Der Zustand der deutschen Wälder ist kritisch.
Der Zustand der deutschen Wälder ist kritisch.
Bild: getty / Stone RF / Guido Mieth
Nachhaltig

"Wir werden in den nächsten Jahren 10 Prozent der Waldfläche verlieren": Förster Peter Wohlleben bei "Nationalen Waldgipfel" mit prominenten Gästen

05.08.2021, 15:1605.08.2021, 18:14
saskia balser, Julia Jannaschk

Den Wäldern in Deutschland geht es so schlecht wie nie zuvor: Dürrejahre, Borkenkäferbefall, Stürme und Brände haben in den Wäldern langfristige Schäden hinterlassen, die man unter anderem an den zahlreichen lichten Baumkronen erkennen kann.

Im Februar dieses Jahres wurde der Zustand des deutschen Waldes von Bundeswaldministerin Julia Klöckner in einer Untersuchung vorgelegt: Er ist mehr als beunruhigend. "Der Kronenzustand ist wie ein Fieberthermometer – er zeigt an, wie es den Bäumen geht. Die Waldzustandserhebung zeigt: Unsere Wälder sind krank", sagt Klöckner.

Zur Bewältigung der Waldschäden, für Wiederaufforstungen sowie zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel, wurde 2019 zum ersten Mal der nationale Waldgipfel einberufen – insgesamt rund 800 Millionen Euro konnten dort eingenommen werden. Nun geht es in die zweite Runde, am 5. und 6. August 2021 findet der nationale Waldgipfel erneut statt – mit zahlreichen prominenten Gästen soll auf den verheerenden Zustand des Waldes aufmerksam gemacht und für seinen Erhalt gekämpft werden.

Warum ist der Erhalt der Wälder so wichtig?

Im Kampf gegen den voranschreitenden Klimawandel spielen die Wälder der Welt eine zentrale Rolle: sie tragen nicht nur maßgeblich zur Sauerstoffbildung bei und beeinflussen die Luftqualität in ihrer Umgebung, sie speichern zudem große Mengen Kohlenstoff und wirken somit der Erderhitzung entgegen. Eigentlich. Denn auch sie werden zunehmend zum Opfer der Klimakrise und müssen dringend klimafit gemacht werden, um weiterhin als Kohlenstoffsenker zu wirken.

Nicht nur die Atmosphäre leidet unter dem andauernden Waldsterben, sondern auch die zahlreichen Tier- und Pflanzenarten, die die deutschen Wälder beheimaten. Mit der Artenvielfalt verhält es sich ähnlich wechselseitig wie mit der Erderhitzung: ist der Wald gesund und weist eine hohe Biodiversität auf, ist er auch robuster im Kampf gegen Wetterextreme und Schadinsekten. Wälder mit geringer Artenvielfalt sind dagegen anfälliger für äußere Einflüsse.

Den Wald zu schützen, hilft uns Menschen also auf vielen Ebenen: denn er wirkt der Erderwärmung entgegen, stabilisiert unsere Ökosysteme, reinigt unsere Luft und unser Wasser beheimatet zahlreiche Tiere und Pflanzen und ist darüber hinaus ein Ort der Ruhe und Entschleunigung, der unser Wohlergehen nachweislich steigert.

Was passiert beim nationalen Waldgipfel?

Wie der Wald noch gerettet werden kann, will Förster, Autor und "Waldschützer" Peter Wohlleben in den kommenden Tagen herausfinden. Im Rahmen seiner Waldakademie veranstaltet er den nationalen Waldgipfel mit dem Motto "Waldsterben 2.0", der verschiedene moderierte Diskussionsrunden beinhaltet.

Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Forstwirtschaft, NGOs und angrenzenden Wissenschaftsdisziplinen kommen am 5. und 6. August zusammen, um über Nachhaltigkeit, Waldumbau, Holznutzung, Klimaschutz, Artenvielfalt und den Umgang mit Nichtwissen zu sprechen und Lösungen für bestehende Probleme zu erarbeiten.

"Wir brauchen eine andere Behandlung der Wälder – im Moment laufen wir in eine Heißfalle für den Wald rein."
Förster Peter Wohlleben, beim Nationalen Waldgipfel 2021

Ein umfangreiches Programm mit Beiträgen von Umweltministerin Svenja Schulze, Politiker Robert Habeck, Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer, Greenpeace Geschäftsführer Martin Kaiser und vielen mehr erwartet alle Menschen, die sich für die kostenlose Online-Veranstaltung angemeldet haben.

Wie kann ich selbst etwas zum Schutz des Waldes beitragen?

