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Mats Hummels versucht seine Mitspieler Mo Dahoud und Marco Reus zu erreichen. Bild: imago images / Jan Huebner

Analyse

Aussagen der BVB-Stars offenbaren das größte Problem von Borussia Dortmund

0:3 prangte am Freitagabend zur Halbzeit auf der Anzeigetafel im Dortmunder Westfalenstadion. Der SC Paderborn, der Tabellenletzte, führte den BVB vor. Pfiffe kamen von den 80.00 Zuschauern. Dass der BVB in der zweiten Hälfte noch drei Tore erzielte und zumindest einen Punkt rettete, änderte nichts. "Wir müssen uns bei allen Zuschauern im Stadion für unsere Leistung entschuldigen", erklärte Kapitän Marco Reus nach dem 3:3 bei DAZN. "Zum Schämen" und "absolute Scheiße" sei der Auftritt gegen den Aufsteiger gewesen.

Die Fehler-Liste beim BVB ist länger als die Schlangen vor den Bierständen zur Halbzeit im Westfalenstadion: Es mangelt an Organisation in der Defensive, es gibt zu wenig Aggressivität in den Zweikämpfen und der Spielaufbau ist viel zu schleppend. Zudem machten die BVB-Profis zu viele individuelle Fehler, sie spielten eklatante Fehlpässe oder ließen sich mitunter wie F-Jugendspieler überlaufen.

Einig ist man sich nach dem Unentschieden gegen den SC Paderborn bei Borussia Dortmund bei einer Sache: Spieler, Trainer, Chefetage und Fans wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Nach etlichen Rückschlägen in dieser Saison und dem 0:4-Debakel bei Bayern München ist das Unentschieden gegen den Aufsteiger ein weiterer Tiefschlag für den BVB. Die große Frage bleibt aber: Wer hat Schuld an der Dortmunder Krise?

BVB-Stars schützen den Trainer

Lucien Favre selbst war in der Pressekonferenz nach der Partie fassungslos: "Das war eine desaströse erste Halbzeit von uns. Wir kriegen drei Tore. Es war unglaublich. Die ersten 45 Minuten sind schwer zu erklären. Es fehlte die nötige Aggressivität. Wir werden das gründlich analysieren. So kann es nicht weitergehen."

Während viele Fans und Experten die Schuld bei Trainer Lucien Favre suchten, nahmen die BVB-Stars den Coach in Schutz. "Jeder muss sich an die eigene Nase fassen. Darüber müssen wir reden, nicht über unseren Trainer", sagte Kapitän Reus bei DAZN und fügte an: "Der Trainer stellt uns jedes Mal super ein. Wir sind dafür verantwortlich."

Mats Hummels übte ebenfalls Selbstkritik. "Wir sind es auf dem Platz, die diese Fehler machen. Ich will ganz deutlich sagen, dass es nichts mit der Trainerposition zu tun hat, wenn wir ohne Druck die Bälle herschenken."

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BVB-Trainer Lucien Favre war wie so häufig in dieser Saison ratlos. Bild: imago images / Team 2

Hummels verglich den BVB auch mit seinem Ex-Verein Bayern München. Dort seien solche leichte Ballverluste ein Unding: "Ich rede vor allem von einfachen Ballverlusten und von Unkonzentriertheit. Und von Situationen, wo man ohne Druck den Ball dem Gegner in den Fuß oder ins Aus spielt", sagte Hummels und betonte: "In München wird das ganz groß geschrieben, dass das nicht passiert. Da ist es ein absolutes Qualitätsmerkmal für Top-Mannschaften, dass man den Gegner mit Ball kontrolliert und dominieren kann. Das schaffen wir überhaupt nicht."

Reus und Hummels kritisieren Taktik

Doch die erfahrenen Köpfe der Mannschaft sagten auch Dinge, die tief blicken lassen. Einerseits stärken sie dem Trainer den Rücken, andererseits üben sie auch Kritik am Dirigenten des Dortmunder Star-Ensembles.

