Sport
Fußball-Kolumne

EM 2024: Wirbel um WDR-Umfrage – der DFB hat eine Chance verpasst

05.06.2024, Bayern, Herzogenaurach: Fu
Antonio Rüdiger (im Vordergrund) und Kapitän İlkay Gündoğan (im Hintergrund) sind zwei Gesichter des DFB-Teams.Bild: dpa / Christian Charisius
Fußball-Kolumne

Wirbel um WDR-Umfrage: Der DFB hat eine Chance verpasst

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
07.06.2024, 17:13
Mehr «Sport»

Den Aufreger der Woche lieferte eine Studie von Infratest dimap, deren Mitarbeiter in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) herausgefunden hatten, dass mehr als ein Fünftel der Deutschen in ihren Vorstellungen vom DFB-Team rassistischen Tendenzen folgen.

21 Prozent der Befragten hatten sich mehr "weiße" Spieler in der deutschen Nationalmannschaft gewünscht.

Fanforscher Harald Lange.
Fan-Forscher Harald Lange kommentiert in seiner Kolumne die Fußballwelt.Bild: Uni Würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 55-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war gut gewählt: Zwei Wochen vor dem EM-Start ging die Meldung viral. Politik und fußballinteressierte Öffentlichkeit zeigten sich entsetzt. Was halten wir von der Diversität unserer Nationalmannschaft? Ist sie Abbild der Gesellschaft? Ein positives Beispiel gelingender Integration? Ein Motor gesellschaftlicher Entwicklungen? Vorbild?

Oder ist das Gegenteil der Fall? Wird die Anzahl derer, die das Integrationsthema überfordert, größer? Existieren an dieser Stelle auch rassistische Tendenzen? Beängstigende Fragen für eine Gesellschaft, die im Lichte weltpolitischer Krisen und Herausforderungen nach Orientierung und Halt sucht.

Diversität im DFB-Team ist kein neues Thema

Und der Fußball? Was kann und soll eine Europameisterschaft in diesen Zeiten für die Menschen in Deutschland leisten? "Einigkeit und Recht und Vielfalt" – so lautet der Titel der Dokumentation des Journalisten Philipp Awounou, in der er der Frage nachgeht, wie die Deutschen mit dem Diversitätsthema in ihrer Nationalmannschaft umgehen.

Im Grunde handelt es sich um einen Film, wie er seit Jahrzehnten zu jedem großen Turnier im Fußball aufgelegt werden kann. Wir alle wissen, unsere Nationalmannschaft und der Fußball sind divers. Junge Männer und Frauen mit Migrationshintergrund schießen Tore für Deutschland, verteidigen unseren Strafraum und stehen jederzeit für die Werte ein, die den Sport auszeichnen und ihn so wertvoll machen.

Für diejenigen, die aus dem Sport kommen, im Fußball und anderen Sportarten Erfahrungen im Miteinander und Vereinsleben gesammelt haben, mag die neue Doku überflüssig anmuten. Die Sache ist doch klar. Sport verbindet, Sport integriert und im Fußball präsentieren wir der Gesellschaft an jedem Spieltag und in jedem Training wundervolle Beispiele gelebter Integration.

Es sei denn, die gesellschaftliche Lage hätte sich in jüngster Zeit geändert und auf den Sport abgefärbt. Deshalb fragen die Journalisten des WDR: Mögen wir die Diversität unserer Nationalmannschaft? Oder wünschen sich einige der Fans und Beobachter etwas anderes?

Watson ist jetzt auf Whatsapp
Jetzt auf Whatsapp und Instagram: dein watson-Update! Wir versorgen dich hier auf Whatsapp mit den watson-Highlights des Tages. Nur einmal pro Tag – kein Spam, kein Blabla, nur sieben Links. Versprochen! Du möchtest lieber auf Instagram informiert werden? Hier findest du unseren Broadcast-Channel.

Während der Recherchen zum Film war Philipp Awounou auf zahlreiche rassistisch konnotierte Äußerungen gestoßen und hielt es für eine gute Idee, diese unangenehmen Statements Einzelner mithilfe einer repräsentativen Umfrage zu prüfen. Konkret ging es um den Migrationshintergrund und die Hautfarbe deutscher Nationalspieler.

Drei Kernfragen sollten aufklären, lösen aber Zweifel aus

Handelt es sich bei den despektierlichen Äußerungen um Einzelmeinungen irgendwelcher Ewiggestrigen oder deuten die gefundenen Beispiele auf einen bedenklichen gesellschaftlichen Wandel hin? Der WDR war der Meinung, die Sachlage mit einer Umfrage aufzuklären, die aus drei Kernfragen besteht:

  • Ich fände es besser, wenn wieder mehr weiße Spieler in der deutschen Nationalmannschaft spielen.
  • Ich finde es gut, dass in der deutschen Mannschaft mittlerweile viele Fußballer spielen, die einen Migrationshintergrund haben.
  • Ich finde es schade, dass der derzeitige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft türkische Wurzeln hat.

Diese Fragen sind suggestiv und mit Blick auf die Standards in der empirischen Sozialforschung unglücklich gewählt. Die daraus abgeleiteten Ergebnisse führten uns in eine unsägliche Debatte um die Frage, ob es bei dieser Studie mit rechten Dingen zugehe. Dabei gerieten der sehenswerte Film und die darin enthaltenen rassistischen Ressentiments in den Hintergrund.

Der DFB hat eine Chance verpasst

Der Bundestrainer Julian Nagelsmann schimpfte regelrecht auf diejenigen, die diese Studie geplant und vorgelegt hatten. "Ich hoffe, nie wieder so was von so einer Scheißumfrage lesen zu müssen."

Damit wurde das Thema von höchster Stelle abgeräumt. Im Umfeld der Nationalmannschaft ist kein Platz für gesellschaftspolitische Themen.

Ich meine, man hätte über diese Studie hinwegsehen können und stattdessen die sehenswerte Dokumentation zum Anlass nehmen müssen, um seitens des DFB ein glasklares Bekenntnis gegen Rassismus abzugeben.

Immerhin steht die Europameisterschaft unter dem Motto "United by Football". Was meinen die Uefa und der DFB damit? Wieder einmal die Klappe halten, wenn es darauf ankommt, aufzustehen und Haltung zu zeigen?

FC Bayern will gleich zwei Topstars loswerden

133 Millionen Euro. So viel hat der FC Bayern München in dieser Transferperiode bereits für neue Spieler ausgegeben. Angesichts der Tatsache, dass beim Transfer von Harry Kane, der im vergangenen Jahr knapp unter 100 Millionen Euro gekostet hat, über Monate hinweg darüber diskutiert wurde, ob der Verein damit nicht seine Ideale über Bord werfe, ist es doch erstaunlich, wie locker in diesem Sommer das Scheckbuch der Verantwortlichen zu sitzen scheint.

Zur Story