffung seien alle Probleme beseitigt worden. Ikea vertraut nach wie vor auf das FSC-Siegel: "Hinsichtlich aller Beschaffungsländer von Ikea sind wir derzeit der Ansicht, dass FSC die vertrauenswürdigste und glaubwürdigste globale Forstzertifizierung ist, die es gibt."

Ikea sagt allerdings auch: "Wir verlassen uns nicht allein auf das FSC-Zertifikat. Der Ikea-Verhaltenskodex für Lieferanten, Iway, umreißt Kriterien für Lieferanten, die forstwirtschaftlich nutzbare Materialien verwenden." Eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen soll dafür sorgen, dass sich die Umwelt-Debakel der letzten Jahre nicht wiederholen:

"Als erste Maßnahme verlangt Ikea von den Lieferanten, dass sie jährlich ihre Holzbeschaffungspläne vorlegen, was dazu beiträgt, potenzielle Risiken zu identifizieren und proaktiv zu mindern.

Die zweite Schutzmaßnahme wird durch unser spezialisiertes, globales Holzbeschaffungs- und Forstwirtschaftsteam verwaltet, das jährlich zirka 200 globale Kontrollen in den Holzeinschlagsgebieten durchführt. Der Zweck dieser Kontrollen ist es, zu überprüfen, ob das Holz, das in unsere Lieferkette gelangt, den Ikea-Anforderungen entspricht.

Als dritte Sicherheitsmaßnahme führen wir stichprobenartige und gezielte Kontrollen durch Dritte durch, um die Einhaltung der Anforderungen zu überprüfen."

Fazit

Ikea will etwas für jeden bieten. Deshalb sind viele Produkte günstiger, als man es von einem Unternehmen erwarten würde, das verspricht, nachhaltig zu wirtschaften. Laut Ikea lassen sich günstige Preise mit Umweltschutz vereinen. Die Aussage des Konzerns: "Ein niedriger Preis ist nicht gleichbedeutend mit geringer Qualität oder mangelnder Nachhaltigkeit, ebenso wie ein hoher Preis nicht automatisch hohe Qualität und Nachhaltigkeit bedeuten muss."

Wenn all die angestrebten Ziele erreicht werden und die Lieferketten seit dem Swedwood-Skandal schärfer kontrolliert werden, könnte man Ikea durchaus als nachhaltiger einordnen. Durch und durch öko wird ein Milliardenunternehmen, das derartig profitorientiert ist, wohl niemals werden. Allerdings erkennt auch Ursula Bittner von Greenpeace positive Tendenzen.

Hoffnungsvoll betrachtet sie zum Beispiel Ikeas "Circular Hub" – ein Wiederverwendungs- und Reparaturprogramm. "Solche Initiativen sprechen ein klares Bekenntnis aus, nachhaltig zu wirtschaften. Bei vielen Produkten wird auf recyceltes Plastik, Papier und Glas gesetzt", sagt sie. Und auch die Reduzierung der Verpackungen lobt die Expertin, wenngleich nach wie vor eine Menge Plastikmüll beim Verpacken der Einzelteile anfällt.

Ikea sagt: "Wir arbeiten bewusst daran, unsere Größe und globale Reichweite als Motor für positive Entwicklungen zu nutzen." Und genau das ist es, was das Nachhaltigkeitsversprechen auf jeden Fall tut: ein Zeichen setzen. Ob Ikea zu 100 Prozent nachhaltig wird, ist fragwürdig. Trotzdem stimmen die vielen Maßnahmen, die zurzeit umgesetzt werden, um Ikea klimafreundlicher zu machen, hoffnungsvoll. Denn gerade die großen Unternehmen haben einen enormen Einfluss auf Umwelt und Klima – und jeder Schritt in Richtung einer grünen Zukunft zählt.

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