Bayerns Benjamin Pavard blickt ungläubig in Richtung Anzeigetafel.
Bayerns Benjamin Pavard blickt ungläubig in Richtung Anzeigetafel. Bild: www.imago-images.de / Eibner-Pressefoto/Gabriel Boia
Analyse

"Zu viel gerannt": Drei Gründe für Bayerns historische Pokal-Blamage in Gladbach

28.10.2021, 17:1228.10.2021, 18:33

So sprachlos erlebt man Hasan Salihamidžić selten. "Ich bin absolut schockiert", sagte der Sportvorstand des FC Bayern nach der historischen 0:5-Blamage der Münchner im DFB-Pokal bei Borussia Mönchengladbach bei der ARD. Es war die höchste Pflichtspielniederlage des FC Bayern seit 1978.

"Es ist alles schwer zu erklären, das muss ich ganz ehrlich sagen", fügte der 44-Jährige hinzu. Auch Trainer Dino Toppmöller, der zum dritten Mal Chefcoach Julian Nagelsmann vertrat, sprach von einem "rabenschwarzen Tag". Das sei "sehr, sehr schwer zu akzeptieren und wir müssen die nächsten Tage ertragen, dass Häme und Spott über uns hergehen werden", erkärte er auf der Pressekonferenz.

watson nennt drei Gründe, warum der Rekordmeister trotz seiner bisher fabelhaften Saison gegen Gladbach über 90 Minuten absolut chancenlos war.

1. Gladbachs mutige Spielidee

Die Borussia machte genau das, was sich bisher nur wenige bis keine Mannschaft gegen den FC Bayern getraut hat: Sie gingen immer wieder ins Risiko und attackierten die Münchner früh in ihrer Hälfte, um schnelle Ballverluste zu erzwingen. Und das, obwohl die Gladbacher in der Bundesliga bisher nicht vor Selbstvertrauen strotzten. Platz 12 und Siege gegen Dortmund oder Wolfsburgs folgten unerklärliche Niederlagen gegen Augsburg oder Hertha.

Und so schwärmte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl am Mittwochabend von einer "magischen Nacht". "Man träumt ab und zu von so etwas. Aber, dass so etwas mal Realität wird, glaubt man nicht."

Der Plan von Trainer Adi Hütter, der bereits als Frankfurt-Trainer die Münchner im November 2019 mit 5:1 abschoss, ging voll auf. Die Münchner waren mit dem Angriffspressing heillos überfordert. So mutig hatte zuvor noch keine Mannschaft gegen sie agiert.

"Man träumt ab und zu von so etwas. Aber das so etwas mal Realität wird, glaubt man nicht."
Gladbach-Sportdirektor Max Eberl nach dem 5:0-Sieg

Müller: "Zerpflückt von A bis Z"

Selbst die hochgelobte Münchner Mittelfeldzentrale um Kimmich und Goretzka und auch das Innenverteidiger-Duo Upamecano/Hernández leisteten sich unerklärliche Abspielfehler und fand nie die richtige Position auf dem Feld. Die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen und Spielern waren viel zu groß. So war es für die Münchner fast unmöglich, das Spielgerät nach Ballverlusten wieder zurückzugewinnen.

"Wir wurden in der ersten Halbzeit zerpflückt von A bis Z. Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erlebt habe im Trikot des FC Bayern. Wir müssen uns bei unseren Fans entschuldigen", sagte Thomas Müller in der ARD.

Gladbach wurde durch die frühe Führung nach den Treffern von Kone (2. Minute) und Bensebaini (15.) nur noch weiter beflügelt und spielte sich in einen absoluten Rausch. Jede Aktion gelang, jeder abgeprallte Ball landete bei einem Spieler der Gastgeber.

Die Münchner hingegen bekam offensiv kein Bein auf den Boden und schossen in 90 Minuten lediglich sechsmal auf das Gladbacher Tor. Abgesehen von einem Kopfball von Tolisso, der in der 77. Minute an der Latte landete, wurde Gladbach-Torhüter Sommer nicht geprüft.

2. Die ausbleibende Bayern-Wut

"Wir haben übers ganze Spiel gesehen nicht den Punkt gefunden, wo dieser FC-Bayern-Wut-Motor angeht", sagte Nationalspieler Müller nach der Partie. "Wir sind von uns anderes gewohnt."

So ganz recht hatte Müller mit der Aussage aber nicht, denn einige Bayern-Spieler warfen nach dem frühen 0:3-Rückstand nach 20 Minuten den Wut-Motor an.

Das Problem: Wenn das nicht bei jedem Spieler passiert, entsteht auf dem Platz ein katastrophales Durcheinander, wie die restliche Spielzeit erlebt. Die offensive Staffelung ging komplett verloren, statt an eine mannschaftliche Geschlossenheit und Aufgaben zu denken, wollte gefühlt jeder Spieler selbst die Aufholjagd einleiten.

