Ein Flitzer mit einer Regenbogenfahne sorgte vor dem EM-Gruppenspiel zwischen Deutschland und Ungarn im Sommer für Aufsehen.
Ein Flitzer mit einer Regenbogenfahne sorgte vor dem EM-Gruppenspiel zwischen Deutschland und Ungarn im Sommer für Aufsehen. Bild: sampics / Stefan Matzke / sampics
Analyse

"Dann müssen sie nach der WM mit Konsequenzen rechnen": So steht es ein Jahr vor der WM um die Rechte der LGBTQIA+-Community in Katar

17.11.2021, 12:3917.11.2021, 12:44

Am 27. Oktober sorgte Josh Cavallo für viel Aufsehen. In einem emotionalen Statement in den sozialen Netzwerken outete sich der 22-jährige Australier. Der offene Umgang mit der eigenen Sexualität ist im Fußballbusiness im Jahr 2021 immer noch eine absolute Besonderheit.

In Interviews mit australischen Medien kam anschließend auch die Frage auf, ob Cavallo bei einer Nominierung für die australische Nationalmannschaft an der WM in Katar teilnehmen würde.

"Ich habe so etwas gelesen, dass es die Todesstrafe für homosexuelle Menschen in Katar gibt. Das ist also etwas, was mir große Angst macht und ich würde nicht wirklich nach Katar gehen wollen", sagte der Profi von Adelaide United im "The Guardian"-Podcast.

"Katar geht nicht nur Schwule und Lesben etwas an, Katar stellt uns alle vor die Frage, für welchen Preis sind wir bereit unsere Haltung zu verkaufen."
Alfonso Pantisano, Mitglied des Bundesvorstands des Lesben-und Schwulenverbands Deutschland

Denn genau ein Jahr vor dem Turnierbeginn ist nicht nur die Lage der Arbeitsmigranten vor Ort erschreckend, sondern auch die Lebensumstände für Menschen der LGBTQIA+-Community und Frauen.

"Nach wie vor leiden Frauen unter der männlichen Vormundschaft. Ein Arbeitgeber ruft beispielsweise beim Ehemann an und fragt, ob die Frau arbeiten darf, gleiches auch bei einer Konto-Eröffnung an der Bank. Dazu sind die LGBTQIA+-Rechte quasi nicht vorhanden. Allein das Bekenntnis zu Homosexualität ist strafbar", erklärt Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland im Gespräch mit watson.

Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) fordert daher ein viel härteres Eingreifen der gesamten Gesellschaft. "Wann empört sich die Mehrheitsgesellschaft endlich darüber, dass heute im Jahr 2021 nicht alle so gleichbehandelt werden, wie alle anderen auch und wann greifen wir kollektiv ein", fragt Alfonso Pantisano, Mitglied des Bundesvorstands, im Gespräch mit watson.

"Katar geht nicht nur Schwule und Lesben etwas an, Katar stellt uns alle vor die Frage, für welchen Preis sind wir bereit unsere Haltung zu verkaufen", fügt er hinzu.

Katar will sich Fifa-Regularien fügen

Laut der Gesetzgebung des Wüstenemirats drohen Homosexuellen bis zu sieben Jahre Gefängnis. Zwar sind aktuell keine Hinrichtungen bekannt, doch nach Scharia-Recht gilt für homosexuelle Muslime in Katar sogar die Todesstrafe.

Menschenrechtsexperte Michalski ist der Meinung, dass man als Mitglied der LGBTQIA+-Community aber keine Sorgen vor einer Reise zum Turnier im kommenden Winter haben müsse: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass westliche Zuschauer im Gefängnis landen, wenn sie geoutet sind, selbst, wenn sie eine Regenbogenflagge tragen. Die Katarer sind sich der Außenwirkung bewusst."

Von den Verantwortlichen hieß es bereits, dass ausländische WM-Gäste nichts zu befürchten hätten. Zwar forderte WM-Organisations-Chef Hassan Al Thawadi 2019 homosexuelle Fans auf, "keine öffentliche Zuneigung zu zeigen", doch Marketing- und Kommunikationschef Nasser Al-Khater verkündete in einem Youtube-Werbefilm, dass sich Katar den Fifa-Regularien, die für Toleranz und Inklusion fördern, fügen wolle.

"Wenn es um die Regenbogenflaggen in den Stadien geht, hat die FIFA ihre eigenen Richtlinien, sie haben ihre Regeln und Vorschriften. Welche das auch immer sein mögen, wir werden sie respektieren."

Dies versicherte Al-Khater zumindest allen WM-Gästen, die im Winter 2022 in das Wüstenemirat reisen wollen. Ob das jedoch auch für die eigene Bevölkerung gilt, glaubt Human-Rights-Watch-Direktor Michalski nicht.

"Wenn sich ein Katarer beispielsweise im Anflug von Enthusiasmus dazu hinreißen lassen würde, eine Regenbogenfahne zu schwenken, dann müssen sie zumindest nach der WM Konsequenzen befürchten."

Daher fordert Pantisano gerade von den Menschen außerhalb der LGBTQIA+-Community eine genaue Betrachtung der Lage vor Ort. "Denn Menschenrechte gehen uns alle an und sind ein Thema für die gesamte Gesellschaft und nicht nur von vermeintlichen Minderheiten."

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass westliche Zuschauer im Gefängnis landen, wenn sie geoutet sind."
Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland

Diskussion um Regenbogenfahne bereits während der EM 2021

Bereits während der vergangenen EM gab es zahlreiche Diskussionen um das Tragen und Zeigen der Regenbogenfahne im Stadion. Während des Turniers trug beispielsweise Deutschlands Nationaltorwart Manuel Neuer eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben am Arm.

Zudem wollte die Stadt München, dass die Münchner EM-Arena zum Spiel gegen Ungarn in Regenbogenfarben leuchtet. Zuvor waren vor allem ungarische Fans immer wieder durch ausländerfeindliche und homophobe Äußerungen aufgefallen. Dies wurde jedoch von der Uefa als Veranstalter des Turniers verboten.

Fans der deutschen Nationalmannschaft protestierten während des EM-Achtelfinals gegen England gegen die nicht vorhandenen LGBTQIA+-Rechte in Katar.
Fans der deutschen Nationalmannschaft protestierten während des EM-Achtelfinals gegen England gegen die nicht vorhandenen LGBTQIA+-Rechte in Katar.Bild: Pressebildagentur ULMER / ULMER

LSVD-Bundesvorstandsmitglied Pantisano erklärte zwar, dass er die Geste von Manuel Neuer als Zeichen der Solidarität begrüßte, diese würde der Community vor Ort jedoch nicht helfen und auch kein Menschenleben retten.

Viel mehr fordert er, dass der DFB eine echte Haltung zeigt und beschreibt genau, wie diese aussehen soll: "Haltung zeigt sich nicht, indem man gerade steht auf dem Fußballplatz. Haltung zeigt sich darin, dass man stehen bleibt und kein Territorium betritt, das mit Blick auf die Menschenrechte ein Minenfeld ist. Ich erwarte vom DFB mehr als nur eine Regenbogenarmbinde."

Zur Verbesserung der Lage der LGBTQIA+-Community sieht Pantisano daher nur eine Lösung: den Boykott des Turniers. "Wir müssen dem Regime in Katar den Geldhahn zudrehen. Wir haben die Wahl: nicht einschalten, nicht hinfahren, kein Geld ausgeben. Und zwar alle zusammen, nicht nur die LGBTIQ+-Community."

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