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Raphael Guerreiro (Nr. 13) jubelt mit Reus, Reyna, Morey und Hazard (v.l.) über seinen Treffer zum 1:0 gegen Lazio Rom. Bild: www.imago-images.de / Laci Perenyi

Analyse

Variabel und torgefährlich: Dieser BVB-Star ist der heimliche Schlüsselspieler

Tore unmittelbar vor der Halbzeitpause sind psychologisch besonders wichtig. Jeder Fußballfan kennt diese Floskel. Aber in ihr steckt offensichtlich eine Portion Wahrheit.

Der "Spiegel" hat im vergangenen Jahr in einer Untersuchung herausgefunden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einem solchen Tor und einem in der Folge positiven Spielverlauf*: Anhand von mehr als 45.000 Fußballspielen aus den vier größten europäischen Ligen ermittelte das Nachrichtenmagazin, dass sich ein Tor kurz vor der Pause ungefähr so stark auf das Endergebnis auswirkt wie ein Treffer in der 60. bis 65. Spielminute.

*Positiver Verlauf = Spiele, in denen es der Mannschaft, die kurz vor der Pause traf, gelungen ist, am Ende mindestens ein Remis zu holen und die Tordifferenz bis Abpfiff mindestens zu halten beziehungsweise zu verbessern.

Am Mittwochabend im Champions-League-Spiel zwischen Borussia Dortmund und Lazio Rom (1:1) fiel genau so ein Tor zu diesem psychologisch besonders wichtigen Zeitpunkt: In der 44. Minute brachte Raphael Guerreiro den BVB mit 1:0 in Führung.

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Drin das Ding: Raphael Guerreiro überwindet Lazio-Torwart Pepe Reina. Bild: www.imago-images.de / RHR-FOTO

Der 26-jährige Portugiese, der gerade noch pünktlich zur Partie gegen die Italiener fit geworden war, zeigte dabei einmal mehr, wie gut in Form und wie wichtig er für die Borussia ist. Vielleicht ist er inzwischen sogar unverzichtbar. In der laufenden Saison sorgte Guerreiro in zwölf Pflichtspielen bereits für sechs Scorerpunkte (zwei Tore, vier Vorlagen). Vergangene Spielzeit waren es acht Treffer und fünf Assists in 38 Partien für den BVB.

BVB: Raphael Guerreiro ist immer noch unterschätzt

Zwischen den Dortmunder Hochbegabten wie Haaland, Sancho, Bellingham und erfahrenen Stars wie Hummels oder Witsel vergisst man ihn manchmal fast. Guerreiro ist unterschätzt. Schon seit viereinhalb Jahren ist er in Dortmund. Im Sommer 2016 kam er vom FC Lorient aus Frankreich nach Westfalen. Und dort hat er sich zu einem der komplettesten und vielseitigsten Spieler der Bundesliga entwickelt.

Das findet auch BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Auf der Pressekonferenz vor dem vergangenen Bundesligaspiel gegen Köln schwärmte der 58-Jährige von dem gebürtigen Franzosen, der für die Nationalmannschaft von Portugal spielt: "Wir sprechen sehr oft über ihn im internen Kreis. Er gehört sicher zu den besten Fußballern bei uns. Er mag auch das Risiko, aber ich denke, dass er eine gute Balance gefunden hat."

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In der öffentlichen Wahrnehmung unterm Radar: Dabei hat Raphael Guerreiro nach nun 132 Pflichtspielen für den BVB schon 25 Tore und 25 Assists auf dem Konto. Bild: www.imago-images.de / TEAM2

Besonders Dortmunds Trainer Lucien Favre ist begeistert von seiner Variabilität. Guerreiro spielt unter dem Schweizer Taktikfuchs mal offensiver halblinks im Mittelfeld, mal etwas defensiver als Linksverteidiger. Egal, in welchem System, ob Vierer-, Dreier- oder Fünferkette, Raphael Guerreiro beherrscht all diese Positionen: "Wenn man das schafft, ist man schon ein guter Spieler", lobte der grundsätzlich eher zurückhaltende Französischschweizer den Alleskönner auf seine Art.

Mit seiner Vielseitigkeit und der Qualität, die er auf jeder Position gleichermaßen abruft, verleiht Guerreiro dem jungen BVB-Team Konstanz und Stabilität.

Seine Ruhe am Ball macht ihn äußerst pressingresistent. Mit seiner Technik kann er nahezu jede Situation lösen, ob im Angriff oder in der Abwehr. Mit seinem Fußballverständnis kann Guerreiro das Spiel lesen. Außerdem ist der Linksfuß torgefährlich und kann Chancen kreieren, manchmal aus dem Nichts heraus mit einem genialen Pass. Oder er sorgt mit einem Vorstoß aus der Tiefe für Überzahl in Angriffssituationen. So machte er es auch beim 1:0 gegen Lazio Rom, als er plötzlich vor dem gegnerischen Torwart auftauchte.

