11.07.2021, Gro

Gareth Southgate (r.) tröstet Jadon Sancho nach dessen verschossenem Elfmeter im EM-Finale. Bild: dpa / Nick Potts

Elfmeter-Forscher: "Spieler, die treffen müssen, um nicht zu verlieren, verwandeln nur 62 Prozent ihrer Elfmeter, während Elfmeter, die direkt zum Sieg führen, zu 92 Prozent im Tor landen"

Nikolai Stübner
Nikolai Stübner

England und Elfmeterschießen. Das passt einfach nicht zusammen. So geht das gängige Klischee und auch beim EM-Finale haben die "Three Lions" wieder gezeigt, warum dieses Klischee entstanden ist. Insgesamt drei Schützen vergaben und ließen England nach dem verlorenen Finale (2:3 n.E.) tieftraurig zurück.

Und das, obwohl schon vor einigen Tagen an die Öffentlichkeit kam, dass die Engländer seit September 2020 regelmäßig Elfmeterschießen übten. Vor dem Achtelfinale gegen Deutschland (2:0) hatte Liverpool-Spieler Jordan Henderson sogar verraten: "Wir üben Elfmeter in jedem Training." Gebracht hat es am Ende nichts. Dabei haben die Engländer gegen die Italiener vom Punkt nicht viel falsch gemacht. Zumindest, wenn man die Forschungsergebnisse von Professor Geir Jordet betrachtet.

Jordet ist Professor an der "Norwegian School of Sport Sciences" in Oslo. Dort forscht und lehrt er unter anderem Sport-Psychologie. Einer seiner Schwerpunkte: Leistung in enormen Druck-Situationen. Hierfür hat er mehrere Studien zum Thema Elfmeterschießen angefertigt. Unter anderem untersuchte er sämtliche Elfmeterschießen seit 1976 bei allen Weltmeister- und Europameisterschaften sowie in der Champions League.

"Die Elfmeterschützen waren meine Entscheidung, das machen nicht die Spieler."

England-Trainer Gareth Southgate über die Auswahl der Schützen beim Elfmeterschießen

Schaut man sich die Auswertungen an, die Jordet auszugsweise auf Twitter teilte, könnte man zu dem Schluss kommen, dass England-Trainer Gareth Southgate gar nicht viel falsch gemacht hat. Nach dem Spiel hatte Southgate seine Spieler in Schutz genommen und gesagt: "Die Elfmeterschützen waren meine Entscheidung, das machen nicht die Spieler."

Junge Schützen treffen besser

Einige Ergebnisse von Jordet legen nahe: Ein Spieler verschießt eher, wenn er müde ist, viel gespielt hat und älter als 23 Jahre alt ist. Southgate aber wechselte eine Minute vor dem Elfmeterschießen noch Jadon Sancho und Marcus Rashford ein. Beide haben also nur wenige Sekunden gespielt und sind mit 21 und 23 Jahren noch genau alt genug. Auffällig: Beide spielten bei der EM nur eine Nebenrolle. Rashford kam nur auf fünf Joker-Einsätze mit insgesamt 83 Minuten Spielzeit, Sancho spielte einmal durch und wurde zweimal eingewechselt. Er stand insgesamt 97 Minuten auf dem Platz. Gleichzeitig war der Druck für beide enorm hoch. Dazu schreibt Jordet: "Spieler, die in der 119. Minute reinkommen, um Elfmeter zu schießen, werden mehr Druck verspüren, egal ob alt oder jung. Für Spieler mit wenig Turnier-Spielzeit, wird der Druck sogar noch höher sein."

Jadon Sancho (M.) und Marcus Rashford (r.) wurden von Trainer Gareth Southgate für das Elfmeterschießen eingewechselt

Gareth Southgate mit den Jadon Sancho (M.) und Marcus Rashford (r.), die beide in der 119. Minute eingewechselt wurden Bild: www.imago-images.de / Nick Potts

Kurios: Die Ergebnisse von Jordet ergaben, dass der Abstand zwischen dem Pfiff des Schiedsrichters und der Ausführung ebenfalls entscheidend ist, ob der Schütze trifft oder verschießt. Dabei ist die Trefferquote am schlechtesten, wenn der Schütze unter 0,2 Sekunden nach dem Schiedsrichter-Pfiff zum Schuss anläuft. In nur 57,4 Prozent der Fälle geht der Ball dann rein. Lässt sich der Schütze 1,1 Sekunden und mehr Zeit, zappelt die Kugel in 81,1 Prozent der Schüsse im Tor.

