Nachhaltigkeit
Interview

Segeln: Boris Herrmann erzählt, was er von Greta Thunberg gelernt hat

HANDOUT - 13.01.2023, Spanien, Alicante: Boris Herrmann, Profisegler und Skipper auf dem Segelschiff des Team Malizia, in Aktion beim The Ocean Race. Herrmann hat sich beim Ocean Race verletzt und kan ...
Der Segler Boris Herrmann setzt sich neben dem Sport auch für mehr Klimaschutz ein und sammelt wichtige Daten für die Klimawissenschaft. Bild: Team-Malizia.com / Ricardo Pinto
Interview

Profi-Segler Boris Herrmann: Wo sich die Klimakrise in den Meeren bemerkbar macht

27.02.2023, 13:33
Mehr «Nachhaltigkeit»

Wasser, Wellen, Wind – das ist die Passion von Boris Herrmann. Schon mehrfach hat der Profi-Segler aus Oldenburg mit seiner Segelyacht den Globus umrundet – im Wettlauf mit seinen Konkurrent:innen und nun auch im Wettlauf gegen die Zeit.

Denn dass sich die Welt aufgrund der Erderhitzung verändert, kann Herrmann auf seinen Segel-Abenteuern seit Jahren mit eigenen Augen sehen. Und er will die weitere Veränderung verhindern, unbedingt. 2019 nutzt er die Chance und bringt Klimaaktivistin Greta Thunberg mit seiner Segelyacht zum UN-Klimagipfel nach New York.

28/08/19 - New York (USA) - Team Malizia and Greta Thunberg arriving to New York, USA, after a sailing zero emissions Atlantic crossing from Plymouth, UK.
Der Segler Boris Herrmann (links) und sein Team haben Klimaaktivistin Greta Thunberg nach New York gebracht.Bild: imagebank.team-malizia.com / Ricardo Pinto

Und auch sonst vereint Herrmann seine Liebe zum Segeln mit dem Einsatz für das Klima. Woher sein Engagement kommt, was genau er tut und ob er glaubt, ob wir das Rennen gegen die Klimakrise noch gewinnen können, erzählt der Profi-Segler im Interview mit watson.

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watson: Als Profi-Segler bist du häufig scheinbar ausweglosen Situationen ausgesetzt: der Naturgewalt des Ozeans, oder der unaufholbar wirkenden Führung eines Segel-Konkurrenten. Was lehrt dich dein sportliches Durchhaltevermögen mit Blick auf die Klimakrise?

Boris Herrmann: Wenn man den Naturgewalten und den Herausforderungen auf der See ausgesetzt ist, dann muss man immer improvisieren. Man kann das nicht mit einem vorgefertigten Schema schaffen, und ich denke, das ist bei der Klimakrise genauso. Man muss experimentierfreudig sein, und natürlich auch ambitioniert, aber man kann nicht alles nach einem exakt durchgetakteten Plan abarbeiten, dafür ist die Klimakrise zu komplex.

Dein Segel ziert der Claim "A Race we must win, Climate action now!" und nach diesem Motto lebst du auch: Du unterstützt die Klimaforschung und klärst mit deiner Frau Schüler:innen über den Klimaschutz auf. Wie genau sieht eure Arbeit aus?

Was die Unterstützung der Klimaforschung angeht, haben wir ein Labor auf dem Boot und sammeln Daten zum Oberflächenwasser des Meeres, da wo wir langsegeln. Dafür wird das Wasser ins Schiff gepumpt und analysiert. Die Daten, die wir aus den Proben entnehmen, werden dann einfach gespeichert und an Wissenschaftler von renommierten Forschungsinstituten übertragen.

An Bord seiner Segelyacht sammelt Boris Herrmann wichtige Daten für die Klimawissenschaft.
An Bord seiner Segelyacht sammelt Boris Herrmann wichtige Daten für die Klimawissenschaft. bild: imagebank.team-malizia.com

Und was für Daten interessieren euch genau?

Es wird zum Beispiel analysiert, wie hoch der CO₂-Gehalt im Wasser ist, wie sauer das Wasser ist und was die exakte Temperatur ist. Die Daten helfen den Forschenden, den Klimawandel besser zu verstehen. Denn der Ozean nimmt den Großteil des CO₂ aus der Atmosphäre auf.

Und genau das erzählen meine Frau und ich im Bildungswerk auch den Kindern. Das ist für die zum einen richtig spannend und zum anderen erfahren sie so auch, warum der Ozean eine so wichtige Rolle spielt. Dafür haben wir Kontakt zu Schulen in verschiedenen Ländern, in denen wir Lehrgänge in zwölf Sprachen durchführen. Zum Teil arbeiten die Kinder eigenständig mit Materialien von uns, zum Teil haben wir verschiedene Vorträge, sowohl in Person als auch online.

"Das macht mich schon ein bisschen traurig, darüber nachzudenken, was da noch auf uns zukommt."

Was erhoffst du dir von eurem Engagement und der Arbeit für die Wissenschaft?

Vor allem hoffe ich, dass die Daten, die wir durch die Wasserproben sammeln, möglichst nützlich für die Klimaforschung sind. Aber das wurde uns auch schon häufiger bestätigt, zumal die Daten immer mal wieder in wichtigen Publikationen in Bezug auf den Treibhauseffekt, den Klimawandel und das Global Carbon Budget zitiert werden.

