Nachhaltigkeit
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Wald statt Asphalt: Der zivile Ungehorsam richtet sich bei dieser Protestwelle gezielt gegen das Abholzen der Wälder. null / watson

watson live dabei

Wald statt Asphalt: Extinction Rebellion startet neue Protestwelle

Das Kreischen von Kettensägen übertönt dramatische Opernarien, abgestorbene Bäume mit welken Blättern wandeln zwischen schwarz gekleideten Trauergästen umher. "Wald statt Asphalt", ist auf Plakaten zu lesen, "Aufwachen oder Aussterben", "Wir trauern um zerstörte Wälder" oder: "Nicht besser als Bolsonaro". So sieht er aus, der Zug der toten Bäume. Mit ihm und reichlich Pathos haben Aktivistinnen und Aktivisten der Klimaschutzorganisation Extinction Rebellion am Morgen vor dem Landwirtschaftsministerium in Berlin gegen die Abholzung der Wälder protestiert.

Ein ganzer Anhänger voller ausgetrockneter, abgestorbener Zweige, befestigt an den grünen Regenjacken und Mützen der Aktivisten, und Trauerflor von Kopf bis Fuß markieren den Auftakt einer neuen Protestwelle des zivilen Ungehorsams in Berlin. Was genau in den kommenden Tage ansteht? Das verraten die Aktivisten nicht. Aber: "Es wird eine ganz neue Aktionsform vor einer Lobbyeinrichtung geben", sagt Extinction-Rebellion-Sprecher Tino Pfaff zu watson.

Beim aktuellen Protest steht der Dannenröder Wald im Vordergrund

Während bei der letzten Protestwelle im Juni noch dezentral und teilweise online protestiert wurde, sind die Aktivsten nun zurück auf der Straße. "Wir haben uns hier versammelt, weil wir um den Wald trauern", sagt Extinction-Rebellion-Aktivistin Manon Gerhardt zu Beginn der Kundgebung. "Wälder auf der ganzen Welt werden zerstört und brennen für kurzfristige Profitinteressen." Laut Thünen-Institut werden sieben Prozent des CO2-Ausstoßes in Deutschland durch Wälder kompensiert – allerdings natürlich nur so lange diese nicht abgeholzt werden.

Obwohl darauf aufmerksam gemacht wird, dass auf der ganzen Welt Wälder gerodet werden, steht einer von ihnen bei diesem Protest ganz besonders im Vordergrund: der Dannenröder Wald. Teile des 300 Jahre alten Mischwalds in Hessen sollen für den Bau einer neuen Autobahn weichen. In der vergangenen Woche fielen die ersten Bäume – der Protest von rund 5000 Aktivistinnen und Aktivisten am Wochenende führte dazu, dass die Rodungsarbeiten vorübergehend ausgesetzt wurden.

Stopp sämtlicher Flughafen- und Autobahnbauprojekte

Extinction Rebellion will mit der einwöchigen Protestwelle in Berlin aber weit mehr erreichen als den Rodungsstopp im Dannenröder Wald. Sie fordern vom Verkehrsministerium darüber hinaus einen sofortigen Stopp des Aus- und Neubaus von sämtlichen Flughafen-, Autobahn- und Bundesstraßenprojekten. Zukünftige Bauprojekte und Subventionen sollten nur genehmigt werden, wenn diese Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor senken und keine ökologische Zerstörung verursachen.

Am frühen Morgen hatten rund 80 Aktivisten deshalb schon die Eingänge des Verkehrsministeriums blockiert. "Trotz der Klimakatastrophe und dem Zusammenbruch unserer Wälder unterstützt das Verkehrsministerium unter Andreas Scheuer die Rodung eines gesunden Mischwaldes für den Bau einer weiteren Autobahn, obwohl wir genau jetzt die Verkehrswende brauchen", so XR-Sprecherin Lisa Poettinger.