Dass es um unsere Wälder so schlecht steht, hängt nicht nur mit dem Klimawandel zusammen, sondern auch mit unserem Bedarf an Holz und (Bau-)Fläche, wofür immer wieder große Waldgebiete gerodet werden – zum Beispiel im Dannenröder Forst, einem rund 250 Jahre alten Mischwald in Hessen. 85 Hektar Waldfläche soll dort für den Weiterbau der Autobahnstrecke A 49 gerodet und mit Asphalt versiegelt werden. Sieht so Klimaschutz aus?

Im Oktober 2019 wurde der Wald aus Protest gegen die Rodungen von Umweltaktivistinnen und -aktivisten besetzt. Dabei kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, doch die Besetzenden bleiben standhaft.

Solche Proteste sind nicht der einzige Weg, sich dem Waldsterben entgegenzusetzen. Auch im Alltag machen schon kleine Veränderungen große Unterschiede. Beispielsweise nur Papier zu verwenden, wenn es wirklich nötig ist und dabei auf das Siegel "Der Blaue Engel" vom Umweltbundesamt zu achten, nachhaltige und recycelbare Verpackungen zu nutzen und Müll zu trennen, sind erste Schritte in die richtige Richtung.

"Man kann nicht die Atmosphäre schützen, indem man die Biosphäre zerstört."
Klimaaktivistin Luisa Neubauer beim Nationalen Waldgipfel 2021

Auch beim Kauf von Möbeln und anderen Holzprodukten kann man den Wäldern etwas Gutes tun, indem man langlebige Produkte kauft, die das Siegel von Naturland tragen oder FSC-zertifiziert sind.

Was immer hilft, ist gesellschaftliches und politisches Engagement. Sich weiterzubilden, das Wissen weiterzutragen und sich an Demonstrationen, Info-Veranstaltungen oder Diskussionen zu beteiligen, bringt die Gesellschaft voran und schafft Aufmerksamkeit für die Themen, die sie brauchen. In diesem Fall: die kranken deutschen Wälder. Umso besser, dass der nationale Waldgipfel kostenlos für alle online verfügbar ist – ihr seid nur einen Klick vom Livestream entfernt.

Spannende Diskussionen und prominente Gäste

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sprach die Begrüßungsworte. Sie befürwortete neue Förderanreize, um die Wälder mit Blick auf den Klimawandel widerstandsfähiger zu machen. Schulze warb in ihrer Rede laut der Wochenzeitung Die Zeit für das Ziel der Biodiversitätsstrategie, die fünf Prozent der Waldfläche in Deutschland einer natürlichen Entwicklung überlassen will: "Der Wald muss umgebaut werden oder die Möglichkeit haben, sich selber umzubauen."

Der Grünen-Bundesvorsitzende Habeck schlug in seiner anschließenden Keynote sogar einen "Waldzukunftsfond" vor und forderte eine Reduzierung der Ressource Wald sowie eine "geschlossene Kaskadennutzung". Somit solle verhindert werden, dass Holz weiter für Wegwerfprodukte wie Papier verwendet wird.

"Der Wald ist immer der Prügelknabe: Wenn irgendetwas gebraucht wird, wird immer der Wald genutzt."
Förster Peter Wohlleben beim Internationalen Waldgipfel 2021

Der Förster Peter Wohlleben sagte in der Diskussion mit Luisa Neubauer auf dem Waldgipfel: "Wir werden in den nächsten Jahren 10 Prozent der Waldfläche verlieren." Denn egal, ob es um Fläche für Windräder oder Wasserkraft geht – es werde immer der Wald beansprucht: "Der Wald ist immer der Prügelknabe: Wenn irgendetwas gebraucht wird, wird immer der Wald genutzt." Auch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer ist sich sicher: "Man kann nicht die Atmosphäre schützen, indem man die Biosphäre zerstört. Die Welt wird behandelt als sei es ein renovierungsbedürftiges Wohnhaus, in dem man rumhämmert, ohne dass es Konsequenzen gibt."

Beide Panel-Teilnehmer fordern eine andere Klima-Politik: "Egal wie wir wirtschaften, wir werden große Waldflächen verlieren in Deutschland. Wiederaufforstungsbemühungen scheitern oft wegen Austrocknung der Böden. Wir brauchen eine andere Behandlung der Wälder – im Moment laufen wir in eine Heißfalle für den Wald rein. Wir müssen jetzt erstmal dringend auf die Bremse treten und überlegen", so Peter Wohlleben zum Abschluss der Diskussion.

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