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Fußball-Kolumne

DFB-Team: Zukunft der Nationalmannschaft – Was sind "deutsche Tugenden"?

21.11.2023, Österreich, Wien: Fußball: Länderspiele, Österreich - Deutschland, Ernst-Happel-Stadion. Deutschlands Mats Hummels (l) und Joshua Kimmich stehen nach dem Spiel auf dem Platz. Jürgen Kohler ...
Hängende Köpfe, fragende Blicke – und die Suche nach "deutschen Tugenden". Auch bei Mats Hummels (links) und Joshua Kimmich. Bild: dpa / Christian Charisius
Fußball-Kolumne

Die Zukunft der Nationalmannschaft: Was sind "deutsche Tugenden"?

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
24.11.2023, 17:31
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Nach den letzten Niederlagen in den Länderspielen gegen die Türkei und Österreich herrscht Ratlosigkeit im deutschen Fußball. Der neuen DFB-Führung ist es in den zurückliegenden Jahren gelungen, die jahrelang anhaltende Krise des Verbandes auch vollends auf die Nationalmannschaft zu übertragen. Das gesamte Führungspersonal im sportlichen Bereich wurde vom Präsidenten Bernd Neuendorf ausgetauscht.

Es wurden neue Chefposten geschaffen und Direktoren berufen. Die Struktur ist jetzt breiter und differenzierter aufgestellt. Gebracht hat das alles bislang gar nichts. Im Gegenteil: Sieben Monate vor dem Start der Fußball-Europameisterschaft liegt der DFB mit seinem ausdauernden Neuanfang am Boden.

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Neu an der misslichen Situation ist jedoch, dass sowohl dem verantwortlichen Personal als auch den außenstehenden Experten die treffenden Ideen, Begriffe und Erklärungen für den desolaten Zustand der Nationalmannschaft ausgegangen sind.

DFB-Team: Der Ruf nach "deutschen Tugenden"

Deshalb wird seit Monaten das Narrativ bedient, die Spieler der Nationalmannschaft müssten sich viel stärker an den sogenannten "deutschen Tugenden" orientieren: kämpfen, laufen, Härte zeigen. Der absolute Wille, das allerletzte aus dem Körper herausholen. Sich für die Mannschaft und den Erfolg aufopfern und in jeder Aktion so etwas wie eine dreckige Gier zeigen.

Fanforscher Harald Lange.
Fanforscher und watson-Kolumnist Harald Lange. Bild: Uni Würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 55-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

Ich bezweifele, dass es gelingen wird, allein mit dieser Opfermentalität Fußballspiele zu gewinnen. Wäre der Fußball so einfach gestrickt, dann könnte wirklich jedes Team gewinnen. Unsere Nationalspieler bringen solche Tugenden allesamt mit zu den DFB Lehrgängen, denn sie spielen in den besten Mannschaften Europas seit vielen Jahren erfolgreich Fußball.

"Offensichtlich hat beim DFB niemand einen Plan."

An den Basics liegt es also definitiv nicht, dass der deutsche Fußball Monat für Monat immer weiter abstürzt und sich demnächst auf Augenhöhe mit Mannschaften arrangieren muss, die in der Weltrangliste zwischen Platz 50 und 100 liegen. Die Fehler im DFB liegen tiefer: im Bereich der Konzeption und Atmosphäre.

DFB spart mit klaren Analysen

Das ewige Beschwören der "deutschen Tugenden" unterstreicht doch nur die Hilf- und Ratlosigkeit des verantwortlichen Personals. Es fehlen eine umfassende, kritische Analyse und eine mitreißende Vision für die Zukunft.

Fans und Öffentlichkeit hatten sich in den zurückliegenden Jahren daran gewöhnt, dass man seitens des DFB mit öffentlichen und vor allem kritischen Analysen sparsam umgeht. Nach jedem Scheitern bei den letzten drei großen Turnieren wurde zuerst Zeit geschunden, um dann Monate später irgendwelche Floskeln, halbgare Analysen und Vermutungen vorzulegen, die grundsätzlich am Kern des Problems vorbeigingen.

Die Öffentlichkeit begnügte sich tatsächlich mit dem Prinzip Hoffnung und der immer wieder neu ins Spiel gebrachten Idee eines weiteren Neuanfangs.

Sportdirektor Rudi Völler meinte gleich im Anschluss an die DFB-Katar-Analyse, dass unsere Nationalmannschaft im Grunde genauso stark sei wie die Teams aus Marokko und Argentinien. Darüber hinaus wurde in der DFB-Chefetage sogar die One-Love-Kapitänsbinde für das Scheitern verantwortlich gemacht und man betonte tausendmal, dass man sich nun auf das Wesentliche, den Fußball, konzentrieren wolle.

Julian Nagelsmann dringt mit seiner Idee nicht zur Mannschaft durch

Offensichtlich hat beim DFB niemand einen Plan. Was ist denn nun das Wesentliche? Welche Mannschaft kann man in sportlicher Hinsicht aus den verfügbaren Spielern formen? Wie können und wie sollen sie spielen? Bei seinem Amtsantritt versprach der neue Bundestrainer Julian Nagelsmann, dass er einen einfachen, von den Basics getragenen Fußball spielen lassen wolle. Was auch immer das sein mag.

ARCHIV - 22.09.2023, Hessen, Frankfurt/Main: Fußball: DFB, Nationalmannschaft, Pressekonferenz nach der Präsidiumssitzung. DFB-Sportdirektor Rudi Völler spricht während einer Pressekonferenz. (zu dpa: ...
Nach der Niederlage gegen Österreich meinte Rudi Völler, es fehlten ein bisschen die "deutschen Tugenden".Bild: dpa / Jörg Halisch

Die Analyse seiner ersten vier Länderspiele zeigt, dass die Mannschaft offensichtlich nicht versteht, was er von ihnen auf dem Platz erwartet. Im Interview nach dem Österreich-Spiel bestätigte der Nationaltrainer dieses Defizit, stellte allerdings auch fest, dass das Team im Training, in der Freizeit und den Besprechungen alles kapiere und wunderbar harmonisieren und funktionieren soll.

Entscheidend ist jedoch auf dem Platz! Und diesen Leitsatz sollte man in der DFB-Chefetage einfach mal mit Leben füllen.

Toni Kroos: Ex-Mitspieler deckt kuriosen Umgang mit Kollegen auf

DFB-Sportdirektor Rudi Völler hat vor der Europameisterschaft einen großen Wunsch. Dass Toni Kroos "am 14. Juli sein letztes Spiel" bestreitet und im besten Fall auch gewinnt. Dann würde der 34-Jährige seine erfolgreiche Karriere mit dem EM-Finale im Berliner Olympiastadion beenden. Ein Titel, der in der Trophäensammlung von Kroos noch fehlt.

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