Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes.
Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes.
Bild: imago sportfotodienst / Wuest
Exklusiv

Tischtennis-Sportdirektor hadert mit Olympia-Vorbereitung: "Im Fußball spielt man auch nicht eine Europameisterschaft und sechs Wochen später eine Weltmeisterschaft"

24.07.2021, 11:2528.07.2021, 17:44
Nikolai Stübner

Wenn ab Montag die Medaillen-Entscheidungen beim Tischtennis-Wettbewerb bei Olympia anstehen, wird Richard Prause mal einen kurzen Moment zum Durchatmen haben. Denn gerade die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele brachte für den Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes zu so einige Schwierigkeiten mit sich.

Der Grund: Die Corona-Pandemie. Wie leider in so vielen Bereichen des aktuellen Lebens. Prause erklärt gegenüber watson: "Die große Herausforderung war, dass wir wenig internationale Wettkämpfe im Vorfeld hatten. Dadurch fallen die Vergleiche mit den anderen Nationen weg und man kann nicht so gut schauen, auf welchem Weg man in der Vorbereitung ist."

"Die große Herausforderung war, dass wir wenig internationale Wettkämpfe im Vorfeld hatten."
Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes

In Jahren ohne Pandemie haben seine Spielerinnen und Spieler ein bis zwei internationale Turniere monatlich, so Prause. Zwar habe man die Bundesliga spielen können, aber internationale Wettbewerbe habe es nur im November 2020 und Ende Februar 2021 gegeben. Dazu kam die Europameisterschaft, die im Juni gespielt wurde – vom Zeitpunkt her sei das nicht optimal. Prause sagt: "Mitte bis Ende Juni gab es zwar die Europameisterschaft, aber eigentlich ist sie mitten in die Vorbereitung der Olympischen Spiele gefallen. Wir haben sie natürlich trotzdem gespielt, weil auch eine EM eine absolute Ziel-Veranstaltung ist."

Das explizite Problem: Normalerweise konzentriere man sich mindestens sechs Wochen vor Olympia ausschließlich auf die Spiele. Prause gibt einen Vergleich: "Man muss sich das ein bisschen wie im Fußball vorstellen: Da spielt man ja auch nicht eine Europameisterschaft und sechs Wochen später eine Weltmeisterschaft."

Erfahrung mit Turnieren in Asien helfen

Immerhin: Durch regelmäßige Spiele in Asien habe die Tischtennis-Abteilung keine Probleme mit der Akklimatisierung und der Zeitumstellung in Tokio. Nacht-Trainingslager, wie es beispielsweise Wasserspringer Patrick Hausding absolvierte, mussten die Tischtennisspieler und -spielerinnen nicht machen. "Vereinzelt haben wir Trainingseinheiten verschoben, um uns den Zeiten in Asien anzupassen. Die Sportlerinnen und Sportler sind am 19. Juli in Tokio angekommen. Dann hatten sie fünf Tage bis der Wettkampf startet, damit sich alle gut akklimatisieren können – das bekommen wir gut hin."

Neben der Akklimatisierung sind aber vor allem die Abläufe rund um die Olympischen Spiele wegen der Pandemie anders und anstrengender. Prause zählt auf: "Grundsätzlich müssen wir unsere Aktivitäten ganz genau planen und einen Zeitplan abgeben. Letztlich bewegen wir uns im Dreieck zwischen dem olympischen Dorf, den Trainingshallen und den Wettkampfhallen. Der Besuch von anderen Sportarten oder touristischen Ausflügen ist generell nicht erlaubt." Damit fällt auch eine Besonderheit von Olympia weg. Sonst konnten sich die Sportler und Sportlerinnen der Delegationen bei ihren Wettkämpfen gegenseitig von den Rängen unterstützen.

Erfolgreich will Prause mit seinem Team dennoch sein. Vor allem die Top-Stars Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov geben dafür Mut. Prause ist selbstbewusst: "Natürlich wollen wir um Medaillen spielen. Wir haben es 2008, 2012 und 2016 in verschiedenen Bereichen geschafft. Deshalb wäre es schön, wenn wir etwas mit nach Deutschland bringen könnten." Im Teamwettbewerb sprang 2008 Silber heraus, 2012 und 2016 wurde es Bronze. Angeführt wurde die Mannschaft immer von Boll. Der 40-Jährige gilt als der erfolgreichste deutsche Tischtennisspieler, aktuell liegt er in der Weltrangliste auf dem zehnten Platz. Eine Medaille im Einzel-Wettbewerb bei Olympia fehlt ihm allerdings noch.

"Natürlich wollen wir um Medaillen spielen."
Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes

Dabei startet Boll ebenfalls nicht mit einer optimalen Vorbereitung. Vor seinem Abflug nach Tokio verletzte er sich leicht an der Hüfte, bei einem internen Testturnier verzichtete er deshalb auf einen Einsatz. Auch beim zweiten deutschen Hoffnungsträger gab es vor dem Abflug nach Tokio kleinere "Wehwechen". Bei ihm soll das Knie gezwickt und der linke Fuß leicht geschwollen gewesen sein. Dennoch ist Ovtcharov optimistisch, sagte vor dem Abflug: "Ich bin noch gesund, aber durch das hohe Trainingspensum bin ich jetzt am Limit. Insgesamt habe ich mich niemals besser auf ein Turnier vorbereitet als auf diese Olympischen Spiele."

Petrissa Solja ist mit ihren Kolleginnen im Team-Wettbewerb eine deutsche Medaillen-Hoffnung.
Petrissa Solja ist mit ihren Kolleginnen im Team-Wettbewerb eine deutsche Medaillen-Hoffnung.
Bild: www.imago-images.de / Marcin Szymczyk

Ovtcharov gewann 2012 im Einzel die Bronze-Medaille. Er ist neben Bundestrainer Jörg Roßkopf (Bronze 1996) der einzige deutsche Medaillen-Gewinner im Einzel. Aber auch die Damen könnten Edelmetall holen. Mit Petrissa Solja, Ying Han und Xiaona Shan steht dasselbe Trio bereit, das 2016 in Rio im Teamwettbewerb Silber holte. Besonders Solja ist in guter Form. Sie gewann erstmals die Europameisterschaft. Gleichzeitig werden die Gold-Medaillen wohl an die übermächtige Konkurrenz aus China gehen. Wenngleich Richard Prause das sicherlich nicht hofft.

(Mit Material von dpa)

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