Armut und Nachhaltigkeit – unvereinbar?
Armut und Nachhaltigkeit – unvereinbar?
Bild: www.imago-images.de / M. Popow

Luisa Neubauer über Konsumkritik und Armut: "Ökologisches Leben sollte kein Privileg sein"

16.03.2021, 19:09

Sie befasst sich mit der größten Krise unserer Zeit und wird doch immer wieder nach einfachen Lösungen gefragt. Sätze wie "Nenne uns doch mal drei Ökotipps, mit denen wir das Klima retten können!" kann Luisa Neubauer einfach nicht mehr hören. Denn: So sehr wir uns auch anstrengen, unseren Alltag und Konsum möglichst nachhaltig zu gestalten, letztendlich braucht es einen Systemwandel, der fernab von Hafermilch und Jutebeuteln abläuft.

In der aktuellen Folge von Luisas 1,5-Grad-Podcast beschäftigt sie sich mit (vermeintlichen) Tipps und Tricks, die zur Rettung des Klimas beitragen sollen. Zu ihren Gesprächspartnern gehören unter anderem Quang Paash von Fridays for Future, Milena Glimbovski von "Original Unverpackt" und Laura Schoen vom Bundesumweltamt.

Systemkritik statt Konsumkritik

Luisa ist sich sicher: Den eigenen Konsum oder die Art des Reisens zu hinterfragen und möglichst nachhaltig zu gestalten, ist wichtig. Aber es löst das globale Klimaproblem nicht, uns selbst oder gegenseitig dafür zu shamen, nicht konsequent genug zu sein. Sie spricht auch über ihre eigenen Erfahrungen. Zum Beispiel über die Zeit, in der sie auf Twitter unter dem Hashtag #langstreckenluisa einen Shitstorm erntete für Flüge, die sie in ihrer Jugend nach Amerika, Asien und Afrika machte. Für Luisa lenke solche Kritik am Einzelnen von den dahinterstehenden strukturellen Problemen ab.

Diese Meinung teilt die Aktivistin Sarah-Lee Heinrich mit ihr. Sie ist alleine mit ihrer Mutter groß geworden, die Hartz IV bezogen hat. Sarah-Lee hält nichts von Konsumkritik, denn sie glaubt, dass Aussagen wie "Leute sollen aufhören, dieses Billig-Lidl-Fleisch zu kaufen. Sonst sind sie auch ein bisschen daran schuld, dass es der Umwelt und dem Klima so schlecht geht" bei ihr dazu führten, dass sie sich früher weniger mit Klima- und Nachhaltigkeitsthemen befasst hat. Sie erklärt:

"Für uns zu Hause war es klar, dass es nicht die Wahl gibt. Sondern, dass wir erstmal damit beschäftigt sind, über den Monat zu kommen und nicht darüber nachzudenken, ob jede Entscheidung von uns bis ins Mark super ethisch ist. Man muss es sich leisten können, nachhaltig zu leben."

Auch für Sarah-Lee steht also nicht der individuelle Konsum im Vordergrund, sondern das, was dahintersteht. Im Falle des Billig-Fleischs: die Produktion, die Massentierhaltung. Sie sagt: "Eine ältere Dame, die in Altersarmut lebt und sich günstiges Fleisch beim Aldi holt, ist nicht unser Gegner. Konzerne, die das Klima zerstören, um Profit zu machen, die sind wirklich das Problem."

Ökologisches Leben darf kein Privileg sein

Während 13 Millionen Menschen in Deutschland in Armut leben, ist es eben nicht für jeden gleich leicht, nachhaltig zu leben. Das Bundesumweltamt empfiehlt deshalb neben der Reduzierung des eigenen CO2-Fußabdrucks auch eine Vergrößerung des CO2-Handabdrucks. Damit ist gemeint: Ideen weitergeben, mit anderen Menschen über die Klimakrise ins Gespräch kommen, politisch aktiv werden.

Irgendwann soll sich die Gesellschaft so verändert haben, dass die klimafreundlichste Option – sowohl im Supermarkt als auch beim Reisen – auch zugleich die bequemste ist. Bis dahin sollten wir uns aber nicht gegenseitig für unsere individuellen Konsumentscheidungen verurteilen, sondern aktiv das System verändern.

Luisas einziger Öko-Tipp ist daher: "Engagiert euch! Werdet da aktiv, wo es sich am meisten lohnt." Damit ein ökologisches Leben kein Privileg mehr ist.

(sb)

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