Bundestrainer Joachim Jogi LOEW,L

Nach der Europameisterschaft wird Jogi Löw als Bundestrainer aufhören. Für ihn übernimmt Hansi Flick. Bild: IMAGO / Sven Simon

Löws letztes Turnier: "Werde nicht zu einem völlig anderen Trainer"

Joachim Löw steht vor seinem letzten Turnier. Für Wehmut ist aber kein Platz. Der scheidende Bundestrainer hat noch große Ziele, muss aber zunächst Probleme lösen.

Joachim Löw weiß ganz genau, was von ihm erwartet wird. Die Forderung an den Bundestrainer steht in Seefeld auf zahllosen Werbeplakaten. "Für echte Höchstleistungen" wie geschaffen sei die Olympiaregion in den Tiroler Alpen, in der sich Löw auf seine letzte Turnier-Mission vorbereitet. Doch ist er in seinem 15. Amtsjahr noch einmal bereit für den beschwerlichen Gipfelsturm? Oder droht der nächste, jähe Absturz?

"Ich gehe mit der gleichen Konzentration und Vorfreude rein", sagte Löw bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Seefeld am Samstag über sein achtes Turnier als Chef und betonte: "Ich werde mich jetzt nicht zu einem völlig anderen Menschen oder Trainer machen." Löw bleibt Löw. Aber reicht das noch?

Der 61-Jährige steht zum vorerst letzten Mal verstärkt im Fokus. Seine Arbeit, ja sogar sein Auftreten wird bis ins kleinste Detail gedeutet. Hat der Bundestrainer etwa, wie so viele Menschen in der bleiernen Corona-Zeit, ein bisschen zugelegt? Hat er noch genug Spannkraft für die zehrenden Turnierwochen? Geht er vor der EM noch einmal zum Friseur?

Löw muss zusammengewürfelte Mannschaft einen

Jenseits des Boulevards gibt es viel drängendere, sportlich überaus bedeutsame Fragen. Gelingt es Löw, noch einmal eine Spielidee zu entwickeln, mit der seine neu zusammengestellte Mannschaft gegen Top-Teams wie Weltmeister Frankreich oder Titelverteidiger Portugal in der schwersten EM-Gruppe bestehen kann? Löst er diesmal den 2018 so verhängnisvollen Generationenkonflikt zwischen den Rio-Weltmeistern um die Rückkehrer Thomas Müller und Mats Hummels und den Confed-Cup-Helden um Wortführer Joshua Kimmich?

Müller und Hummels, betonte Löw, sollen "den Ton angeben" – und zwar nicht nur auf dem Platz. Löw ahnt, dass das nicht allen schmecken wird - und appellierte an "Werte" wie Vertrauen und Offenheit, "die jeder jeden Tag leben muss". Als Beispiel führte er seine Rio-Helden an, bei denen sich auch ein Miroslav Klose klaglos auf die Bank gesetzt habe. Seine klare Ansage an die 26 EM-Fahrer: "Da heißt es auch, Eigeninteressen hinten anzustellen."

Neben dem Teamgeist will Löw nach den jüngsten Rückschlägen gegen Spanien (0:6) oder Nordmazedonien (1:2) vom ersten Tag an "Gewinnermentalität" aufbauen. "Wir brauchen beim Turnier Spieler, die vorangehen und anderen in schwierigen Situationen helfen", erklärte er.

Inhaltlich möchte Löw an Standards und der Chancenverwertung arbeiten. "Das Hauptaugenmerk" aber, sagte er mit Nachdruck, "muss lauten, dass wir in der Defensive stabiler werden."

Mannschaft will Löw "goldenen Abschied schenken"

Das erste, noch lockere Training in Seefeld gab da wenige Aufschlüsse. Beim Gang auf den abgeschirmten Trainingsplatz suchte Löw das Gespräch mit Müller, bei der Einheit selbst beließ er es bei wenigen kurzen Anweisungen. Ansonsten kickte er mal hier einen Ball lässig an die Latte oder schaute versonnen hinauf zu den Toni-Seelos-Schanzen und den schneebedeckten Bergen.

Die große Riege der Experten hält sich mit Kritik an Löw aktuell (noch) zurück, stattdessen stehen Würdigungen für sein beachtliches Lebenswerk im Vordergrund. Die Spieler betonen, sie wollten ihrem scheidenden Chef "einen goldenen Abschied schenken", wie Kapitän Manuel Neuer am Samstag unterstrich, "das habe ich mir persönlich auf die Fahne geschrieben".

DFB-Direktor Oliver Bierhoff traut Löw ein letztes Hurra zu. "Er stellt sich immer wieder neu auf die Mannschaft ein und weiß, dass es eine andere ist als von 2010 bis 2018", sagte er. In der Hochphase dieser Ära begeisterte Löws Elf die Fans mit stilvollem Ballbesitzfußball und technisch-taktischem Geschick. Sie dominierte die Gegner, bis diese nicht mehr anders konnten als zu kapitulieren.

"Jetzt haben wir eine andere Situation", gab Bierhoff zu bedenken, die "sehr junge Mannschaft" müsse sich noch finden. Es wird wohl Löws schwerste Aufgabe.

Wehmut, meinte Löw, schwinge dabei "nicht mit, überhaupt nicht". Er wisse: "Das ist mein letztes Turnier. Ich bin mit meiner Entscheidung im Reinen."

(vdv/afp)

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