Osnabrücks Aaron Opoku (Mitte) schildert Schiedsrichter Nicolas Winter und seinem Assistenten die rassitischen Beleidigungen.
Osnabrücks Aaron Opoku (Mitte) schildert Schiedsrichter Nicolas Winter und seinem Assistenten die rassitischen Beleidigungen.Bild: www.imago-images.de / Maik Hölter/TEAM2sportphoto
Analyse

"Nicht nur ein Lippenbekenntnis": Experte lobt Verhalten aller Beteiligten nach Rassismusvorfall in der
3. Liga

20.12.2021, 13:3630.12.2021, 11:44

Eigentlich wollte Aaron Opoku am frühen Sonntagnachmittag nur einen Eckstoß ausführen. Doch so weit kam es in der 35. Minute der Drittliga-Partie zwischen dem MSV Duisburg und dem VfL Osnabrück gar nicht mehr. Während der Osnabrücker-Profi beim Stand von 0:0 auf dem Weg in Richtung Eckfahne war, "wurden Affenlaute von der Tribüne gerufen", berichtete Schiedsrichter Nicolas Winter nach dem Spiel. Laut der "Bild"-Zeitung soll ein Zuschauer zudem gerufen haben: "Du Affe kannst eh keine Ecken schießen!"

Was folgte, war ein Novum im deutschen Fußball. Das erste Mal in der Geschichte wurde ein Spiel der ersten drei Profi-Ligen aufgrund eines Rassismusvorfalls abgebrochen.

"Das ist etwas, wo wir sehr sensibel sind und auch direkt reagieren. Ich habe versucht, mich direkt um ihn zu kümmern und habe gesehen, wie schockiert er war", sagte Schiedsrichter Winter.

Für Gerd Wagner, Rassismus-Experte der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt/Main, war das genau die richtige Reaktion. "Es ist ein sehr positives Signal, dass der Schiedsrichter so konsequent gehandelt hat und der Drei-Stufen-Plan des DFB nicht nur als Lippenbekenntnis vor sich hergeschoben wurde, sondern konsequent in die Tat umgesetzt wurde", sagte er im Gespräch mit watson.

Fußball nur als Spiegelbild der Gesellschaft

Dass es diesen Vorfall aber im Stadion gegeben hat, überrascht Wagner nicht. Schließlich seien der Fußball und die Fans auf den Rängen ein Abbild der Gesellschaft. Und gerade Rassismus sei ein gesellschaftspolitisches Thema, das auch im Fußball immer wieder aufploppen würde. "Niemand gibt seine politische Meinung am Eingang des Stadions ab", erklärt Wagner.

"Wir dürfen das im Fußball und in der Gesellschaft nicht akzeptieren", forderte aber auch Osnabrücks Geschäftsführer Michael Welling nach dem Vorfall bei Magenta TV. Dabei galten die Laute wohl nicht nur Osnabrücks Okopu, sondern auch Duisburgs Abwehrspieler Leroy Kwadwo, das ging aus Wellings Ausführungen hervor. Der 25-Jährige war gemeinsam mit weiteren Spielern zur Unterstützung zur Eckfahne geeilt.

Nachdem Aaron Opoku rassistisch beleidigt wird, versuchen ihn Schiedsrichter Nicolas Winter und Duisburgs Leroy Kwadwo zu beruhigen.
Nachdem Aaron Opoku rassistisch beleidigt wird, versuchen ihn Schiedsrichter Nicolas Winter und Duisburgs Leroy Kwadwo zu beruhigen. Bild: www.imago-images.de / Maik Hölter/TEAM2sportphoto

"Es kann nicht sein, dass wir immer nur Parolen formulieren, dass wir Sprüche auf T-Shirts kleben. Wir müssen reagieren, wenn so etwas passiert", sagte Welling. Und so reagierten die Beteiligten mit dem Abbruch, schließlich sei Okopu "sehr, sehr fertig und nicht mehr in der Lage zu spielen", berichtete der Osnabrücker Boss.

