Die Olympischen Ringe auf dem Olympischen Turm in Peking in der Nähe des Nationalstadions.
Die Olympischen Ringe auf dem Olympischen Turm in Peking in der Nähe des Nationalstadions.Bild: Getty Images AsiaPac / Kevin Frayer
Exklusiv

"Von der neuen Bundesregierung erwarte ich einen diplomatischen Boykott": Direktor von Human Rights Watch fordert Konsequenzen für Olympia

18.12.2021, 13:1919.12.2021, 11:24

Die Olympischen Winterspiele (4. bis 20. Februar 2022) in Peking rücken immer näher, aber gesprochen wird weniger über den Sport, sondern vielmehr über die diplomatischen Boykotte verschiedener Nationen.

Anfang Dezember hatten die USA angekündigt, keine hochrangigen Politiker oder Diplomaten nach Peking zu den Winterspielen zu schicken. Als Reaktion auf die sich ständig wiederholenden Menschenrechtsverletzungen in China soll dieser Entschluss zu sehen sein. Daraufhin schlossen sich einige andere Staaten an, unter anderem auch Australien und Großbritannien.

Sportler sollen dennoch teilnehmen

Das Besonders daran: Einen vollständigen Boykott, bei dem auch die Sportler nicht anreisen, soll es nicht geben. In hohem Ausmaß gab es das zuletzt 1984 bei den Spielen in Los Angeles und 1980 in Moskau. Damals als Auswirkung des Ost-West-Konflikts zwischen den USA und der Sowjetunion.

In der aktuellen Debatte hält sich Deutschland noch bedeckt. Sehr zum Unmut von Wenzel Michalski, dem deutschen Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Im Gespräch mit watson erklärt er: "Der diplomatische Boykott ist der Schritt, der jetzt angesagt ist. Man muss darüber reden, wie weit man geht. Ganz klar ist aber, dass keine Politiker oder hochrangige Diplomaten zu den Spielen geschickt werden dürfen."

"Ein diplomatischer Boykott ist mehr als nur ein Mittelweg. Es ist eine Sache, die wir fordern."
Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch in Deutschland, gegenüber watson

Deutschland hat sich bis jetzt noch nicht klar dazu positioniert. Außenministerin Annalena Baerbock plädierte zuletzt für eine einheitliche Herangehensweise der europäischen Staaten: "Wir werden sowohl gemeinsam in der neuen Bundesregierung darüber entscheiden, wie wir weiter damit umgehen, und das aber im Einklang mit unseren europäischen Freunden."

Für Michalski kann es hingegen nur eine Lösung geben: Und die heiße diplomatischer Boykott: "Ein diplomatischer Boykott ist mehr als nur ein Mittelweg. Es ist eine Sache, die wir fordern und auch von der neuen Bundesregierung erwarten."

Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland.
Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland.Bild: imago stock&people / Reiner Zensen

Klar positioniert hat sich allerdings schon Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Er halte einen diplomatischen Boykott für "Symbolik" und forderte auf, "Dinge zu bewegen" und "einen nützlichen Effekt zu erzielen". Das könnte bedeuten: Nach Peking fahren, um dort eine Veränderung der Situation zu fördern.

Allerdings gab es diese Herangehensweise vor nicht allzu langer Zeit. Als die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking stattfanden, seien die Teilnehmerstaaten mit der gleichen Einstellung angereist, erklärt Michalski von Human Rights Watch: "Die Olympischen Spiele 2008 in Peking haben bewiesen, dass sich die Menschenrechtslage durch solch ein Großereignis nicht verbessert. Deshalb war es auch eine frevelhafte Entscheidung, die Spiele erneut nach China zu geben."

Sportswashing als Instrument für autoritäre Staaten

Michalski ist sich dabei sicher, dass China die Olypmischen Spiele nutzt, um von den Menschenrechtsverletzungen, wie die Unterdrückung der Uiguren, abzulenken. Er nennt diesen Vorgang "Sportswashing" und erklärt ihn so:

"Sportswashing ist ein Modeausdruck, der dafür angewendet wird, wenn Sport von autoritären Staaten genutzt wird, um den Ruf aufzupolieren und Missstände zu vertuschen."