Und wie lief das beim Elfmeterschießen im Finale? Alle zehn Schützen ließen sich verhältnismäßig viel Zeit. Leonardo Bonucci reagierte in unter einer Sekunde auf den Pfiff und verwandelte. Rashford hingegen ließ mehr als zwölf Sekunden verstreichen, ehe er zum Schuss anlief – und vergab.

Prof. Geir Jordet

Prof. Geir Jordet forschte fünf Jahre und untersuchte sämtliche Elfmeterschießen seit 1976 Bild: Norwegian School of Sport Sciences / Norwegian School of Sport Sciences

Das Klischee, nachdem England keine Elfmeterschießen kann, ist laut Jordet teilweise auch historisch begründet. Auf Twitter schreibt er: "Die Geister der Vergangenheit spielen auch in der Leistung von heute eine Rolle. Wenn dein Team in vorhergehenden Elfmeterschießen verloren hat, ist es wahrscheinlicher, dass du auch verschießt. Wenn dein Team vorher gewonnen hat, ist es wahrscheinlicher, dass du triffst." Das Besondere: Diese Tendenz ist auch valide, wenn Spieler in vorhergehenden Entscheidungen vom Punkt gar nicht involviert waren. England hatte vor dem Finale von insgesamt neun Elfmeterschießen nur drei gewonnen.

Superstars versagen öfter

Spannend sind auch die Ergebnisse, die Jordet zu den Trefferquoten von absoluten Top-Stars liefert. Jordet erklärt: "Nachdem Spieler eine prestigeträchtige Auszeichnung erhalten haben, verwandeln sie nur noch 65 Prozent ihrer Strafstöße. Vor dem Erhalt haben sie durchschnittlich 89 Prozent verwandelt. Der neue Status erhöht den Druck noch einmal."

Bestes Beispiel dafür ist bei der aktuellen EM Kylian Mbappé. Der extrem gehypt wird und in der vergangenen Spielzeit Torschützenkönig in der Ligue 1 wurde. Er vergab im Achtelfinale – bei einer Reaktionszeit nach dem Schiedsrichterpfiff von 0,2 Sekunden. In doppelter Hinsicht also suboptimal.

Stürmer verwandeln öfter als Verteidiger

Auch die Positionen der Schützen haben unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten. Ein Stürmer trifft laut Jordet in 80 Prozent der Fälle, während ein Mittelfeldspieler nur in 73 Prozent jubeln kann. Verteidiger haben mit 68 Prozent die schlechteste Quote. Im Finale schossen bei England vier klare Offensivspieler und mit Harry Maguire ein Verteidiger. Die italienischen Schützen waren mit drei Angreifern, Jorginho als Mittelfeldspieler und Leonardo Bonucci als Verteidiger nur minimal "defensiver" aufgestellt.

Keine große Überraschung, aber dennoch erstaunlich: Es war wahrscheinlich, dass Bukayo Saka seinen Elfmeter am Ende verschießt. Er musste unbedingt treffen, damit England nicht verliert. Jordet auf Twitter: "Spieler, die treffen müssen, um nicht zu verlieren, verwandeln nur 62 Prozent ihrer Elfmeter, während Elfmeter, die direkt zum Sieg führen, zu 92 Prozent im Tor landen."

Alles in allem scheint Southgate also gar nicht zu viele falsch Entscheidungen getroffen zu haben, was seine Elfmeterschützen angeht. Am Ende gibt es aber nun einmal immer Ausnahmen einer Regel und auch all die Forschungsergebnisse spiegeln nur Wahrscheinlichkeiten wider, von denen es bei einzelnen Elfmeterschießen natürlich Abweichungen geben kann.

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