Die deutsche Handball-Nationalmannschaft während des EM-Spiels gegen Spanien
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft während des EM-Spiels gegen Spanien.Bild: www.imago-images.de / //
Analyse

"Müssen internationale Großturniere wirklich stattfinden?" Wie Bundesliga-Klubs auf die Corona-Situation bei der Handball-EM blicken

21.01.2022, 23:4922.01.2022, 12:54

Zwölf Corona-Fälle waren gegen Titelverteidiger Spanien (23:29) und Mitfavorit Norwegen (23:28) dann doch zu viel für die geschwächte deutsche Handball Nationalmannschaft. Ein Aus in der Hauptrunde droht. Das DHB-Team spielt noch gegen Schweden (Sonntag) und Russland (Dienstag), muss beide Spiele gewinnen und auf Schützenhilfe hoffen.

Und dennoch scheint es gute Nachrichten rund um das Team von Trainer Alfreð Gíslason zu geben: Es gab keine weiteren Corona-Fälle bei den Spielern seit Mittwoch. Damit scheint auch ein vorzeitiger Rückzug aus dem Turnier vom Tisch. Die Spieler und Betreuer werden wohl weiter in Bratislava bleiben.

Bundesliga-Klubs stehen hinter Entscheidung

Aber wie stehen die Handball-Bundesligisten zu dieser Entscheidung? Aktuell klagen die infizierten Spieler nur über milde Symptome. Bei Langzeitfolgen wären aber auch die Vereine betroffen, denn schließlich geht am 9. Februar die Bundesligasaison weiter.

Marc-Henrik Schmedt, Geschäftsführer des SC Magdeburg, erklärt gegenüber watson: "Ich war in den Entschluss, dort zu bleiben, informiert, aber nicht involviert. Ich kann es aus der Entfernung schwer bewerten, bin mir aber zu einhundert Prozent sicher, dass der DHB alle nötigen Schutzmaßnahmen getroffen hat." Anschließend fügt er an: "Ich bin froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen musste."

Magdeburg-Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt.
Marc-Henrik Schmedt ist seit 2010 Geschäftsführer in Magdeburg. Bild: www.imago-images.de / Christian Schroedter

Verständnis für den DHB gibt es auch aus Leipzig. Karsten Günther, Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig, machte sich in der Vorrunde in Bratislava selbst ein Bild und erklärt gegenüber watson: "Wir waren selbst für die drei Vorrundenspiele vor Ort und haben gesehen, dass das Konzept des EHF große Lücken aufweist. Wir haben aber auch gesehen, dass der DHB die Lücken möglichst schließt, um ein starkes Hygienekonzept aufzubauen. Die Spieler sind durch tägliche Tests maximal geschützt. Außerdem hat der DHB eigens einen Kardiologen, der jeden Spieler durchcheckt, bevor er wieder einsteigt." Er fügt an: "Ich stehe zu einhundert Prozent hinter diesem Entschluss."

Das Vertrauen in den nationalen Verband gibt es auch an anderen Standorten der Bundesliga. Zum Beispiel in Mannheim. Jennifer Kettemann ist dort Geschäftsführerin der Rhein-Neckar Löwen. Auch sie vertraue den DHB-Verantwortlichen, die vor Ort "alles in ihrer Macht Stehende unternehmen für die Gesundheit der Spieler und dafür, dass man eine möglichst schlagkräftige Mannschaft aufs Feld schicken kann."

Auch in Stuttgart wird diese Meinung geteilt. Vom TVB Stuttgart lässt Geschäftsführer Jürgen Schweikardt unter anderem mitteilen, dass er der Meinung der Fachleute vertraue. Wenn sie es als vertretbar halten, "am weiteren Turnierverlauf teilzunehmen, dann ist es auch aus meiner Sicht die richtige Entscheidung".

Schweikardt begründet zudem, weshalb es wichtig sei, dass das DHB-Team weiter in Bratislava auflaufe. "Unser Sport muss präsent bleiben und somit auch die deutsche Nationalmannschaft, das ist sehr wichtig für unsere Sportart."

"Der DHB hat kaum oder keine Möglichkeiten, das Turnier einfach zu beenden, ohne Konsequenzen seitens der EHF befürchten zu müssen."
Axel Geerken, Geschäftsführer der MT Melsungen, gegenüber watson

Axel Geerken hält einen Rückzug des DHB-Teams aus rechtlichen Gründen für unmöglich. Geerken ist Geschäftsführer der MT Melsungen und erklärt gegenüber watson: "Der DHB hat kaum oder keine Möglichkeiten, das Turnier einfach zu beenden, ohne Konsequenzen seitens der EHF befürchten zu müssen."

