Könnten Kurzstreckenflüge bald der Vergangenheit angehören? Mobilitätsexperte Andreas Knie hofft es. (Symbolbild)
Könnten Kurzstreckenflüge bald der Vergangenheit angehören? Mobilitätsexperte Andreas Knie hofft es. (Symbolbild)
Bild: iStockphoto / Chalabala
Nachhaltig

Debatte um Aus der Kurzstreckenflüge: Wie realistisch ist das Vorhaben – und wie nachhaltig?

23.05.2021, 10:0527.05.2021, 10:00

Von Stuttgart nach Mailand, von Berlin nach Amsterdam – solche Strecken werden möglicherweise schon in naher Zukunft nicht mehr mit dem Flugzeug zurückgelegt werden können. Auch innerhalb von Deutschland zu einem Meeting, in den Urlaub, oder zu Verwandten zu fliegen, kann bald der Vergangenheit angehören. Das zumindest hofft die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Doch wie realistisch ist dieser Traum?

Gegenüber der "Bild am Sonntag" sagte Baerbock vergangenen Sonntag, dass es Kurzstreckenflüge perspektivisch nicht mehr geben solle. Der Grund dafür sei die enorme Umweltbelastung, die von den kurzen Flügen ausgehe. Stattdessen fordert Baerbock, das Bahnnetzwerk solle so stark ausgebaut werden, dass Kurzstreckenflüge überflüssig wären, wie sie nach heftiger Kritik am Montag in Berlin verkündete.

Flugreisen belasten das Klima doppelt

Dass Fliegen nicht gut fürs Klima ist, dürfte jedem klar sein. Nicht nur enorme Mengen CO2 werden dabei ausgestoßen, auch Stoffe wie Stick­oxide, Aerosole und Wasser­dampf, welche bei der Verbrennung des Flugzeugtreibstoff Kerosin ent­stehen, tragen wesentlich zur Erder­wärmung bei. Das Umweltbundesamt macht zudem darauf aufmerksam, dass sich die aus­gestoßenen Stoffe in großer Höhe stärker auf den Treibhaus­effekt auswirken, als wenn sie auf dem Boden frei­gesetzt werden.

"Aus Klimaschutz-Gründen, aber auch aus ökonomischer Sicht kann man locker aufs Fliegen verzichten."

Gerade bei kürzeren Strecken ist eine Bahnfahrt aus ökologischer Sicht also deutlich von Vorteil: Der Flug von Berlin nach Stuttgart verursacht beispielsweise 110 Kilogramm CO2, die Bahnfahrt weniger als 22 Kilo. Vergleichen lassen sich die Ökobilanzen der verschiedenen Reisemethoden zum Beispiel mit dem Rechner von EcoPassenger. Trotzdem wird jedes Mal heftig debattiert, sobald ein Verbot von Kurzstreckenflügen aufgeworfen wird.

Andreas Knie, Verkehrsexperte am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB), versteht diesen Unmut nicht – im Gegenteil. Gegenüber watson spricht er sich klar für ein Verbot der Kurzstreckenflüge aus: "Wir brauchen keine innerdeutschen Flüge. Aus Klimaschutz-Gründen, aber auch aus ökonomischer Sicht kann man locker aufs Fliegen verzichten. Deshalb wäre es gut, wenn man ein einheitliches Verbot einführen würde."

Andreas Knie, Verkehrsexperte am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB).
Andreas Knie, Verkehrsexperte am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB).
Bild: dpa / Philipp Brandstädter

"Jedes Gramm CO2, das nicht ausgeschieden wird, zählt"

Bei innerdeutschen Flügen entstehen Berechnungen des Umweltbundesamts zufolge etwa 2,5 Millionen Tonnen Treibhausgase im Jahr. Das sind sieben Prozent der Treibhausgase, die durch den gesamten Flugverkehr von Deutschland aus entstehen. Manch Kritiker argumentiert, dass es wegen dieses kleinen Anteils nicht nötig sei, ein Verbot auf den Weg zu bringen. Mobilitätsexperte Knie ist da anderer Meinung: "Kurzstreckenflüge zu streichen, lohnt sich auf jeden Fall. Denn jedes Gramm CO2, das nicht ausgeschieden wird, zählt."

Die Ambitionen der Grünen-Kanzlerkandidatin schätzt Andreas Knie nicht als Teil einer Symbolpolitik, sondern als "sehr realistisch" ein. Dass Kurzstreckenflüge zu Spottpreisen verscherbelt werden, weist seiner Einschätzung nach auf ein extremes Ungleichgewicht hin. Denn es ist keine Seltenheit, dass ein Flug von Berlin nach Köln günstiger ist als eine Bahnfahrt – das darf dem Experten zufolge nicht sein. Damit Kurzstreckenflüge nicht mehr gebraucht werden, müssten das Bahnnetz ausgebaut und die Preise gesenkt werden.

Ökonomin Claudia Kemfert kritisiert "Vernebelungstaktik"

Dem stimmt auch die Ökonomin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Claudia Kemfert, zu. Gegenüber watson spricht sie sich für klare Handlungsschritte und mehr Ehrlichkeit in der Politik aus:

"Zum Pariser Klimaabkommen zu stehen, die Emissionen auf null zu senken in den kommenden 15 Jahren und das CO2-Budget zu akzeptieren, ohne Maßnahmen zu nennen, ist nicht zielführend. Derartige Vernebelungstaktik hat im letzten Jahrzehnt dazu geführt, dass wir nicht weit genug gekommen sind beim Klimaschutz."