Zerstörung der Natur soll strafbar werden

Auf der Marschallbrücke angekommen verstummen Trommeln und Musik, die den Zug der toten Bäume auf seinem Weg zum Wirtschaftsministerium begleitet haben, plötzlich ist es totenstill. Die Aktivisten lassen die dürren Zweige in ihren Händen fallen und stürzen zu Boden – das sogenannte Die-in symbolisiert das Sterben des Waldes. Nur demonstrieren, das reicht den Aktivisten von Extinction Rebellion allerdings nicht.

"Seit 30, 40 Jahren gibt es Proteste zu dem Thema, Fridays for Future hat es zurück auf die Straße gebracht", sagt Tino Pfaff. "Das ist sehr wichtig. Aber die Regierung handelt nicht danach. Wir haben ein Kohleeinstiegsgesetz erhalten, und im Zuge des Corona-Konjunkturprogramms haben Lufthansa und andere Konzerne bedingungslos Gelder bekommen." Extinction Rebellion fordert deshalb ein Ökozidgesetz. "Wir fordern, dass Konzernchefs künftig für die Zerstörung der Natur verurteilt werden können."

Die Vernetzung mit anderen Bündnissen habe seit der Corona-Pandemie zugenommen, sagt Pfaff. Doch vielen ist der Protest von Extinction Rebellion zu radikal. "Es sind noch nicht viele NGOs mit uns auf der Straße, weil wir gezielt auf zivilen Ungehorsam gehen", sagt Pfaff. "Aber die Vernetzung läuft, wir haben uns mit dem Gesundheitssektor solidarisiert und mit dem ÖPNV. Der ökologische Wandel kann nur gemeinsam mit einem sozialen Wandel funktionieren."

Zentrale Forderung: Eine Bürgerversammlung

Kritisiert werden die Aktivisten von Extinction Rebellion immer wieder, weil sie radikale Forderungen haben – aber keine konkreten Vorschläge, wie diese umgesetzt werden können. Diesen Anspruch haben die Rebellen aber auch gar nicht. "Wir fordern eine sofortige Verkehrs- und Agrarwende", so Manon Gerhardt bei der Auftaktkundgebung. "Aber weil wir nicht genau wissen, wie das geht, fordern wir eine Bürger- und Bürgerinnenversammlung." Zudem, so die zentralen Ziele von Extinction Rebellion, soll Deutschland schon bis 2025 klimaneutral sein und der Klimanotstand ausgerufen werden.

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Magdalena trauert um den "Danni" – und wünscht sich eine Politik, die ein Leben noch nach 2050 möglich macht. bild: watson

Die Bürgerversammlung ist auch für Demonstrantin Ursel – von Kopf bis Fuß in Grün gehüllt und aus Hamburg angereist – die wichtigste Forderung der Bewegung. "Wir sind die, die Steuern zahlen", sagt sie – Bürgerinnen und Bürger müssten deshalb ausgelost und zusammen mit Expertinnen und Experten in der Versammlung die Politik mitbestimmen und Maßnahmen gegen die ökologische Krise ausarbeiten. "Die Politik ist dem Gemeinwohl verpflichtet", sagt sie.

Magdalena aus Jena dagegen trägt schwarz statt grün. Mit Spitzentuch vor dem Gesicht und Zylinder auf dem Kopf ist sie Teil des Trauermarsches für den Wald. In Ihrer Hand: Schwarz umrahmte Fotos der Baumhäuser im Dannenröder Forst. Experten würden schon für das Jahr 2100 einen Klimakollaps vorhersagen, sagt sie: "Es ist mir wichtig, auf der Straße zu zeigen, dass Handlungsbedarf besteht – und das würde ich mir von allen Menschen in dieser Gesellschaft wünschen."

Ziviler Ungehorsam könne dabei ein stützendes Standbein der Demokratie sein. "Wir wollen die Politikerinnen und Politiker auffordern, sich endlich unserer Zukunft anzunehmen, anstatt nur eine wirtschaftsnahe Politik zu betreiben und dem Lobbyismus zu folgen", sagt Magdalena. "Wir hätten gerne eine Zukunft nach 2050. So alt sind wir noch nicht – wir würden gerne irgendwann noch Kinder in die Welt setzen, die auf dieser glücklich leben können."

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