Man sieht halt, dass alles miteinander zusammenhängt und da ist es toll, einen kleinen, aber feinen Beitrag leisten zu können. Und bei unserer Arbeit mit den Kindern erhoffen wir uns natürlich, dass sie einfach von unserer Begeisterung für den Ozean angesteckt werden. Für die Abenteuer und den Sport, den man durch ihn erleben kann. Aber auch für die Neugierde und dass alles miteinander zusammenhängt. Und vor allem: Dass man nicht machtlos ist, sondern etwas gegen den Klimawandel tun kann.

17 06 2019 Pierre Casiraghi & Boris Herrmann introduce Malizia II to children in the Yacht Club de Monaco’s Sports Section‎
Boris Herrmann erzählt Schüler:innen von seinen Segel-Abenteuern und dem Klimaschutz. bild: Martin Messmer

Wann ist dir die Vehemenz der Klimakrise erstmals bewusst geworden?

Das kam schleichend über die vergangenen Jahre. Als wir mit Greta Thunberg 2019 über den Atlantik gesegelt sind, habe ich mich natürlich nochmal intensiver mit dem Thema beschäftigt. Sie ist eine spannende Gesprächspartnerin und die Gespräche haben auch meine eigene Einstellung nochmal ein Stück weit verändert und meinen Horizont erweitert.

Aber ich habe mich schon vorher mit dem Klimawandel beschäftigt. 2013 bin ich durch die Nordostpassage gesegelt, also um den Nordpol herum, und das ist krass, denn da kann man die Veränderungen schon richtig sehen, oftmals bemerkt man bei der Klimakrise ja nur vereinzelt Symptome.

"Die Antarktis sah ganz anders aus, als wir es erwartet hatten – viel weniger Eis. Da hat sich die Klimakrise mit ihren ganzen Umständen schon bemerkbar gemacht."

Woher kommt dein Engagement?

Ich bin in einem sehr politischen Elternhaus aufgewachsen und hatte später im Studium den Schwerpunkt Nachhaltiges Management, wodurch ich immer wieder mit dem Thema in Berührung gekommen bin. Später habe ich dann auch mit meiner Crew viele Momente erlebt, wo wir gesehen haben, wie sich die Welt verändert, gerade, wenn wir länger nicht da waren.

Boris Herrmanns Reise mit Greta Thunberg hat seine Einstellung zur Klimakrise nochmals verändert.
Boris Herrmanns Reise mit Greta Thunberg hat seine Einstellung zur Klimakrise nochmals verändert. bild: imagebank.team-malizia.com / Jozef Kubica Fotografie

Wo zum Beispiel?

Richtig konfrontiert wurde ich mit diesen Veränderungen zum Beispiel bei der Weltumsegelung 2010: Die Antarktis sah ganz anders aus, als wir es erwartet hatten – viel weniger Eis. Da hat sich die Klimakrise mit ihren ganzen Umständen schon bemerkbar gemacht. Das führt einem schon vor Augen, dass man etwas unternehmen sollte. Und dazu kam bei mir noch der Wunsch, über den Sport hinaus etwas Sinnvolles zu tun. Daten für Wissenschaftler zu sammeln und auch mit den Kindern zu arbeiten, macht mir nicht nur Spaß, sondern ich weiß, dass ich etwas Sinnvolles tue und vielleicht etwas bewegen kann.

"Natürlich ist das frustrierend, aber es entmutigt mich nicht. Aufgeben kommt für mich nicht in Frage – ich sehe das mit Sportsgeist."

Vor drei Jahren bist du Vater geworden. Inwiefern hat auch die Geburt deiner Tochter dazu beigetragen, dass du dich fürs Klima engagierst?

Die Geburt meiner Tochter hat mir auf tragische Weise nochmal mehr bewusst gemacht, um was es hier geht. Schon jetzt können wir ja an den Daten ablesen, dass in den letzten Jahren viel zu wenig in der Klimapolitik erreicht wurde und wir Ziele reißen, die wir eigentlich längst hätten erreichen müssen. Das macht mich ein bisschen traurig, darüber nachzudenken, was da noch auf uns zukommt. Allerdings war ich schon immer vor allem von meiner Neugierde getrieben, mich mit dem Klimawandel auseinander zu setzen und etwas dagegen zu unternehmen.

Klimaschutz ist ein Wettrennen gegen die Zeit – wie Boris Herrmanns Segel-Regatten auch.
Klimaschutz ist ein Wettrennen gegen die Zeit – wie Boris Herrmanns Segel-Regatten auch.bild: imagebank.team-malizia.com / Marin LE ROUX - polaRYSE

Haben wir in deinen Augen noch eine Chance, das Rennen gegen die Klimakrise zu gewinnen?

Wenn auch das 1,5-Grad-Ziel jetzt außer Reichweite zu sein scheint, hoffe ich doch sehr, dass wir zumindest das 2-Grad-Ziel schaffen werden. Deswegen ist es jetzt umso wichtiger, den Klimaschutz an viel mehr Stellen zu ermöglichen und stärker zu beschleunigen. Im Moment bewegen wir uns in die falsche Richtung, es kann überhaupt nicht von Klimaschutz die Rede sein: Die Emissionen steigen und wirklich profunde Veränderungen haben sich noch nicht durchgesetzt. Das ist eine große Herausforderung. Aber ich glaube schon, dass es Wege und Möglichkeiten gibt, das 2-Grad-Ziel noch zu erreichen. Es ist wirklich eine spannende Zeit jetzt.

Frustriert es dich nicht, dass der Klimaschutz stagniert und die Emissionen weiter in die Höhe schießen?

Natürlich ist das frustrierend, aber es entmutigt mich nicht. Aufgeben kommt für mich nicht in Frage – ich sehe das mit Sportsgeist.

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