Heiner Brand (l.) und sein ehemaliger Nationalspieler Stefan Kretzschmar.
Heiner Brand (l.) und sein ehemaliger Nationalspieler Stefan Kretzschmar.Bild: dpa / Uwe Anspach
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"Kann das schwer nachvollziehen": Ex-Handball-Nationalcoach Heiner Brand über abgesagte EM-Teilnahmen und die Erwartungen an das junge DHB-Team

14.01.2022, 15:27

Für gleich neun Spieler wird die am Donnerstag beginnende EM ein ganz besonderes Turnier. Denn der deutsche Handball steckt mitten in einem Umbruch. Nationaltrainer Alfred Gíslason muss das Team im Vergleich zur WM im vergangenen Jahr aufgrund einiger Absagen erneut umbauen.

Das sorgte auch bei Ex-Spielern, Trainern und Funktionären für heftige Debatten um die Bedeutung des DHB-Teams für die Spieler. "Ich hatte mir gedacht, ein junger Spieler macht alles, um so eine Chance wahrzunehmen", kritisiert Ex-Bundestrainer Heiner Brand im Gespräch mit watson. Brand ist besonders von Spielmacher Juri Knorr enttäuscht.

"Mir ist es eben zu viel, wenn mehrere Spieler aus privaten Gründen so ein Turnier absagen. Das passt mir von meiner Grundeinstellung nicht und stimmt mich nachdenklich."
Ex-Handball-Nationaltrainer Heiner Brand

Wo genau die deutsche Mannschaft aktuell steht, kann durch den Umbau keiner wirklich sagen. Weder Coach Alfred Gislasson ("Wir sind kein Kandidat für eine Medaille"), noch Spielmacher Philipp Weber ("Wundertüte des Turniers") und auch Heiner Brand nicht, der das DHB-Team aber als Top-Favorit in der Vorrunden-Gruppe sieht und drei Siege gegen Belarus, Österreich und Polen fordert. Den ersten Sieg kann das DHB-Team am Freitag gegen Belarus einfahren.

Im Gespräch mit watson erklärt Brand, unter dem die deutsche Nationalmannschaft 2007 zum letzten Mal den WM-Titel holte, worauf es für die Mannschaft im Turnier ankommt, welchen Spieler er besonders in die Verantwortung nimmt und was beim DHB im Vorfeld großer Turniere falsch gelaufen ist.

Herr Brand, vor Beginn der Handball-WM in Ägypten vor einem Jahr haben Sie im watson-Interview Johannes Golla als Spieler genannt, der künftig eine wichtige Rolle einnehmen kann. Beim Auftaktspiel des deutschen Teams am Freitag gegen Belarus wird er der 24-Jährige das Team nun als Kapitän anführen.

Heiner Brand: Davon bin ich nicht überrascht. Seine Leistungsentwicklung zeigt nach oben und er hat auf dem Spielfeld gezeigt, dass er eine gute Einstellung hat und immer mit vollem Einsatz spielt.

Was erwarten Sie von ihm während des Turniers?

Dass er ein Vorbild für die anderen Spieler ist. Er verkörpert die Einstellung, die der Trainer auf dem Feld fordert und kann jetzt auch anderen sagen, wo der Weg langgeht. Aber man sollte nicht zu viel in die neue Aufgabe hineininterpretieren und ihn mit irgendwelchen Sonderaufgaben belasten. Er soll sich weiterhin auf die sportliche Leistung konzentrieren.

Was muss er sportlich leisten?

Er hat bei der WM im vergangenen Jahr schon eine tragende Rolle eingenommen. Da Henrik Pekeler nicht mehr dabei ist, kommt in der Abwehr gemeinsam mit Patrick Wiencek eine ganz besondere Aufgabe auf ihn zu.

Johannes Golla ist bei der EM Kapitän der DHB-Auswahl.
Johannes Golla ist bei der EM Kapitän der DHB-Auswahl. Bild: www.imago-images.de / Norbert Schmidt

Eine besondere Aufgabe kommt auch immer auf die deutschen Torhüter zu. Hinter Andreas Wolff gibt es statt der großen Erfahrung von Silvio Heinevetter und Jogi Bitter mit Till Klimpke und Joel Birlehm, der zunächst zu Hause bleibt, nun zwei junge Nachwuchstorhüter. Was trauen Sie beiden zu?