Das alles macht ihn zu einem extrem wichtigen Baustein für Favre. Er kann sich auf Guerreiro verlassen, egal welches System er spielen lässt.

Guerreiro ist ein wichtiger Baustein, das war er schon für Tuchel

Die Fähigkeiten des 26-Jährigen ließen damals auch schon Ex-BVB-Coach Thomas Tuchel schwärmen: "Rapha ist zu gut, um auf eine Position festgelegt zu werden". Tuchel, mittlerweile Trainer bei PSG, stellte ihn ab und an sogar im Mittelfeld als Achter oder, noch offensiver, als Spielmacher auf. Prinzipiell kann Guerreiro alle Positionen auf dem Feld erfüllen – außer vielleicht Mittelstürmer und Innenverteidiger, dafür ist er mit 1,70 Metern etwas zu klein.

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Kurze Trinkpause: Guerreiro (l.) und Tuchel 2016 in Dortmund. Bild: imago sportfotodienst / DeFodi

Trotz der flexiblen Skills des Spielers gab es aber immer wieder Abschiedsgedanken, irgendwie schien es nie zu 100 Prozent zu passen zwischen Dortmund und Guerreiro. "Ich war damals häufig verletzt", erklärte er zuletzt der "Bild" und sagte rückblickend: "Und meine Familie hatte auch ein wenig Heimweh nach Paris, denn das ist ja der Ort, an dem ich aufgewachsen bin."

In die französische Hauptstadt hätte er im Sommer 2019 sogar wechseln können. Zu seinem Fan und Förderer Thomas Tuchel in die Ligue 1, mit Paris Saint-Germain um Meistertitel spielen. Doch es kam anders. Ende des vergangenen Jahres verlängerte er unverhofft seinen BVB-Vertrag bis 2023: "Wir sind glücklich in Dortmund. Und ich bin gesund und fit."

BVB vs. Lazio: Favre wechselt Guerreiro aus, dann fällt der Ausgleich

Damit das auch in der anstrengenden, von Corona verzerrten Saison so bleibt, nahm Favre Guerreiro, der leicht angeschlagen ins Spiel gegangen war, gegen Lazio nach einer Stunde (62.) vom Platz. Er habe "dringend raus" gemusst, wie der Dortmunder Trainer nach Abpfiff sagte.

Und ausgerechnet nach der Auswechslung Guerreiros, nur fünf Minuten später fiel das 1:1 der Römer. Auch wenn das Elfmetertor von Lazio nicht ganz mit rechten VAR-Dingen zuging und den vorzeitigen Gruppensieg der Dortmunder verhinderte, war es Favre am Ende relativ egal: "Ich denke momentan an unsere verletzten Spieler. Der erste Platz ist nicht relevant."

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Nico Schulz (l.) rein, Guerreiro raus. Der deutsche Nationalspieler hatte noch die Riesenchance zum 2:1. Bild: www.imago-images.de / Maik Hölter/TEAM2sportphoto

Dass nach dem verletzten Sturm-Topstar Erling Haaland (kehrt erst 2021 ins Training zurück) nicht auch noch Abwehrchef Mats Hummels für längere Zeit ausfällt, war in Zeiten einer Belastung über alle Grenzen hinaus eine Erleichterung. "Es sieht danach aus, als ob es nicht so schlimm wäre. Ich werde wohl sehr, sehr bald wieder spielen können", berichtete Hummels bei Instagram nach einer ersten Untersuchung.

Borussia Dortmund: Die Verletztenliste ist lang, umso wichtiger wird nun Guerreiro

Nationalspieler Emre Can hatte sich außerdem vor der Partie wegen muskulärer Beschwerden abgemeldet, Thomas Meunier ist verletzt, Jude Bellingham humpelte nach dem Lazio-Spiel und kämpfte mit Krämpfen. "Einige Spieler gehen auf dem Zahnfleisch", sagte BVB-Manager Zorc sorgenvoll.

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Der nächste Verletzte: Mats Hummels wird vom Rasen getragen. Aber es ist laut seiner Insta-Story nicht so schlimm. Bild: www.imago-images.de / Norbert SCHMIDT

Umso wichtiger, dass Favre Guerreiro zum Ende hin schonte. Denn auf ihn wird es nun angesichts des Dortmunder Lazaretts noch mehr ankommen. Der heimliche Schlüsselspieler kann im Jahresendspurt nochmal allen zeigen, wie wichtig er ist.

Zwar reichte es nach Guerreiros Auswechslung am Ende für Borussia Dortmund nicht zum Sieg. Dennoch war es dank Guerreiros Tor zum psychologisch wichtigen Zeitpunkt ja ein "positiver Spielverlauf" – wie eingangs erwähnt. Außerdem: Zum Weiterkommen ins Achtelfinale reichte der eine Punkt ohnehin.

(as/mit Material von sid)

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