Reus gab zu, dass die Trainer-Diskussion auch die Mannschaft erreicht hat: "Wir unterhalten uns intern regelmäßig über verschiedene Themen und natürlich diskutiert man dabei auch mal über den Trainer", sagte Reus und betonte jedoch: "Aber wir haben großes Vertrauen und werden die nächsten Spiele hoffentlich positiv gestalten, um so die Diskussionen zu beenden."

Mats Hummels kritisierte laut "Bild" trotz der ganzen Selbstkritik auch die Taktik des Trainers: "Sagen wir mal so, wir tun uns im 4-1-4-1 leichter zu pressen." Weitere Kritik wollte er sich jedoch verkneifen: "Ich lasse es dabei stehen."

Taktisch ließ aber auch ein Nebensatz von Reus größere Probleme erahnen. Inmitten seiner Durchhalteparolen sagte Reus nämlich: "Wir wissen gar nicht, wie wir richtig pressen sollen. Und das sollte uns zu denken geben." Ein Problem, welches man nach Monaten auch dem Trainer in die Schuhe schieben muss.

Favre bekommt Endspiel

Die widersprüchlichen Aussagen der BVB-Stars offenbaren, dass der Klub noch immer nicht weiß, wieso man in einer Krise steckt. Liegt es am Trainer, an der Taktik, an den Spielern oder an der Kader-Zusammenstellung? Liegt es vielleicht sogar ein bisschen an allem? Die Antworten sind paradox. Noch immer geben die BVB-Verantwortlichen seit Wochen die gleichen Interviews, nehmen sich selbst in die Pflicht, sprechen über zu wenig Aggressivität oder bemängeln taktische Vorgaben. Das größte Problem des BVB ist noch immer die Unklarheit. Meistens wird diese Unklarheit im Fußball-Business mit dem Rausschmiss des Trainers beantwortet.

Wie die "Ruhr Nachrichten" berichteten, verließen Favre, seine Co-Trainer sowie Kapitän Marco Reus und BVB-Urgestein Lukasz Pisczcek das Stadion erst drei Stunden nach dem Abpfiff. Es soll einige Gespräche gegeben haben. Am Samstag verschob sich das Training: Die Mannschaft versammelte sich auf dem Trainingsgelände hinter verschlossenen Türen – ohne die Vereinsführung. Es soll eine Krisen-Aussprache gegeben haben.

Die BVB-Bosse saßen ebenfalls am Freitagabend noch lange zusammen. Sie entschieden, dass Favre noch ein Endspiel bekommt, um sich zu beweisen: Das ist am Mittwoch gegen den FC Barcelona. "Wir gehen mit Lucien Favre in das Spiel in Barcelona und erwarten, dass wir da eine deutliche Leistungssteigerung sehen", sagte Sportdirektor Michael Zorc Funke Sport. An der Motivation dürfte es bei den Dortmund-Stars diesmal nicht mangeln: Statt gegen einen Bundesliga-Aufsteiger muss nun gegen eine der besten Mannschaften der Welt eine Reaktion her.

(bn)

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BVB-Sieg gegen Hertha machte deutlich: Hummels ist gerade das größere Problem als Favre

Der Abpfiff im Berliner Olympiastadion war für die Gäste aus Dortmund eine Erlösung. Vor allem für Mats Hummels. Der Ex-Nationalverteidiger schlich nach Ende der 90 Minuten plus Nachspielzeit mit leicht gesenktem Haupt, das er in der Kapuze seiner Trainingsjacke versteckte, auf den Rasen, den er in der 45. Spielminute hatte verlassen müssen. Beide Hände hatte er zu Siegerfäusten geballt: Gerade nochmal gutgegangen.

Hummels' Teamkollegen trotzten nämlich während der kompletten zweiten Halbzeit …

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