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Trotz Bio-Siegel kein Tierschutz: Was das für die Bio-Landwirtschaft bedeutet

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Hausrind (Bos primigenius f. taurus), im Stall angekettete Milchkuehe, Deutschland domestic cattle (Bos primigenius f. taurus), dair ...
Ein Foodwatch-Report hat auch in der Bio-Tierhaltung Mängel aufgedeckt. Kann man dem Bio-Siegel noch vertrauen? Bild: imago/blickwinkel
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Tierleid trotz Bio-Siegel: Was das für die Bio-Landwirtschaft bedeutet

07.02.2023, 07:5307.02.2023, 16:32
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Millionen Nutztiere leiden massiv unter Krankheiten, Verletzungen und Schmerzen – und das nicht nur in der konventionellen Landwirtschaft, sondern auch auf Bio-Höfen. So lautet das bittere Ergebnis eines Foodwatch-Reports, der kürzlich veröffentlicht wurde und 14 verschiedene Studien auswertete.

"Knapp 40 Prozent aller Schweine in konventioneller Haltung haben krankhafte Befunde wie Lungenentzündungen, offene Wunden oder Abszesse – in der Bio-Haltung sind es mit 35 Prozent kaum weniger", schreibt die NGO dabei im Bericht. Auch in Bezug auf die Gesundheit von Hühnern stellte die NGO fest, dass 97 Prozent aller Legehennen, in Käfighaltung wie in Bio-Haltung, unter Knochenbrüchen leiden.

"Die Foodwatch-Ergebnisse machen deutlich, dass Bio-Siegel in puncto Tierhaltung schlicht Verbrauchertäuschung sind."
Tierschützerin Scarlett Treml, PETA Deutschland

"Zwar hängen Tierwohl und Tiergesundheit miteinander zusammen, aber es bedeutet nicht das Gleiche", betont Peter Rörig, geschäftsführender Vorstand des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, auf Nachfrage von watson. Wie er erklärt, sorgen Bio-Haltungssysteme durch viel Platz, Licht, Einstreu im Stall sowie großen Auslauf- und Weidemöglichkeiten für ein hohes Tierwohl. "Damit deckt Tierwohl mehr als nur die Tiergesundheit ab."

Alles also halb so schlimm?

Peter Rörig, Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft
Peter Rörig, Vorstand des Bundes Ökologische LebensmittelwirtschaftBild: privat / miriam meyer

PETA kritisiert Bio-Landwirte heftig

Tierschützerin Scarlett Treml von PETA Deutschland widerspricht dieser Ansicht klar. "Die Foodwatch-Ergebnisse machen deutlich, dass Bio-Siegel in puncto Tierhaltung schlicht Verbrauchertäuschung sind und Tierleid in jeder Haltungsform Standard ist." Denn auch in der Bio-Haltung würden Tiere leiden, ausgebeutet und am Ende gewaltsam und unter Schmerzen im Schlachthaus getötet werden.

Sie ergänzt:

"Genau wie das politische Modewort 'Tierwohl' wird innerhalb der Bio-Haltung durch Tricks versucht, uns zu suggerieren, dass die Tiere in dieser Haltungsform ein besseres Leben haben, was schlicht nicht der Wahrheit entspricht und somit Greenwashing und Verbrauchertäuschung ist."
Kleine Hühner sonnen sich im Lampenlicht.
Küken, die zu Legehennen gezüchtet werden, scharen sich unter einem Lichtpegel. Bild: iStockphoto / rab-bit

Harte Worte für die Bio-Branche.

Denn diese grenzt sich mit dem Versprechen auf mehr Tiergesundheit bewusst von der konventionellen, meist billigeren Tierhaltung, ab.

Hat die Bio-Branche also bereits an Vertrauen verloren – und stellen Bio-Höfe bereits eine sinkende Nachfrage fest? Watson hat dazu stellvertretend bei einem jungen Bio-Landwirt nachgefragt.

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Bio-Landwirt wehrt sich gegen Kritik der Studie

"Speziell bezogen auf den Foodwatch-Report merken wir im Moment eigentlich keinen großen Unterschied bei der Nachfrage", antwortet Lennard Trumpfheller. Er führt als Landwirt einen regionalen Bio-Hof bei Michelstadt in Hessen. "Bei uns ist es generell so, dass die Leute unsere Produkte kaufen, weil sie uns, unsere Geschichte und den Bio-Hof dahinter kennen."