Kimmich (l.) und Goretzka waren mit dem Gladbacher Pressing komplett überfordert.
Kimmich (l.) und Goretzka waren mit dem Gladbacher Pressing komplett überfordert. Bild: www.imago-images.de / Laci Perenyi

Ex-Bayern-Coach Guardiola erklärte eine Schwächephase von seines Teams zu Beginn des Jahres mit den Worten: "Wir sind zu viel gesprintet und haben uns zu viel bewegt. Aber wenn du den Ball hast, musst du joggen und den Sprint im richtigen Moment anziehen."

Genau das ist im Münchner Spiel am Mittwochabend passiert. Denn mehr Ballbesitz (62 Prozent) hatten die Bayern und spielten auch mehr Pässe (518 zu 321), doch gefährliche Chancen sprangen dabei nicht heraus.

"Wir haben versucht, uns irgendwie aufzubäumen, aber ich glaube nicht, dass man das am Fernsehschirm gesehen hat", gab sich auch Müller bei der ARD enttäuscht.

3. Kollektives Versagen des FCB-Teams

In einem Post bei Instagram nach dem Spiel entschuldigte sich Thomas Müller nochmal bei den Fans des FC Bayern und nutzte dabei die Wörter "Blackout" und "paralysiert". Bereits zuvor erklärte er bei Sky: "So ein kollektives Versagen einer Bayern-Mannschaft in einem K.o.-Spiel habe ich selber noch nicht erlebt. Das ist ein bisschen schwierig zu fassen, wenn ich ehrlich bin."

Gerade wenn man bedenkt, dass die Münchner in einer absoluten Top-Verfassung waren und ihre Konkurrenten nach Belieben dominierten.

Sinnbildlich für die Leistung der Münchner am Mittwochabend war dabei die Leistung von Innenverteidiger Dayot Upamecano, der ausgerechnet an seinem Geburtstag einen rabenschwarzen Abend erwischte. Der französische Nationalspieler, aber auch sein Nebenmann Lucas Hernández gaben bei den ersten vier Gegentoren eine mindestens unglückliche Figur.

Nach einer schlechten ersten Halbzeit wurde es im zweiten Durchgang aber nur noch schlimmer. Zunächst wollte der 23-Jährige einen ungefährlichen Ball an der Eckfahne abgrätschen, verfehlte diesen jedoch komplett und holte dafür Gladbach-Stürmer Embolo von den Beinen.

Und nur wenige Minuten später verschätzen sich er und Nebenmann Hernández nach einem langen Ball, Embolo schnappte sich den Ball und haute ihn zum zwischenzeitlichen 4:0 ins Netz.

"Natürlich waren das viele Geschichten, aber damit sind wir in letzten Spielen auch zurecht gekommen und haben sehr gute Leistungen gezeigt."
Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidžić zu den Nebengeräuschen vor dem Spiel

Thomas Müller nahm nach dem Spiel lediglich Manuel Neuer in Schutz, wollte aber keinen Spieler explizit herauspicken. "Wenn man Manu (Manuel Neuer; Anm. d. Red.) ausnimmt, den wir schön alleine gelassen haben, war es von allen Beteiligten eine katastrophale Leistung."

Und auch Bayern-Sportvorstand Salihamidžić sagte, dass man Upamecano wieder aufbauen werde. "Er hat in letzter Zeit sensationell gespielt. Aber auch das ist unerklärlich. Das sollte uns in der Art nicht passieren aber passiert."

Dayot Upamecano (l.) und Alphonso Davies sitzen nach dem Spiel enttäuscht auf der Bank.
Dayot Upamecano (l.) und Alphonso Davies sitzen nach dem Spiel enttäuscht auf der Bank. Bild: Laci Perenyi / Laci Perenyi

Dass die Mannschaft doch von den zahlreichen Nebengeräuschen um Nagelsmanns Corona-Erkrankung, die ausbleibende Kimmich-Impfung und dem Hernandez-Gerichtsverfahren abgelenkt wurde, wollte er nicht gelten lassen.

"Natürlich waren das viele Geschichten, aber damit sind wir in letzten Spielen auch zurecht gekommen und haben sehr gute Leistungen gezeigt. Wir können damit nicht in Verbindung bringen, dass wir nicht umschalten oder in die Zweikämpfe gehen."

Kahn mit klarer Ansage über Bayern-Star – "Immer noch geschockt"

Das Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern am Samstagabend ist nicht nur das Aufeinandertreffen zwischen dem Tabellenzweiten und dem Tabellenersten, sondern auch das große Duell der beiden wohl besten Stürmer der Welt: Dortmunds Erling Haaland und Bayerns Robert Lewandowski.

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