BERLIN, GERMANY - SEPTEMBER 24: German Climate activist Luisa Neubauer speaks at a large-scale climate strike march by Fridays for Future in front of the Reichstag on September 24, 2021 in Berlin, Ger ...
Gemeinsam mit einer Fridays-for-Future-Truppe ist Klimaaktivistin Luisa Neubauer auf dem Weg zur COP27 in Scharm el-Scheich in Ägypten. Dort will sie weiter für mehr Klimaschutz kämpfen. Bild: Getty Images Europe / Maja Hitij
Interview

Luisa Neubauer zur Weltklimakonferenz: "Alles, was die COP leisten kann, reicht nicht"

05.11.2022, 15:3205.11.2022, 15:33

Ihre Reise zur Weltklimakonferenz COP27 in Scharm el-Scheich führt Luisa Neubauer und Mit-Aktivist:innen von Fridays for Future fünf Tage lang mit Bus und Bahn von Berlin aus über Warschau, Budapest, Belgrad und Sofia nach Istanbul. Erst dort steigen die Klimaaktivist:innen für das letzte Stück ihrer weiten Reise in den Flieger nach Ägypten.

watson erwischt Luisa telefonisch beim Pfannkuchenbacken in Belgrad, wo sie gemeinsam mit ihren Mitreisenden den Tag verbringt, bevor es mit dem Nachtzug weiter nach Sofia geht.

Ein Gespräch über die Vorteile des langsamen Reisens mit Bus und Bahn, die dramatische Weltlage und die Verantwortung der Industriestaaten bei den Klimaverhandlungen.

Luisa Neubauer, Klimaaktivistin, steht nach einem Treffen des ehemaligen US-Präsidenten Obama mit Klimaaktivisten in einem Gebäude der University of Strathclyde. In Glasgow ringen rund 200 Staaten für ...
Die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer reist für die Weltklimakonferenz nach Scharm el-Scheich.Bild: dpa / Christoph Soeder

watson: Wie läuft eure Reise nach Scharm el-Scheich?

Luisa Neubauer: Es ist schön. Ich bin gerade noch dabei, Pfannkuchen für alle zu backen, die helfen erfahrungsgemäß beim Klimaaktivismus. Der Rest der Gruppe ist jetzt hier in Belgrad mit einem Fernsehteam unterwegs, später treffen wir noch eine Reihe von aktivistischen Gruppen aus Serbien, die hier Projekte vorantreiben. Es ist ein großes Privileg, dass wir auf unserem Weg zur COP an so vielen verschiedenen Orten vorbeikommen und sehen, wie Menschen für eine bessere Welt kämpfen. So geht das auch weiter: Heute Nacht fahren wir nach Bulgarien, verbringen dann den Tag in Sofia. Orte, die man eher nicht so kennt und die auch in der Berichterstattung oft hinten runterfallen. Es ist also eigentlich ein sehr wirklichkeitsnaher Reisemodus.

Du hattest ja über Instagram dazu aufgerufen, dass sich Aktivist:innen bei dir melden sollen, wenn sie euch auf eurer Reise treffen wollen. Haben sich denn viele bei dir gemeldet?

Ja, ehrlicherweise zu viele. Wir können gar nicht so viele Menschen treffen, wie sich bei uns gemeldet haben, wir sind ja auch nur einen Tag hier und müssen parallel noch unseren Aufenthalt bei der COP planen und haben Termine mit den Medien. Aber es ist einfach total bewegend zu sehen, dass der ganze europäische Kontinent voller Menschen ist, die sich organisieren.

"Wir sehen, dass hier versagt wird, aber wir sind nicht bereit, das hinzunehmen."
Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer

Neben Treffen mit anderen Aktivist:innen lasst ihr auf eurer Reise sicherlich nochmal Revue passieren, was seit der COP26 in Glasgow so passiert ist. Geht man nach der Wissenschaft, ist das eindeutig zu wenig. Mit welcher Haltung fährst du jetzt zur COP27?

Die Weltlage ist natürlich dramatisch, das braucht man niemandem zu erklären. Und dass wir mehr denn je Aufmerksamkeit, Kräfte und öffentliche Arbeit in Bezug auf die Klimakrise brauchen, glaube ich auch. Es ist aber so, dass Klimakonferenzen jetzt keine Erfolgsbilanzen haben, die für sich sprechen. Die Emissionen steigen, seit es die erste Klimakonferenz in Berlin gegeben hat und es gibt jeden Grund sehr nachdenklich darüber zu sein, was wir auf der COP überhaupt ausrichten können.

