Nachhaltigkeit
Foto Manuel Geisser 31.10.2020 Rinder auf einer Weide Thurgau *** Photo Manuel Geisser 31 10 2020 Cattle on a pasture Thurgau PUBLICATIONxNOTxINxSUI

"Wenn jemand Milch für 69 Cent konsumiert, dann kann er nicht erwarten, dass die Kuh, die sie produziert, auf der Weide liegt", sagt ein Milchbauer gegenüber dem ZDF. Bild: www.imago-images.de / MANUEL GEISSER

Tierwohl, Regionalität, fairer Lohn: Entlarvendes Experiment zeigt, wie viel uns gute Milch wert ist

In den Kaffee und ins Müsli kommt Milch, und die kommt von der glücklichen Kuh auf der grünen Weide – dass dieses Klischee nicht zutrifft, dürfte inzwischen den meisten von uns klar sein. Trotzdem greifen im Supermarkt immer noch viele zur günstigsten Kuhmilch. Und das hat Konsequenzen. "Wenn jemand Milch für 69 Cent konsumiert, dann kann er nicht erwarten, dass die Kuh, die sie produziert, auf der Weide liegt", sagt Frank Lenz in der ZDF-Doku "Plan B", die am Samstag ausgestrahlt wird und schon jetzt in der Mediathek abrufbar ist.

Der Milchbauer aus Sachsen-Anhalt kämpft wie viele andere mit den seit Jahren niedrigen Preisen, die Molkereien und Supermarktketten drücken. "Worauf wir Bauern getrimmt sind, ist Kosteneffizienz und Produktionssteigerung. Das können wir perfekt, weil wir unheimlich unter ökonomischem Druck stehen", so Lenz. Überleben kann er nur dank EU-Subventionen, so wie viele Landwirte. Denn momentan gibt es für einen Liter Milch gerade mal 31 Cent. Fair wären 47 Cent, sagt die Gemeinschaft der Milcherzeuger.

Die Folge: Die Bauern sparen am Platz und Futter für die Kühe, der Ausflug auf die Weide wird gestrichen. Und: Auf konventionellen Höfen müssen die Kühe jedes Jahr kalben und ihr Kalb direkt wieder abgeben – um die Milch für unser Müsli zu produzieren. Lenz, der Mutterkuh und Kalb zumindest für zwei Wochen beieinander lässt, rechnet vor, dass das Kalb in dieser Zeit 380 Liter Milch trinkt. Milch, die er nicht verkaufen kann. Viele Großbetriebe schreiten deshalb lieber früher ein.

Aber muss das sein? Für Verbraucher sind Faktoren wie Tierwohl, Klimaschutz und faire Löhne zunehmend wichtig, immer mehr steigen deshalb auf pflanzliche Alternativen um, auf Milch aus Hafer, Soja oder Kokos. Die haben eine deutlich bessere Klimabilanz als die Kuhmilch, schließlich stoßen die Wiederkäuer bei der Verdauung eine Menge Methan aus – und das ist weit klimaschädlicher als CO2.

Ein Experiment zeigte ein drastisches Ergebnis

Doch zumindest in Sachen Tierwohl ließe sich eine Menge verbessern – sofern die Verbraucher bereit sind, mehr für ihre Milch zu bezahlen. Um herauszufinden, ob das klappen kann, hat die Initiative "Du bist hier der Chef" Anfang des Jahres eine Online-Umfrage gestartet. Verbraucher konnten entscheiden, was ihnen bei der Milchproduktion wichtig ist, der Preis der Milch steigt entsprechend. Zu einem Grundpreis von 73 Cent kamen beispielsweise 5 Cent dazu, wenn die Kuh frisches Gras und regionales Futter bekommen soll, 36 Cent für die Einhaltung des Biostandards, 1 Cent für eine nachhaltige Verpackung oder 20 Cent, wenn der Bauer einen fairen Lohn für seine Arbeit erhalten soll. Am Ende standen 1,45 Euro auf dem Preisschild. Eine drastische Steigerung also.

Sind die Verbraucher bereit, das für eine faire, biologische und transparente Milch zu bezahlen? Die Antwort dieses Experimentes lautet: Ja. Nach einem Testlauf im Sommer gibt es die Milch der Initiative seit kurzem in 750 Supermarktfilialen in ganz Deutschland zu kaufen, berichtet Plan B. "Die Milch ist so gut angelaufen, dass die Chance, dass sie sich langfristig durchsetzt, sehr, sehr gut ist", resümierte Dirk Heim, Leiter Nachhaltigkeit bei Rewe, nach dem ersten Test. "Ich würde mir wünschen, dass es noch mehr Produkte gibt, die nach einer ähnlichen Systematik laufen, von Kunden für Kunden."

Tatsächlich läuft derzeit eine ähnliche Umfrage für fair produzierte Eier. Und in Frankreich, von wo die Initiative stammt, gibt es schon 22 solcher Produkte. 3000 Landwirte erhalten dort bereits einen fairen Preis für ihre Milch.

Auch einen Weg, wie Kuhmilch zumindest ein bisschen klimafreundlicher werden kann, zeigt die Dokumentation auf: Ein irischer Bauer aus Cork etwa füttert seinen Kühen nur Gras und Klee statt in Südamerika angebautes Soja, dadurch halbiere sich der CO2-Ausstoß auf 1,18 Kilogramm pro Liter Milch, heißt es. Und neue Untersuchungen zeigen, dass dem Futter beigemischte Algen den Methanausstoß um 58 Prozent verringern können.

(ftk)

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