Fans helfen bei Identifizierung

DFB-Vizepräsident Rainer Koch und auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius lobten ebenfalls das Vorgehen der Vereine und der Fans.

Sie stimmten nicht nur "Nazis raus"-Rufe an, sondern halfen dabei den Täter im Nachhinein zu ermitteln.

Denn laut Duisburgs Pressesprecher Martin Haltermann konnte der beschuldigte Fan mithilfe weiterer Zuschauer schnell identifiziert werden. Die Duisburger Polizei erstattete noch am Abend wegen Beleidigung Anzeige gegen den 55-jährigen Tatverdächtigen.

Der Beschuldigte räumte gegenüber der Duisburger Polizei sogar ein, den Satz so geäußert zu haben, jedoch einen anderen Osnabrücker Spieler, der zum Eckball bereitstand, gemeint zu haben. Das erklärte die Polizei am Montag gegenüber dem Sportinformationsdienst.

Insgesamt ist Wagner erfreut darüber, wie alle Beteiligten reagiert und sich auch mit dem betroffenen Spieler solidarisiert haben. "So eine Reaktion wünsche ich mir bei solchen Vorfällen."

Osnabrücks Geschäftsführer Michael Welling (l.) und Duisburgs Präsident Ingo Wald
Osnabrücks Geschäftsführer Michael Welling (l.) und Duisburgs Präsident Ingo WaldBild: Revierfoto / Revierfoto

Und egal, ob es Einzelpersonen seien oder womöglich größeren Gruppen – man dürfe laut Wagner rassistische Äußerungen nicht einfach hinnehmen und darüber hinwegsehen. "Es gibt die Optionen, die Stadion-Security oder den Ordnungsdienst einzuschalten und darauf aufmerksam zu machen, dass man etwas gehört hat. Und dann liegen die Handlungsmöglichkeiten beim Verein."

Fall liegt nun beim
DFB-Kontrollausschuss

Fraglich ist nun viel mehr, wie es weitergeht. Der Kontrollausschuss des DFB wird sich intensiv mit dem Fall befassen. Die Beteiligten haben sich grundsätzlich aber nur an die Regularien des Verbandes gehalten, der "bei diskriminierenden Vorfällen in jeglicher Form" einen Drei-Stufen-Plan vorsieht und die dritte Stufe der Spielabbruch ist.

Der DFB erklärte in einer Mitteilung am Sonntag lediglich, dass das Sportgericht zu einem späteren Zeitpunkt über die Wertung des Spiels entscheiden wird. Doch Osnabrücks Geschäftsführer Welling erklärte bereits, dass ihm und seinen Duisburger Kollegen ein Wiederholungsspiel am liebsten wäre.

Grundsätzlich sind drei Szenarien in diesem Fall möglich. Das Spiel wird entweder für den MSV Duisburg gewertet, der VfL Osnabrück wird als Sieger erklärt oder beide Teams treffen erneut aufeinander.

Doch alles andere als eine Neuansetzung der Partie würde Gerd Wagner für nicht sinnvoll halten. "Dann würde man den Effekt, dass man sich positiv für Spieler einsetzt und sich gegen Rassismus wehrt, konterkarieren. Dann würde sich aus Furcht, dass ein Spiel abgebrochen oder sein eigener Verein damit bestraft wird, niemand mehr für andere Menschen einsetzen."

Doch der ganze Vorfall könne in gewisser Weise auch einen positiven Effekt haben, denn schließlich seien weitere solcher Fälle in Zukunft auch nicht auszuschließen.

"Statt dass der DFB den MSV Duisburg jetzt irgendwie sanktioniert, hätte es eine Signalwirkung, wenn der Verband sagt, dass er sich genau so ein Verhalten der Vereine wünscht." Dies würde andere Vereine und Spieler ebenfalls dazu ermutigen, bei rassistischen Beleidigungen nicht abzulassen, sondern die Regularien und womöglich sogar einen Spielabbruch durchzusetzen.

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