Und gleichzeitig brauchen internationale Krisen internationale Verhandlungsräume – und die COP kann so ein Ort sein. Ich glaube, die COP lässt sich schwer in erfolgreich oder nicht erfolgreich einteilen. Wir wissen ja schon jetzt alles, was diese COP leisten kann – im Best Case – wird nicht reichen, um der Klimakrise und der Dramatik der Lage gerecht zu werden. Das ist von vornherein klar. Und gleichzeitig wird diese COP ein Ort sein, an dem wir wirklich alle Aufmerksamkeit, die wir irgendwie organisieren können, auf die Klimakrise und auf die ganz dringende Notwendigkeit, global zu handeln, lenken werden.

Glaubst du, dass es unter den Vertragsstaaten einen größeren Erfolgsdruck gibt, weil jetzt schon absehbar ist, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist und man sich ja eigentlich darauf verständigt hatte?

Die Reports und die warnenden Stimmen der Wissenschaft gibt es seit 40 Jahren und die haben bisher praktisch zu keinem Zeitpunkt den politischen Druck erzeugt, den die Klimakrise eigentlich mit sich bringt. Was es braucht, sind Menschen, die sich dahinter versammeln, Druck ausüben und erklären: Wir sehen, dass hier versagt wird, aber wir sind nicht bereit, das hinzunehmen.

Was sind denn deiner Meinung nach die drei wichtigsten Punkte, die bei dieser COP erreicht werden müssen?

Eines der zentralen Themen bei dieser COP wird die Frage danach sein, wer für die Schäden in den ärmsten Staaten der Welt aufkommt, die durch die Emissionen reicher Industrienationen wie Deutschland entstehen. Werden die reichen Staaten bereit sein, das finanziell zu kompensieren? Das ist eine riesengroße Frage, die über dieser Klimakonferenz hängt. Und auch eines der wichtigsten Ziele: Die Klimaschäden, das hört man ja immer in den Nachrichten, häufen sich auf der ganzen Welt. Was da gerade abgeht, ist ein komplettes Drama. Überall werden Lebensgrundlagen zerstört. Und das Problem ist, dass es in diesen Staaten überhaupt keine Zahlungsfähigkeit und ja auch keine Verantwortung dafür gibt – denn für die Schäden sind ja wir aus den reichsten Staaten der Welt verantwortlich.

Und die anderen beiden?

Der nächste wichtige Punkt ist natürlich eine schnelle Emissionsreduktion. Bisher reichen die Versprechen, die die Staaten gegeben haben, in keinster Weise aus, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Das heißt, wir setzen darauf, dass die Staatengemeinschaft, die sich auf der COP trifft, Pläne macht, schneller, effektiver und gerechter Emissionen zu reduzieren. Und ein Thema, was natürlich über allem schwebt, weil wir uns dieses Mal in Ägypten treffen, ist die Frage von Klimakrise und Menschenrechten: Dass wir uns ausgerechnet in einer so mörderischen Diktatur treffen, in der geschätzt 65.000 politische Häftlinge im Gefängnis sitzen, ist natürlich komplett absurd, wenn man bedenkt, dass wir dort das Thema Gerechtigkeit behandeln wollen. Zumal die Zivilgesellschaft strukturell ausgeschlossen wird. Das muss und darf nicht folgenlos sein.

Was bedeutet das für dich?

Das muss bedeuten, dass wir alle ganz genau hingucken und die demokratischen Regierungen dazu auffordern, sich bezüglich der Menschenrechtslage in Ägypten zu positionieren und überhaupt in der Frage, wie die Klimakrise Menschenrechte bedroht.

"Wir wissen, dass wir krass überwacht werden und dass Aktivisten dort nicht gern gesehen werden."
Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer

Glaubst du, dass durch eure Proteste vermittelt wird, was auf der Welt so schiefläuft und was das auch für die weniger privilegierten Menschen bedeutet?

Das hoffen wir zumindest. Im besten Fall würden die Medien ständig über diejenigen berichten, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind und die Regierungen würden diese Schicksale ernst nehmen. Aber darauf können wir uns nicht verlassen, das passiert ja so nicht. Und deswegen werden wir als Aktivist:innen laut und machen Druck.

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Klimaaktivistin Luisa Neubauer mobilisiert Massen für den Klimaschutz. Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup

Und was habt ihr jetzt an Aktionen rund um die COP27 geplant?

Das ist momentan schwer einzuschätzen, weil wir aufgrund der politischen Lage gar nicht wissen, was da für uns möglich ist. Das werden wir dann vor Ort sehen müssen. Aber wir sind vorbereitet und wir sind sehr bereit, zu tun, was wir tun können. Wir wissen, dass wir krass überwacht werden und dass Aktivisten dort nicht gern gesehen werden. Was wir also tun können, steht für uns noch völlig in den Sternen.

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