Der ehemalige DHB-Kapitän Christian Schwarzer lobt trotz Kritik am Verband die DHB-Spieler.
Der ehemalige DHB-Kapitän Christian Schwarzer lobt trotz Kritik am Verband die DHB-Spieler.Bild: www.imago-images.de / Marco Wolf
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"Große Lücke im Konzept": Ex-DHB-Kapitän Schwarzer kritisiert Verband nach zahlreichen Corona-Fällen bei der EM

20.01.2022, 12:0020.01.2022, 14:43

Noch gibt sich Johannes Golla kämpferisch: "Wir haben in der Mannschaft darüber gesprochen, wie wir das Turnier fortsetzen und zu Ende bringen können. Das ist unser klares Ziel, alles andere war nicht unser Thema", erklärte der Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft in einer Verbandsmitteilung.

Mittlerweile zwölf Corona-Fälle verzeichnete der Deutsche Hanbdall-Bund (DHB) bei der Europameisterschaft in der Slowakei und Ungarn. Und die Zahlen könnten nach Tests am Mittwochabend und Donnerstagmorgen noch weiter steigen. Laut DHB-Vorstandsboss Mark Schober könne man es dennoch verantworten, im Turnier zu bleiben.

Verband und Spieler wollen die "dynamische Lage" stetig neu bewerten, doch ein Rückzug vom Turnier steht zunächst noch nicht zur Debatte. Stattdessen wurden mit Lukas Stutzke, David Schmidt (beide Bergischer HC) und Tobias Reichmann (MT Melsungen) einfach weitere Spieler nachnominiert.

"Man hätte sich wirklich mal Gedanken darüber machen sollen, ob es sinnvoll ist, dieses Turnier überhaupt so zu spielen."
Ex-Handball-Nationalspieler Christian Schwarzer über die Corona-Infektionen bei der EM

Eine Praxis, die für Ex-Nationalspieler Christian Schwarzer zumindest bedenklich ist. "Die Frage ist, wie sinnvoll es ist, ein Turnier mit 16 Spielern anzufangen und am Ende stehen 16 ganz andere Spieler auf dem Feld", sagte er im Gespräch mit watson. Dadurch würde der sportliche Wert des kompletten Turniers geschmälert werden.

"Das muss man hinterfragen, wenn am Ende derjenige Europameister wird, der die wenigsten Corona-Fälle hat oder die meisten Top-Spieler nachnominieren kann."

Schwarzer lobt den Einsatz der insgesamt elf DHB-Spieler, die sich in den Dienst der Mannschaft gestellt hätten und kurzfristig ins Teamhotel nach Bratislava gereist sind.

Ob Stutzke, Schmidt und Reichmann aber zum geplanten Hauptrundenauftakt gegen Spanien am Donnerstagabend auf der Platte stehen werden, ist noch offen. Der DHB reichte beim Europäischen Handball-Verband eine Verlegung des Spiels auf Samstag ein.

Christian Schwarzer ist mit 966 Toren Rekordtorschütze der deutschen Handball-Nationalmannschaft.
Christian Schwarzer ist mit 966 Toren Rekordtorschütze der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Bild: www.imago-images.de / Marco Wolf

Heftige Kritik am Europäischen Handball-Verband

Epidemiologe Markus Scholz erklärte bereits im Gespräch mit watson, dass die vielen Corona-Fälle zeigen würden, dass das Hygienekonzept bei Mannschaftssportarten gescheitert sei.

Das Konzept des Europäischen Handballverbandes (EHF) sah während des Turniers nicht vor, die Spieler in einer Bubble in bestimmten Hotels abzuschotten. Stattdessen sind in den Unterkünften der Teams auch Touristen untergebracht und die Hallen zu 25 Prozent (Slowakei) oder zu 100 Prozent (Ungarn) gefüllt.

"Es scheint eine große Lücke im Konzept der EHF zu geben. Da frage ich mich schon, ob sich der Verband vor dem Turnier überhaupt Gedanken gemacht hat. Irgendwo müssen die Infektionen ja herkommen", macht Schwarzer deutlich. Viel mehr hätte man das Konzept mit dem Wissen über die hohe Infektiosität der Omikron-Variante anpassen müssen und sich auch vor leeren Rängen spielen sollen.

"Man muss einerseits an die Gesundheit der Jungs aktuell vor Ort denken und andererseits, was für langfristige Folgen eine Infektion haben könnte", macht Schwarzer deutlich. Das beste Beispiel liefere dabei der Fußball mit der Herzmuskelentzündung von Bayern Münchens Alphonso Davies, die wahrscheinlich durch seine Corona-Infketion hervorgerufen wurde.

"Man hätte sich wirklich mal Gedanken darüber machen sollen, ob es sinnvoll ist, dieses Turnier überhaupt so zu spielen", sagt Schwarzer, der 2007 mit der DHB-Auswahl Weltmeister wurde.

Rückzug vom Turnier könnte drastische Konsequenzen für DHB haben

Eine Absage des Turniers seitens des EHF wird es zumindest aber jetzt nicht geben. Schwarzer erklärt den einfachen Grund: "Die Turniere werden vor allem durch das Geld, das durch die Sponsoren und Fernsehgelder eingenommen wird, bestimmt. Deshalb tut man sich glaube ich schwer, es einfach abzusagen. Aber ich möchte nicht derjenige sein, der diese Entscheidung trifft."

Und auch der DHB tut sich mit einer konkreten Absage schwer. Durch die Übertragungen im ARD und ZDF erreicht der Handball bei den Turnieren im Januar stets ein Millionenpublikum. Zudem steht in den Turnierregularien, dass ein Team von künftigen Europameisterschaften ausgeschlossen werden könnte. Die nächste EM 2024 findet in Deutschland statt.

Daher wurden beim DHB die Hygienevorkehrungen im Hotel nochmals verschärft. Nachdem der Verband bereits zwei Etagen im Hotel reserviert hatte, die Spieler in Einzelzimmern leben und sich das Essen auf ihre Zimmer holen, werden nun auch die Videositzungen digital durchgeführt.

Schwarzer hält Halbfinale für realistisch

Auch das Training am Mittwoch wurde den Spielern freigestellt. Für Schwarzer ist das jedoch kein Problem für die anstehenden Aufgaben.

"Das Training bei solchen Turnieren ist nur was für den Kopf und eine lockere Einheit, um sich auf den nächsten Gegner einzustellen." Daher sei eine Vorbereitung lediglich per Videoanalyse auch kein Problem.

Das DHB-Team tritt nun aber in der Hauptrunde an und trifft dort auf Spanien, Norwegen, Schweden und Russland.

Durch die zusätzlichen nominierten Spieler käme laut Schwarzer eine ganz neue Variabilität in die Mannschaft. "Mit dieser Ausgeglichenheit im Kader brauchen wir uns vor keiner Mannschaft in diesem Turnier zu verstecken. Ich wüsste nicht, warum man nicht vom Halbfinale träumen sollte." Wenn das Team denn von weiteren Infektionen verschont bleibt.

Kein Unbekannter – das ist der Flitzer von der WM
Der Flitzer mit der italienischen Peace-Fahne (ital.: Pace), einem Friedenssymbol, an der WM in Katar ist kein Unbekannter: Mario "Falco" Ferri machte schon früher mit politischen Botschaften bei Platzstürmen von sich reden.

Als mutig wurde seine Aktion vielfach beschrieben: Der Flitzer, der während der Partie zwischen Portugal und Uruguay den Platz stürmte, holte mit seinem Outfit zum Protest-Rundumschlag aus.

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