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Chelsea's head coach Thomas Tuchel reacts during the English Premier League soccer match between Sheffield United and Chelsea at Bramall Lane stadium in Sheffield, England, Sunday, Feb. 7, 2021. (Lee Smith/ Pool via AP)

Thomas Tuchel beschwert sich beim vierten Schiedsrichter. Bild: Pool Reuters / Lee Smith

Analyse

"Großes Explosionspotenzial": England-Experte über Thomas Tuchels Arbeit
beim FC Chelsea

Fünf Siege, ein Unentschieden, lediglich ein Gegentor und der Sprung von Platz neun auf Rang vier. Thomas Tuchel ist beim FC Chelsea ein traumhafter Einstand gelungen. Unter dem deutschen Trainer läuft es sogar so gut, dass selbst Nationalstürmer Timo Werner seine Torflaute nach knapp drei Monaten ohne Treffer am vergangenen Montag beim Heimsieg gegen Newcastle beendet hat. Der deutsche Coach hat den Londoner Klub nach einer bisher turbulenten Saison wieder stabilisiert und blickt nun in eine aufregende Zukunft.

Joachim Hebel, Kommentator und Kenner des englischen Fußballs, sieht für Chelsea unter Tuchel große Chancen, ein ernsthafter Anwärter auf Premier-League-Titel zu werden. "Ein englischer Kollege meinte zu mir, dass die Gemeinschaft Thomas Tuchel und Chelsea das Potenzial hat, unfassbar zu werden. Aber sie hat seit Ewigkeiten auch das größte Explosionspotenzial", sagt Hebel.

Nicht nur Timo Werner, sondern auch Antonio Rüdiger, der unter Ex-Coach Frank Lampard aussortiert wurde und keine Rolle mehr spielte, ist plötzlich wieder wichtig. Auch, wenn ihm der bisher einzige Gegentreffer in der Ära Tuchel per Eigentor unterlief, stand er bisher in fünf von sechs Partien auf dem Feld. Sein neuer Coach schätzt ihn und seinen Ansatz, selbst als Innenverteidiger immer die spielerische Lösung suchen zu wollen. Und Timo Werner verrät einen ganz besonderen Grund, warum er plötzlich unter Tuchel wieder das Tor trifft.

"Es hat mir geholfen, dass mich jemand auf Deutsch anschreien kann. Er ist ein richtig guter Typ und hat eine gute Vorstellung von dem Fußball, den wir spielen wollen", sagte Werner nach dem Sieg am Montagabend.

Unter Tuchel kann bei Chelsea etwas Großes entstehen

Nun muss es Thomas Tuchel nur noch schaffen, Kai Havertz aus seinem Formtief herauszuholen. Sein Vorgänger Lampard fand in seinem System keine geeignete Position für das deutsche Ausnahmetalent, so hatte er große Schwierigkeit, sich an das englische Spiel anzupassen.

"Er hat unglaubliches Potenzial und kann alles erreichen. Aber er muss lernen, mehr den Körper reinzustellen und mehr Körperspannung zu haben. Jetzt muss er dagegenhalten und zeigen, dass er mehr als nur ein Talent ist." Dass Thomas Tuchel der richtige Trainer ist, um jungen Talenten zum nächsten Schritt zu verhelfen, zeigte er vor allem in Mainz.

Doch nicht nur die deutschen Nationalspieler, sondern das gesamte Team profitiert von Tuchel. "Die Mannschaft war unter Ex-Trainer Frank Lampard weder ein großes Konterteam, noch stand sie für Ballbesitzfußball", sagt England-Experte Joachim Hebel. "Jetzt kommt Tuchel mit einem klaren Plan und enormen Charisma." Er prophezeit: "Wenn er der positive Typ bleibt, dann kann es richtig was werden."

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Bei einem Training in Mainz war Tuchel sauer auf Angreifer Shawn Parker. Video: YouTube/rheinmaintv

Doch Tuchel war während seiner vorherigen Stationen nie immer nur der positive Typ. Bei seinen Tätigkeiten in Mainz und Dortmund hatte er nicht immer das beste Verhältnis zu seinen Spielern. Er gilt als Kontrollfreak, dem eine gewisse Empathielosigkeit nachgesagt wird. Ähnliches bestätigt auch England-Experte Hebel: "Er wird ab und zu im Umgang mit den Spielern ein bisschen fahrig und das kann viel kaputt machen."

Gerade in der jungen Mannschaft des FC Chelsea könnte Tuchel somit schnell die positive Aufbruchstimmung zerstören.

Doch nicht nur der Umgang mit Spielern, auch das Verhältnis zu seinen Vorgesetzten litt während seiner Jahre in Dortmund (2015 bis 2017) und Paris (2018 bis 2020). In Dortmund verkrachte er sich mit Manager Michael Zorc, Chefscout Sven Mislintat, der unter Tuchel sogar entlassen wurde, und am Ende auch mit BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. "Thomas ist schon ein schwieriger Mensch, das sieht man jetzt auch in Paris. Aber ein fantastischer Trainer", kritisierte und lobte ihn BVB-Boss Watzke Ende November vergangenen Jahres.

Kurz vor seiner Entlassung bei Paris Saint-Germain kritisierte Tuchel mehrfach öffentlich die Transferpolitik des Vereins und lieferte sich einen Machtkampf mit Sportdirektor Leonardo, den beide über die Medien austrugen. "Wir wissen, dass sich Thomas Tuchel sehr früh mit Leuten angelegt hat. Bei allen Klubs hatte er Probleme mit Obrigkeiten", ordnet Premier League Experte Joachim Hebel ein. Das könnte gerade mit Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch zu einigen Diskussionen führen.

Doch Chelseas junge Mannschaft und ein erfolgshungriger, aber streitbarer Thomas Tuchel sorgen dafür, dass der Londoner Klub nach seinen teuren Sommertransfers im Wert von über 100 Millionen Euro endgültig zum spannendsten Fußballprojekt Europas wurde.

(lgr)

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