Deswegen befürwortet sie die Abschaffung der Kurzstreckenflüge bei gleichzeitigem Ausbau des Schnellzugverkehrs.

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, DIW.
Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, DIW.
Bild: imago images / Reiner Zensen

Forderung nach klimagerechter Besteuerung von Kerosin

Die Dumpingpreise der Billigflieger wie zum Beispiel Ryanair stehen schon lange in der Kritik, weil sie zu klimaschädlichen Entscheidungen verleiten. Grund dafür ist unter anderem eine Misslage in der Besteuerung des Flugzeugtreibstoffs Kerosin. Baerbock hält es daher für unfair, dass mit Steuergeldern das Kerosin für Flugzeuge subventioniert werde, Bahnfahrten dagegen teuer seien. In der "Bild am Sonntag" sagte sie: "Eine klimagerechte Besteuerung von Flügen würde solche Dumpingpreise stoppen."

Experte Andreas Knie teilt diese Meinung: "Das, was wir im Moment an Flugpreisen haben, ist skandalös. Im internationalen Flugverkehr gibt es noch nicht mal eine Mehrwertsteuer, Kerosinsteuer ebenso nicht, weder im Inland noch im Ausland." Doch wie kann dieses Problem gelöst werden? Knie hat schon einige Vorschläge:

"Für den Klimaschutz müssen wir Inlandflüge komplett verbieten, da führt kein Weg dran vorbei. Alles andere müssen wir versuchen, zu ersetzen. Da sind die internationalen Gremien gefordert. Notwendige Schritte wären beispielsweise die Einführung von Mehrwert- und CO2-Steuer, die relevant auf den Preis schlagen. Mal schnell übers Wochenende nach Barcelona zu fliegen, davon können wir uns verabschieden."

Claudia Kemfert ist der gleichen Ansicht: "Wir brauchen dringend Kostenwahrheit: Die Umwelt- und Klimaschäden müssen eingepreist werden. So ist es widersinnig, dass man Kerosin nicht besteuert, dafür aber die Bahn mit Steuern und Abgaben überhäuft. Dieses Verhältnis muss umgedreht werden!"

Klimafreundliches Reisen für alle – aber wie?

Die Kurzstreckenflüge, die momentan in der Debatte stehen, sind nicht nur Inlandsflüge, sondern auch Reiseziele wie Stockholm oder Bukarest liegen noch innerhalb des 1500-Kilometer-Radius, der in der Fluggastrecht-Verordnung der EU als "Kurzstreckenflug" definiert wurde. Diese Städte von Deutschland aus mit Bus und Bahn zu erreichen, dauert extrem lange. Ist Fliegen da nicht weiterhin die beste – oder sogar einzige – Option?

Andreas Knie meint: "Geflogen wird sicherlich weiterhin, aber es sollte nur interkontinental sein." Wenn es unumgänglich ist, eine Flugreise zu unternehmen, dann nur zu klimagerechten Preisen: "Günstige Flüge müssen nicht angeboten werden, denn es fliegen ausschließlich Menschen mit einem mittleren oder hohen Einkommen. 66 Prozent der Deutschen fliegen überhaupt nicht. Ein Kurzstreckenverbot träfe also nur reichere Menschen und sie sind es, die zur Verantwortung gezogen werden sollten, weil sie massiv CO2 verursachen."

Die Bahn dagegen, die auch von Menschen mit niedrigerem Einkommen genutzt wird, ist preislich an einem Limit angekommen, so der Experte. Um günstigere Konditionen anbieten zu können, schlägt Knie beispielsweise die Befreiung von der Mehrwertsteuer vor.

Die Zukunft des Luftverkehrs

Politiker wie Unionsfraktionsvize Ulrich Lange von der CSU sind der Ansicht, dass ein Verbot von Kurzstreckenflügen sowie Preiserhöhungen der falsche Ansatz seien. Stattdessen soll die Dekarbonisierung des Luftverkehrs mit der Nutzung CO2-armer Treibstoffe vorangetrieben werden. Dieses Vorhaben schätzt Experte Knie als wenig gewinnbringend ein: "Der letzte technische Fortschritt in der Luftverkehrsindustrie ist lange her. Wenn wir jetzt über batteriebetriebene Flugzeuge oder synthetische Kraftstoffe nachdenken, sind wir zu spät dran. Das hätten wir vor zehn oder zwanzig Jahren tun sollen."

Nach klimafreundlicheren Flugoptionen und -Kraftstoffen zu forschen, sei unverzichtbar – unabhängig davon, ob ein Verbot der Kurzstreckenflüge eingeführt werde. Die höhere Bepreisung von Flugreisen sei jedoch notwendig, um das Klima zu schonen, so der Experte. Für die Zukunft des Luftverkehrs findet Knie klare Worte: "Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie unser Wunsch, zu fliegen, mit dem Klima vereinbar ist. Und bis wir keine Lösung gefunden haben, sollten wir auf der Erde bleiben."

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