Ich hatte im Vorfeld mit der Nominierung der beiden gerechnet. Sie haben sich durch gute Leistungen in der Bundesliga empfohlen. Man muss auch schon weiterdenken: Beide können jetzt bei ihrem ersten großen Turnier Erfahrung sammeln, weil sie vielleicht bei den Olympischen Spielen 2024 schon mehr gefordert sein werden.

Dadurch wird Andreas Wolff die klare Nummer 1 im deutschen Tor sein. Seit seiner Weltklasse-Leistungen beim EM-Sieg 2016 hatte er aber immer wieder mit Formschwankungen zu kämpfen.

Man muss hoffen, dass er ein konstant gutes Turnier spielt, denn das ist auch notwendig, um oben mitzuspielen. Er kann mal in einem Spiel leichte Schwächephase haben, aber eine Mannschaft, die ganz oben mitspielen will, braucht einen Torhüter, der auf einem sehr hohen Niveau agiert. Vielleicht war der Druck nach 2016 auch einfach zu groß, dass er diese Leistungen nicht wiederholen konnte.

Doch nicht nur im Tor gibt es Veränderungen, auch im Feld. Unter anderem sind mit Uwe Gensheimer und Steffen Weinhold zwei erfahrene Spieler nicht mehr dabei.

Das sehe ich aber nicht als Problem.

Warum?

Uwe Gensheimer war beispielsweise beim EM-Sieg 2016 auch nicht dabei und fehlte zwischendurch teilweise durch zu hohe Belastung, teilweise durch Verletzungen. Weinhold war im Rückraum aufgrund seines Einsatzes und seiner Erfahrung zwar immer ein wichtiger Mann, aber das ist eine riesige Chance für die Spieler, die zuvor nicht so im Rampenlicht standen oder neu dazugekommen sind.

"Ich hatte mir gedacht, ein junger Spieler macht alles, um so eine Chance wahrzunehmen."
Heiner Brand über die Absage von Nachwuchsstar Juri Knorr

Juri Knorr, das deutsche Ausnahmetalent auf der Spielmacherposition, hätte genau in diesem Rampenlicht stehen sollen, verpasst das Turnier aber. Die EM wird unter 2G-Bedingungen ausgetragen, Knorr will sich aber nicht impfen lassen, sondern setzt seit seiner mehr als ein Jahr zurückliegenden Corona-Infektion auf eine regelmäßige Bestimmung seiner Antikörper.

Das ist natürlich schade für ihn und für die Mannschaft. Für ihn wäre es eine riesige Chance gewesen, in einer veränderten Mannschaft eine tragende Rolle einzunehmen.

Können Sie seine Entscheidung nachvollziehen?

Ich kann das als Älterer schwer nachvollziehen. Ich hatte mir gedacht, ein junger Spieler macht alles, um so eine Chance wahrzunehmen. Aber er hat seine Gründe angegeben, die auch akzeptiert worden sind. Und da muss man eben mit der Situation leben und so bieten sich auch wieder Chancen für andere.

Heiner Brand als Sky-Handballexperte.
Heiner Brand als Sky-Handballexperte.Bild: www.imago-images.de / Marco Wolf

Zudem haben mit Fabian Wiede und Patrick Groetzki zwei gestandene Spieler aus familiären Gründen abgesagt. Sie und auch Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar haben das bereits vor einigen Wochen kritisiert. Fabian Wiede sagte in einem Interview mit dem "Tagesspiegel", dass es ihm egal sei, was Sie denken.

Da hat er auch Recht. Ich habe auch gesagt, dass es immer wieder private Gründe gibt, die man auch akzeptieren muss. Ich kenne die Einzelfälle nicht, deswegen kann ich die auch gar nicht beurteilen. Nur mir ist es eben zu viel, wenn mehrere Spieler aus privaten Gründen so ein Turnier absagen. Das passt mir von meiner Grundeinstellung nicht und stimmt mich nachdenklich.

