Jogi Löw lehnt sich beim Training gelassen ans Tor.
Jogi Löw lehnt sich beim Training gelassen ans Tor.Bild: dpa / Federico Gambarini

Letzte Dienstreise? Cooler Löw demonstriert vor Klassiker Gelassenheit

28.06.2021, 16:03

Letzte Dienstreise oder fast freie Fahrt ins Finale? Den coolen Bundestrainer Joachim Löw lassen solche Gedankenspiele vor dem heißen Achtelfinal-Klassiker gegen England kalt. Der locker am Torpfosten lehnende Löw demonstrierte beim Abschlusstraining große Gelassenheit, er blendete vor dem Abflug nach London zum emotionalen Duell im Fußball-Tempel Wembley alle Störgeräusche der vergangenen Tage aus: "Jetzt geht es um alles oder nichts. Jetzt gibt es kein Pardon mehr", sagte Löw.

Seine kurze Ansprache an die Spieler bei schweißtreibenden Temperaturen beendete er mit einem energischen Klatschen – Manuel Neuer und Co. hatten ihren Chef verstanden.

"Wir haben ein Etappenziel erreicht, aber das ist nicht, was wir wollen. Wir geben uns mit der Achtelfinalteilnahme nicht zufrieden", sagte Kapitän Neuer und plante schon die Rückkehr in die Kathedrale des Fußballs nach dem Gastspiel am Dienstag (18.00 Uhr/ARD und MagentaTV): "Wir wollen noch mal in London spielen."

Nach England hat Deutschland Chancen aufs Finale

Bei einem Sieg ist dieses Szenario sogar wahrscheinlich. Im Viertelfinale würde Schweden oder die Ukraine warten, im Halbfinale wäre Tschechien oder Dänemark der Gegner. Ein goldener Abschluss für Löw mit dem EM-Endspiel am 11. Juli ist nicht unrealistisch.

Doch zunächst muss die hohe Hürde England übersprungen werden, auch wenn das DFB-Team in Wembley seit 1975 in sieben Spielen (sechs Siege) ungeschlagen ist. "Das sind zwei große Fußball-Nationen, das wird hoffentlich ein Leckerbissen", sagte Thomas Müller.

Nach überstandenen Knieproblemen wird der Antreiber für Leroy Sane wieder in die Startelf rücken. "Er ist für uns Gold wert, er hebt uns auf ein höheres Niveau", sagte Robin Gosens. Zudem dürfte Leon Goretzka für Ilkay Gündogan seine Chance von Beginn an erhalten.

Deutschland muss auf die Defensive achten

Löw brütete auf dem rund zweistündigen Flug von Nürnberg nach London an den letzten Details seines England-Plans, die Lösung ist aber gar nicht so kompliziert. Bei den vergangen sieben Spielen bei EM oder WM geriet die DFB-Auswahl mit 0:1 in Rückstand.

Gegen die defensivstarken Gastgeber (kein Gegentor in der Vorrunde) könnte dies schon ein entscheidender Rückschlag sein. "Jetzt entscheidet jede Kleinigkeit, da müssen wir hellwach sein. Eine stabile Defensive ist jetzt elementar wichtig", sagte Neuer.

Auch ohne Fan-Unterstützung wähnt sich das DFB-Team im Vorteil. "Wir wollen immer wieder in diese englische Turnierwunde reinstechen. Wir wollen sie unsicher machen", sagte Müller. Er sieht beim dreimaligen Europameister, dem Rocker Peter Maffay bei einem Besuch im "Campo" kräftig einheizte, "Selbstvertrauen und Lust".

Bis zu 2000 Deutschland-Fans in Wembley erwartet

Die durch die jüngsten Duelle traumatisierten Engländer übten schon die Abläufe eines Elfmeterschießens. Ein Szenario, das Kai Havertz nicht ausschloss. "Wir gehen ins Spiel rein, um es nach 90 Minuten zu gewinnen, aber man muss darauf auch vorbereitet sein", sagte der England-Legionär.

In den Boulevard-Blättern wird der Siegtorschütze des Champions-League-Endspiels schon als "England-Schreck" bezeichnet. Havertz kündigte grinsend an: "Ich hoffe, dass ich es am Dienstag sein werde."

Die Stimmung ist gelöst, dazu trug Maffay bei. Dessen Besuch "war eine gelungene Abwechslung", sagte Neuer, der wie seine Teamkollegen nur von bis zu 2000 in England lebenden Deutschen im Stadion unterstützt wird. 

Die deutsche Elf hat nicht in England trainert

"Da sind die Engländer klar im Vorteil", sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der Deutschland vor 25 Jahren im Wembley-Stadion mit seinem Golden Goal gegen Tschechien zum bisher letzten EM-Titel geschossen hatte.

Die Spieler nehmen die Situation als Motivation. "Es ist geil, wenn die Hütte mit eigenen Fans gefüllt ist, aber es ist fast genauso geil, wenn man die gegnerischen Fans zum Verstummen bringen kann", sagte Gosens. Man wolle dafür sorgen, "dass es in Wembley so leise wie möglich ist".

Als zusätzliche Unterstützung stand Bierhoff beim Abschlusstraining im Glutofen Adi-Dassler-Stadion in Herzogenaurach mit auf dem Feld, der Ärger um die nicht zustande gekommene Einheit am Spielort hallte noch nach. Löw war über die UEFA-Vorgabe "not amused". Der verstimmte Bundestrainer witterte Wettbewerbsverzerrung.

Die UEFA zeigte sich irritiert. Die deutsche Auswahl habe sehr wohl die Möglichkeit gehabt, die Einheit in London zu absolvieren, hieß es, "verbunden mit einem eingeschränkten Zugang zu bestimmten Bereichen des Spielfelds". Deutschland habe "jedoch nicht darum gebeten, im Stadion zu trainieren". Nach SID-Informationen gab es das UEFA-Angebot aber erst, nachdem Löw seinen Unmut über das anfängliche Verbot hatte kundtun lassen.

(lfr/afp)

Stammplatz verloren: Flieht dieser DFB-Star jetzt nach Italien?

Florian Neuhaus von Borussia Mönchengladbach muss sich gerade vorkommen wie im falschen Film. Letztes Jahr galt er noch als einer der kommenden Leistungsträger im deutschen Fußball, der sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft mit wichtigen Toren und konstant guten Leistungen punktete. Doch aktuell ist die Realität für ihn eine andere: Unter dem neuen Gladbach-Trainer Adi Hütter hat Neuhaus seinen Stammplatz verloren und kommt oft nur noch von der Bank. In der Bundesliga stand er nur sechs Mal in der Startelf, über die vollen 90 Minuten durfte er nur in den ersten beiden Ligaspielen ran.

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