Allerdings komme der Report zu einem ungünstigen Zeitpunkt:

"Im Moment ist der Biomarkt eingebrochen. Die Leute sparen und das am falschen Ende. Sie wollen ihre gewohnten Standards beibehalten, dann muss an den Lebensmitteln gespart werden. Das merken wir jetzt brutal schon seit über anderthalb Jahren, seit die Inflation herrscht."

Bezogen auf die Ergebnisse des Foodwatch-Berichts sieht er es kritisch, dass bei den festgestellten Erkrankungen der Tiere nicht klarer zwischen einer konventionellen und einer biologischen Tierhaltung differenziert wurde.

Lennard bei den Kälber auf dem Biohof.
Bio-Landwirt Lennard Trumpfheller mit einem Kalb auf seinem Bio-Hof.bild: Lennard Trumpfheller

"Wenn eine Kuh humpelt, wurden ihre Klauen nicht ordentlich beschnitten und gesäubert. Heißt, es ist nicht hygienisch im Stall, und wenn alte Wunden aufreißen, infizieren sie sich dann schnell", erklärt er. "Wir beugen das hier mit mehr Hygiene im Stall vor und mit regelmäßiger Klauenpflege." Der Haken an der Sache: "Ob das jetzt der konventionelle Landwirt streng befolgt oder der biologische, ist den Höfen aber meist selbst überlassen."

Auch die im Bericht aufgeführten Fälle von Mangel-Ernährung und Kreislaufproblemen bei Bio-Tieren sieht er zu ungenau dargestellt. "Wenn eine Kuh zwischen der vorangegangenen Laktation und der Geburt des nächsten Kalbes falsch mit Kalzium ernährt wird und ihren Kalziumbedarf aus den Knochen nicht mobilisieren kann, dann ist das Risiko erhöht, dass sie Milchfieber bekommt, eine Stoffwechselerkrankung. Folgen davon sind Muskelschädigungen und Knochenbrüche. Das passiert den konventionellen Landwirten genauso wie den biologischen."

Das Einzige, wo man seiner Meinung nach wirklich unterscheiden könne, ist, dass konventionelle Landwirte Krankheiten bereits vorbeugend behandeln dürften. "Doch das dürfen wir biologischen nicht. Wir müssen erst nachweisen, dass die Kuh krank ist." Was wiederum zu mehr natürlichen Erkrankungen bei den Bio-Tieren führe. "Aber was ist denn mein Vorteil, wenn ich die Kuh, um Erkrankungen vorzubeugen, vollpumpe mit Antibiotikum? Das ist doch auch nicht das, was wir wollen."

Hier gerät die Bio-Tierhaltung an seine Grenzen. Doch nimmt der Ruf von Bio durch die Foodwatch-Studie wirklich Schaden?

"Meine Vermutung ist, dass die Leute einfach die Meinung, die sie vorher schon hatten, bestätigt sehen", sagt Julian Rode vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Er begründet das mit einem psychologischen Effekt, der sogenannten Bestätigungstendenz. "Menschen, die schon eine Meinung hatten, neigen dazu, auch neue Informationen zum Thema so zu interpretieren, dass es die vorherige Meinung nur bestätigt", erklärt Rode. "Da muss schon viel passieren, dass das dann gebrochen wird."

Bezogen auf das Vertrauen in Bio hieße das:

"Diejenigen, die eh nichts von Bio halten, sagen 'Bringt doch alles nichts, dann kann ich weiter mein normales Fleisch kaufen.' Und die, die regelmäßig zum Bauernhof oder Bioladen gehen, bleiben auch ihrer Gewohnheit treu und sagen 'Schon klar, dass Bio auch nicht das Gelbe vom Ei ist, sondern nur ein Schritt in die richtige Richtung.'"

Für die wenigsten sei es daher eine große Überraschung, dass beim Thema Tierwohl Bio allein noch nicht allzu viel Wirkung habe, folgert Rode. "Über die meisten Bio-Labels ist eigentlich auch bekannt, dass sie Mindeststandards vorgeben, die immer noch viel zu wünschen übrig lassen."

Für die PETA-Tierschützerin Treml bleibt damit nur eine logische Konsequenz:

"Durch die pflanzliche Agrarwende könnten wir dieser Krise rasch und effektiv entgegenwirken. Egal ob Fleisch, Käse, Milch, Butter oder Eier – mittlerweile gibt es eine ganze Fülle an Alternativprodukten.

Jeder Einzelne könne somit dazu beitragen, "dass dieses unsägliche Tierleid endlich beendet wird".

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