Rückraumspieler Fabian Wiede von den Füchsen Berlin.
Rückraumspieler Fabian Wiede von den Füchsen Berlin. Bild: www.imago-images.de / Daniel Lakomski

Kretzschmar kritisierte zudem, dass er das Gefühl habe, dass eine Einladung des DHB-Teams häufig direkt mit einer Mehrbelastung assoziiert wird.

Klar haben die Spieler, die auch noch in der Champions League mit ihren Vereinen aktiv sind, viele Spiele und Reisen. Aber die Nationalmannschaft ist nochmal etwas anderes und eine neue Herausforderung. Man sollte sich freuen, mit Leuten, mit denen bereits mehrere Wochen nicht mehr zusammengespielt hat, wieder zusammenzutreffen. Und ich denke auch, dass das bei der jetzigen Generation bei der Mehrheit der Spieler der Fall ist. Aber es gibt sicherlich häufiger die Situation, dass darüber nachgedacht wird, mal auf die Nationalmannschaft zu verzichten.

Durch die aktuelle Corona-Lage, mit der Omikron-Variante und zahlreichen Infektionen, war die Vorbereitung für zahlreiche Teams schwierig.

So wie sich die Situation aktuell darstellt, könnten wir davon profitieren, dass andere Mannschaften stärker betroffen sind. Es ist sicherlich keine angenehme Situation und geistert bestimmt bei einigen unserer Spieler auch im Kopf herum, dass immer etwas passieren kann. Die sportlichen Ergebnisse haben dann auch nicht mehr unbedingt den Wert, wenn der ein oder andere Spieler wegen Corona ausgefallen ist.

Werden die Spieler das während der Partien ausblenden können?

Die Konzentration auf das Spiel und das Gewinnen sollten im Vordergrund stehen, aber außerhalb der Spiele wird das schon im Kopf sein. Es lässt sich nicht vermeiden, mit dem Thema Corona konfrontiert zu werden.

"In den vergangenen Jahren ist zu viel über Spitzenplätze und Medaillen geredet worden."
Heiner Brand über die Ansprüche des Deutschen-Handball Bundes vor Turnieren

Im Interview mit dem "kicker" hat Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin gesagt, dass das Team den EM-Titel holt, das die wenigsten Corona-Fälle hat. Im Vergleich zu anderen Nationen blieb das DHB-Team bisher von positiven Tests verschont. Ist die Mannschaft also Turnierfavorit?

Warten wir mal ab. Nach der Veränderung der Quarantäne-Vorschriften, die von 14 auf fünf Tage verkürzt wurde, weiß man nicht, mit welchen Spielern die Mannschaften antreten. In der Vergangenheit hat es auch Mannschaften gegeben, die Verletzungen hatten und plötzlich nicht unbedingt schlechter waren.

2007 wurde Heiner Brand als Trainer Weltmeister mit dem DHB-Team.
2007 wurde Heiner Brand als Trainer Weltmeister mit dem DHB-Team. Bild: /Lacy Perenyi / Laci Perenyi

Gegen die Schweiz und Olympiasieger Frankreich gab es in den letzten beiden Testspielen für das DHB-Team Siege. Was bedeutet das für die Vorrundenspiele gegen Belarus, Österreich und Polen?

Auch wenn sie beide verloren hätten, hätte ich sie als Topfavoriten in der Gruppe gesehen. Das Ziel muss klar sein, die Vorrunde mit drei Siegen abzuschließen. Die Spieler gehen unbelastet rein und haben nicht den Druck, am Ende unbedingt ganz vorne landen zu müssen. Mit drei Erfolgen kann man schon etwas beruhigter ins weitere Turnier gehen und dann sehen, was möglich ist.

Könnte dadurch und mit einer erfolgreichen EM auch ein neuer Handball-Hype in Deutschland entfacht werden?

Ja, ich glaube schon. In den vergangenen Jahren ist zu viel über Spitzenplätze und Medaillen geredet worden. Klar muss man sich hohe Zielen setzen, aber dann eben an die Aufgabe herangehen, ohne irgendwelche Konsequenzen im Vorhinein zu diskutieren.

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