Verantwortliche betonen freiwillige
Entscheidung der Spieler

Für Schmedt aus Magdeburg sei es ebenfalls wichtig, dass die Spieler mit in die Entscheidung eingebunden seien. Er erzählt: "Ich stehe ja auch in Kontakt mit unseren Spielern Lukas Mertens und Philipp Weber vor Ort. Es war auch der Wille der verbleibenden Spieler, dort zu bleiben."

Kettemann aus Mannheim zeigt ebenfalls Verständnis für die Entscheidung der Spieler und des Trainerstabs "Letztlich bewegen wir uns hier im Leistungssport. Den unbedingten Willen, sich nicht einfach aus dem Turnier zu verabschieden und sich weiter mit den besten Mannschaften Europas messen zu wollen, kann ich absolut nachvollziehen."

Für sie sei es ausschlaggebend, dass "die Spieler und Funktionäre in Einzelzimmern" untergebracht seien, Training "auf freiwilliger Basis oder gar nicht" durchgeführt werde und die medizinische Betreuung auf hohem Niveau sei. Außerdem seien alle Spieler geimpft und geboostert.

Besonders den letzten Punkt betont auch Johannes Bitter. Er steht im Nationalteam im Tor, weil sich die ursprünglich vorgesehenen Torhüter mit Corona infizierten. Außerdem ist Bitter im Vorstand der "Gemeinschaftlichen Organisation für alle Lizenzhandballer in Deutschland" (GOAL). Auf watson-Anfrage teilt der Profi aus Hamburg mit: "Alle Entscheidungen wurden mit den Spielern in Absprache getätigt und die Entscheidung weiterzuspielen steht." Er fügt außerdem an: "Da alle Teammitglieder geimpft/genesen/geboostert sind, sind auch keine schwereren Verläufe zu erwarten."

Johannes Bitter (in gelb) hält beim EM-Spiel gegen Spaniens Ángel Fernández
Johannes Bitter (in gelb) hält beim EM-Spiel gegen Spaniens Ángel Fernández.Bild: www.imago-images.de / Jozo Cabraja

Eine Absage der Europameisterschaft fordert kein Bundesliga-Klub. Dennoch hinterfragt Björn Seipp die generelle Entscheidung, sportliche Veranstaltungen stattfinden zu lassen.

Er ist Geschäftsführer der HSG Wetzlar und sagt gegenüber watson: "Generell finde ich, darf die Frage weiterhin erlaubt sein, ob es in Zeiten einer weltweiten Gesundheitskrise wirklich sein muss, internationale Großturniere stattfinden zu lassen, mit enormem Reiseaufwand und Teilnehmern aus zahlreichen Ländern und mit unterschiedlichen Ausrichtungen in Sachen Corona-Schutzmaßnahmen." Dennoch betont auch Seipp, dass alle Spieler "geimpft sein mussten und großteils sogar geboostert sind". Das erkläre auch die milden Verläufe.

Vereine würden EM-Teilnahme wohl nicht verbieten

Ob dennoch weitere positive Fälle zu erwarten sind, kann niemand wissen. Natürlich hofft der gesamte DHB, dass nun Ruhe ins Infektionsgeschehen einkehrt. Eine absolute Sicherheit gibt es allerdings nicht. Genau deshalb müssen sich die Bundesligisten auch fragen, ob weitere Spieler zur EM reisen dürften, wenn der DHB sie nachnominieren würde, oder ob sie ihnen eine Teilnahme untersagen würden.

Mannheims Jennifer Kettemann gibt eine klare Antwort: "Prinzipiell wäre ich rechtlich dazu gar nicht in der Lage. Ich könnte lediglich davon abraten." Genauso sieht es auch Axel Geerken von der MT Melsungen: "Wir können sicher sensibilisieren, schlussendlich verbieten ist jedoch ebenso nicht ohne weiteres möglich." In dieser Hinsicht scheint sich die Liga einig. Alle würden es den Spielern überlassen, da sie auch die Gefahr einer Infektion für sich selbst abschätzen müssten.

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Mannheims Geschäftsführerin Jennifer KettemannBild: www.imago-images.de / Eibner-Pressefoto

Lediglich Marc-Henrik Schmedt vom SC Magdeburg lässt eine Entscheidung bezüglich einer Nachnominierung ganz offen: "Mit dieser Frage setze ich mich dann auseinander, wenn die Anfrage käme. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das nicht der Fall."

Einig sind sich alle Verantwortlichen der Vereine aber in einem Punkt: "Ich hoffe für alle Betroffenen auf baldige, schnelle Genesung, beziehungsweise einen milden Verlauf", fasst Melsungens Axel Geerken zusammen.

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