Sport
15.11.2019, Nordrhein-Westfalen, D

Wo soll es für Löw (M.) und die Nationalmannschaft um Timo Werner (l.) hingehen? Bild: dpa / Federico Gambarini

Analyse

Darum ist die deutsche Nationalmannschaft nur noch Mittelmaß

constantin Eckner

Im Sommer 2014 befand sich Deutschland auf dem Gipfel des Weltfußballs. Nach 24 Jahren durfte sich die Herrennationalmannschaft wieder über einen WM-Titel freuen. Die Zukunft schien verheißungsvoll. Die Generation um Lahm und Schweinsteiger hatte ihren Höhepunkt erreicht und die Generation um Hummels, Kroos und Özil noch einige vielversprechende Jahre vor sich. Doch mittlerweile sieht die Realität anders aus. Die deutsche Nationalmannschaft ist nur noch internationales Mittelmaß. Trotz positiver Ergebnisse, trotz EM-Qualifikation. Woran liegt das?

Natürlich wird die Verantwortung gerne bei Bundestrainer Joachim Löw gesucht. Und der 59-Jährige trägt gewiss seinen Anteil am sportlichen Niedergang. Das frühzeitige Ausscheiden bei der WM 2018 hätte für die meisten Trainer die unmittelbare Entlassung bedeutet, aber Löw durfte weiterarbeiten und ist seitdem auf der Suche nach der spielerischen Balance.

Doch zu jedem erfolgreichen Spielsystem gehören auch gute Spieler. Spieler, die die Wünsche des Trainers umsetzen, und Spieler, die den Unterschied ausmachen können.

Fehlt es Deutschland an Talenten?

Deutschland mangelt es momentan an Letzterem. Der deutsche Fußball verfügt immer noch über eine Reihe an taktisch klugen und technisch versierten Fußballern, aber eben nur über wenige Ausnahmekönner. Weltmeister Frankreich hat zum Beispiel momentan eine ganze Reihe an Spielern, die in jeder Partie für den Unterschied sorgen können – sei es durch wichtige Pässe, spielentscheidende Tore und Tacklings oder auch schlicht durch ihre Präsenz auf dem Platz.

Bei Deutschland hingegen sind viele Nationalspieler gut, aber eben nicht sehr gut. Sie spielen munter auf, wenn es für das ganze Team läuft, aber nicht, wenn der Gegner überlegen ist und die deutsche Mannschaft ins Wanken gerät. In den letzten Monaten haben sich allenfalls Serge Gnabry und Joshua Kimmich als wichtige Schlüsselspieler herauskristallisiert. Die beiden allein genügen allerdings nicht.

Ein anderer Schlüsselspieler der Zukunft könnte Kai Havertz sein. Doch der 20-Jähriger verkörpert ein weiteres essenzielles Problem Deutschlands. Ab dem Jahrgang 1998 fehlt es weitestgehend an herausragenden Talenten. Havertz ist da eine Ausnahme. Die deutsche Jugendarbeit war einst gesegnet mit einer Dichte an Nachwuchstalenten, die es momentan einfach nicht gibt. Somit hat es natürlich Löw auch schwerer, frische Spieler heranzuführen und beispielsweise das Ausscheiden von einigen gealterten Stars zu kompensieren.

Keine Ausnahme-Talente nach 1998

Die Schuld ist in diesem Fall nicht beim Bundestrainer zu suchen. Denn dieser ist an der Ausbildung künftiger Spieler nicht beteiligt. Da liegt die Verantwortung bei den Vereinen und beim Verband selbst. Es kann immer mal zu Fluktuationen kommen, einzelne Jahrgänge erweisen sich schwächer als andere. Aber bei Deutschland ist das Loch nach 1998 schon deutlich und damit auch nun in der Nationalmannschaft spürbar. Andere Nationen haben diese Sorgen nicht, blickt man beispielsweise nach England, wo mit Trent Alexander-Arnold, Mason Mount, Declan Rice, Jadon Sancho und anderen die neue Generation bereits im Rampenlicht steht.

"Wenn zwei die gleiche Leistung bringen, entscheiden wir uns jetzt eher für denjenigen mit Perspektive", unterstrich Löw vor einigen Wochen im Interview mit "Sportbuzzer" seine Bereitschaft, der Jugend eine Chance zu geben, wenn sich denn aus den Jahrgängen Spieler anbieten sollten. Oftmals sind hochveranlagte Talente nicht 100 Prozent ausgereift, bringen aber Unbekümmertheit mit. Sie brillieren in Eins-gegen-Eins-Situationen und brechen auch mal aus einem taktischen Korsett aus.

Was will Löw mit der Nationalelf?

Und dieses taktische Korsett stellt momentan ebenso ein Problem wie der fehlende Nachwuchs dar. Löw scheint weiterhin nicht zu wissen, ob er nun dominanten Ballbesitz- oder lieber überfallartigen Konterfußball oder doch etwas ganz anderes möchte. Der Bundestrainer machte die Blamage bei der WM 2018 gerade am Spielsystem und den ellenlangen Pass-Stafetten fest. Deshalb versuchte er einen radikalen Umbruch.

Allerdings ist dieser nur in Ansätzen erfolgt, weil die spielerische Balance fehlt. Mal steht die deutsche Mannschaft zu tief hinten drin, mal ist sie zu häufig am Ball ohne dabei nennenswerten Raumgewinn zu erzielen. Hinzu kommen die ständigen Veränderungen beim Spielsystem. Löw scheint noch nicht zu wissen, ob er lieber eine Dreier- oder Viererkette als Abwehr spielen lassen möchte.

In Kombination mit vielen Ausfällen von Spielern kann sich die Nationalmannschaft natürlich nicht einspielen. Allenfalls Kimmich und Toni Kroos scheinen in der Mittelfeldzentrale gesetzt. Aber um sie herum bleiben viele Fragezeichen. Und das knapp ein halbes Jahr vor der Europameisterschaft im kommenden Sommer. "Die Mannschaft muss sich jetzt vor einem Turnier auch langsam einspielen, deshalb brauchen wir eine grundsätzliche Linie, einen roten Faden, auch personell", meint auch Löw. Aber eben dieser rote Faden fehlt.

Nationalelf: Im Vergleich nur Mittelmaß

All diese Faktoren machen Deutschland zu einer Mittelklassemannschaft im internationalen Vergleich. Normalerweise ist die FIFA-Weltrangliste mit Vorsicht zu genießen. Aber der 16. Platz für die Deutschen ist eventuell recht aussagekräftig. Gegen die meisten anderen großen Fußballnationen würde es die DFB-Auswahl im Moment schwer haben, einen Sieg zu erringen.

Nun kann Bundestrainer Löw immer noch darauf verweisen, dass sich die Nationalmannschaft im Umbruch befindet und Geduld gefragt ist. Allerdings hat diese Geduld gewiss nicht jeder im Verband und erst recht nicht jeder in der Öffentlichkeit. Und zum anderen gestaltet sich ein Umbruch problematisch, wenn entsprechend Nachwuchstalente fehlen, auf die nun aufgebaut werden kann.

Fazit:

Es ist doch schwer vorstellbar, dass die Deutschen in den nächsten Jahren wieder in einem internationalen Finale stehen werden, wenn die meiste Last auf wenige Schultern verteilt ist und Löw selbst mit seiner taktischen Arbeit das Team nicht besser macht.

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