Mit 32 Jahren gehört Kai Häfner zu den Routiniers im deutschen Team.
Mit 32 Jahren gehört Kai Häfner zu den Routiniers im deutschen Team.Bild: imago / eu-images
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"Wahnsinn ohne Vorankündigung": Nationalspieler Kai Häfner bewertet das Corona-Chaos vor der Handball-EM

14.01.2022, 11:19

Es ist ein Turnierstart mit vielen Fragezeichen: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft bestreitet am Freitag gegen Belarus ihre erste Partie bei der Europameisterschaft 2022. Die Euphorie im Umfeld hält sich in Grenzen, die Erwartungshaltung ist ungewohnt niedrig. "Wir sind kein Kandidat für eine Medaille", sagte Bundestrainer Alfred Gislason vor wenigen Tagen über seine eigene Mannschaft.

"Wenn man nur noch trainiert und im Hotel sitzt, dann fehlen die Dinge, die man als Team gemeinsam macht, um sich auch mal abzulenken."
Handball-Nationalspieler Kai Häfner

Der Grund: Die Mannschaft des Deutschen Handball-Bundes (DHB) hat ein völlig neues Gesicht. Weil einige erfahrene Spieler ihre Nationalmannschaftslaufbahn beendet haben und mehrere Sportler aus Pandemiegründen ihre Teilnahme am aktuellen Turnier in Ungarn und der Slowakei abgesagt haben.

Kai Häfner, Rückraumroutinier im aktuellen Kader, möchte seine Kollegen für diese Entscheidung nicht kritisieren. Im Gegenteil: Er verbittet sich öffentliche Kritik: "Jeder einzelne hat eigene, ganz persönliche Gründe. Und niemand verzichtet gerne auf ein großes Turnier, wir sind alle Spitzensportler. Aber wenn sich jemand zu diesem Schritt entscheidet, dann respektiere ich das", sagte er im exklusiven Interview mit watson – und sieht die Situation damit anders als Heiner Brand, der im Gespräch mit watson deutliche Kritik an den Absagenden geübt hatte.

Bundestrainer Alfred Gíslason (r.) im Gespräch mit Häfner (l.).
Bundestrainer Alfred Gíslason (r.) im Gespräch mit Häfner (l.).Bild: www.imago-images.de / Gerhard Koffler

Französisches Team "fassungslos" über Corona-Situation im Hotel in Ungarn

Nicht wegdiskutieren kann man hingegen die erneut schwierigen Begleiterscheinungen, die die Coronapandemie mit sich bringt. Beim zweiten Turnier unter Pandemiebedingungen wisse man immerhin, so Häfner, "worauf man sich einlässt" – auch wenn’s für die Sportler keine angenehme Situation ist.

Besonders das französische Team war bei ihrer Ankunft im Teamhotel im ungarischen Szeged "fassungslose" über die Bedingungen. "Wir haben strenge Protokolle befolgt, um uns das Virus nicht einzufangen. Und dann kommen wir hier im Hotel an und bewegen uns unter Gästen, die keine Masken tragen. Wir essen auch an den gleichen Orten", berichtete Frankreichs Superstar Nikola Karabatic. Auch Serbien und Island beschrieben diese Mängel aus ihrem Hotel.

In den drei Hallen in Ungarn gibt es während des Turniers zudem keine Zuschauerbeschränkungen. Das deutsche Team ist im slowakischen Bratislava in einem Hotel untergebracht und zufrieden mit den Hotelbedingungen. In der Slowakei werden die Hallen nur zu 25 Prozent ausgelastet sein.

"Aber aktuell kannst du es einfach nicht riskieren, irgendwelche Dinge zu unternehmen."
Handball-Nationalspieler Kai Häfner

Teambuilding unter erschwerten Bedingungen

"Das schwebt über einem. An gleich drei Punkten", sagt er – und zählt auf: "Erstens besteht ganz simpel die Gefahr, dass man sich ansteckt. Oder ein Mitspieler. Und jeder Infizierte wirft dann von jetzt auf gleich innerhalb der Mannschaft alles durcheinander. Der Wahnsinn beginnt dann quasi ohne Vorankündigung."

Zudem müsse man aufgrund der Infektionslage bei den Teams immer damit rechnen, dass Spiele verschoben würden. "Das erschwert die Vorbereitung und macht den Spielplan im schlimmsten Fall echt kompliziert."

Der dritte und letzte Punkt, den Häfner nennt, ist der des Umfelds. "Wir durften in den vergangenen Monaten ja schon wieder vor Publikum spielen. Wenn du dann wieder in leere Hallen einläufst – da fehlt schon was." Zudem sei es schwierig, gerade unter Coronabedingungen mit neun Turnierdebütanten zu einer Einheit zusammenzuwachsen.

Gleich neun neue Spieler werden bei der EM für das DHB-Team auflaufen.
Gleich neun neue Spieler werden bei der EM für das DHB-Team auflaufen. Bild: www.imago-images.de / Marco Wolf

"Wenn man nur noch trainiert und im Hotel sitzt, dann fehlen die Dinge, die man als Team gemeinsam macht, um sich auch mal abzulenken oder als Team zusammenzufinden. Aber aktuell kannst du es einfach nicht riskieren, irgendwelche Dinge zu unternehmen."

Doch trotz der Corona-Situation sei die Stimmung im Team laut Häfner "richtig gut". Er erzählt: "Für viele meiner Mitspieler ist es das erste große Turnier. Entsprechend groß ist ihre Vorfreude", sagte der 32-Jährige. Häfner selbst ist einer der wenigen im Kader mit richtig großer Erfahrung. "Keine Sorge, ich spiele deshalb hier nicht den Papa, der den ganzen Tag kluge Ratschläge raushaut", sagt er. "Aber wenn einer der Jüngeren eine Frage hat oder irgendeine Hilfe braucht, dann wissen sie schon, wo sie mich finden."

Angstgegner Polen zum Abschluss der Vorrunde

Diese Begleiterscheinungen und die Personalsituation führen dazu, dass der deutsche Kader so schwierig einzuschätzen ist. Weshalb Häfner auch vor der eigenen Vorrundengruppe mit den Gegnern Polen, Belarus und Österreich warnt.

"Gegen die Polen haben wir zuletzt nicht gut ausgesehen und die sind ja immer eine gefährliche Mannschaft. Belarus hat eine echte Vollgas-Truppe. Und Österreich war im eigenen Land vor zwei Jahren die große positive Überraschung. Natürlich traue ich uns zu, dass wir da weiterkommen. Das muss unser Anspruch sein. Aber die Gruppe ist tückisch."

Auf den Auftakt gegen Belarus folgt für das DHB-Team am Sonntag die Begegnung gegen Polen, Abschluss der Vorrunde ist am 18. Januar gegen Österreich. Der anschließende Modus bleibt unverändert: Die beiden Ersten der sechs Gruppen ziehen in die Hauptrunde ein, die dann direkt in die Halbfinals mündet.

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