Bei all den Boykottrufen, werden die Teilnahmen der Athleten und Athletinnen nicht infrage gestellt. Oft sind die Olympischen Spiele, die bekanntlich nur alle vier Jahre stattfinden, die Karrierehöhepunkte der Teilnehmenden. "Die Athleten und Athletinnen sind nicht verantwortlich dafür, wo der Verband oder der Klub antreten muss", erklärt Michalski, findet aber auch kritische Worte:

"Ganz ungeschoren kommen die Athleten und Athletinnen auch nicht davon, weil sie in ihrer Karriere wissentlich darauf eingehen, dass sie bei Veranstaltungen in solchen Ländern teilnehmen, wenn sie ihren sportlichen Ehrgeiz befriedigen wollen."

Er geht sogar so weit, dass er die traditionelle Ehrung der Medaillengewinner nach deren Rückkehr nach Deutschland, wegen der Menschenrechtsverletzungen Chinas ausfallen lassen würde. Michalski erklärt: "Aus diesem Grund sollte auch darüber überlegt werden, ob man die Medaillengewinner überhaupt ehrt, wenn sie zurück aus einem Land kommen, wo die Menschenrechte nicht geachtet werden."

"Das IOC trat bei der verschwundenen Tennisspielerin Peng Shuai zuletzt trotz eigenen Statuten quasi als Regierungssprecher des chinesischen Regimes auf."
Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch in Deutschland, gegenüber watson

Gleichzeitig hat Michalski aber auch Verständnis dafür, dass sich Athleten und Athletinnen nicht während der Olympischen Spiele kritisch gegenüber China äußern. "Wenn man sich den Fall Peng Shuai anschaut, wird klar, wie gefährlich es ist, sich in China politisch zu äußern. Das wird auch klar, wenn man bedenkt, wie viele Journalisten verschwunden sind."

Die Tennisspielerin Shuai hatte Anfang November dem früheren stellvertretenden Premierminister Zhang Gaoli sexuelle Nötigung vorgeworfen. Seitdem verschwand sie aus der Öffentlichkeit. Mittlerweile tauchte ein Video auf, dass Shuai in einem Restaurant zeigt. Dennoch sind sich die UNO und politische Beobachter sicher, dass Shuai unter Hausarrest stehe.

Das IOC um Präsident Thomas Bach führte zwei Schaltgespräche mit Shuai und versucht den Fall nun, laut eigenen Aussagen, mit "stiller Diplomatie" zu lösen. Kritiker werfen ihm vor, den Fall dadurch aus der Öffentlichkeit halten zu wollen. Michalski spricht klar an: "Das IOC trat bei der verschwundenen Tennisspielerin Peng Shuai zuletzt trotz eigenen Statuten quasi als Regierungssprecher des chinesischen Regimes auf."

Das passt zur weiteren Kritik, die Michalski besonders an Sportverbände richtet. Oft würden sie sich selbst auferlegen, die Menschenrechte zu achten und sich dafür einzusetzen. "In Wirklichkeit ist das aber nicht der Fall. Das sieht man bei der FIFA, dem DFB und dem IOC." Das Verschwinden von Shuai sei dafür ein gutes Beispiel.

Michalski fordert Prüfung der Menschenrechtssituation vor Vergabe

Zum Abschluss gab Michalski einen Verbesserungsvorschlag, damit der organisierte Sport bei anstehenden Großereignissen nicht erneut in eine solche Zwickmühle komme. "Ich denke, wenn die Sportverbände es ernst nehmen mit ihren Satzungen und Regeln und vor einer Vergabe die Menschenrechte bei potenziellen Ausrichtern kontrollieren, dann wäre das sehr zu begrüßen."

Die Menschenrechtssituation könnte demnach ein Kriterium sein, um überhaupt die Zusage für Olympische Spiele oder eine Weltmeisterschaft zu erhalten.

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